Die teuflische Karriere der Shahed – wie eine Drohne um die Welt ging und zwei Kriegsschauplätze vereint hatRussland bombardiert die Ukraine immer wieder mit Massen an Shahed-Drohnen. Eine Fabrik im Osten des Landes produziert monatlich Tausende dieser Flugkörper. Die Ukraine kann viele von ihnen abwehren. Davon kann der Westen lernen.25.06.2026, 05.27 Uhr6 LeseminutenEine Shahed-Drohne über Kiew kurz vor dem Einschlag.Efrem Lukatsky / APAnfang Juni schlug ein Geschoss im Terminal des Flughafens von Kuwait ein. Die Videoaufnahme ging um die Welt. Schnell war klar, worum es sich mutmasslich handelte: Ein grosses fliegendes Dreieck, eine Drohne mit Deltaflügeln – das konnte nur eine iranische Shahed-136 sein. So sehen es viele Fachleute. Das Regime in Teheran bestreitet das.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch weit mehr als die Menschen am Persischen Golf bekommen die Ukrainer die Auswirkungen dieser Drohnen zu spüren. Mittlerweile setzen die Russen ihre Version (Geran) in Hunderten Exemplaren bei einer einzigen Angriffswelle ein. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski feuerte Russland allein in der ersten Juniwoche über 3250 Geran-Drohnen auf ukrainische Städte ab, meist in Begleitung von Raketen oder Marschflugkörpern.Massive Drohnenangriffe sind Kriegsalltag. Doch sie erzählen noch eine andere Geschichte als die von Tod und Zerstörung. Es ist die Geschichte einer Waffe, die über Deutschland und Israel nach China und Iran gelangte, von Russland weiterentwickelt wurde und heute gleichzeitig auf zwei Kriegsschauplätzen eingesetzt wird.Einschlag einer mutmasslichen Shahed-Drohne im Flughafen Kuwait.Die Shahed, wie sie von den Iranern genannt wird, und die Geran, wie sie bei den Russen heisst, sind die ersten globalisierten Kampf- und Kamikaze-Drohnen des 21. Jahrhunderts. Denn auch die USA haben inzwischen eine ähnliche Billigdrohne entwickelt. Das «Low-Cost Uncrewed Combat Attack System» (Lucas) ist eine Kamikaze-Drohne, die unter Vorlage abgefangener Shahed-136 von den Amerikanern nachgebaut wurde. Die US-Streitkräfte sollen sie erstmals im Krieg gegen Iran in diesem Jahr eingesetzt haben.Diese Drohnen sind wirksam und gefährlich, obwohl sie technologisch keine «Rocket Science» sind. Shahed, Geran und Lucas sind keine Tarnkappendrohnen, wie sie andere Staaten entwickelt haben. Sie sind auch nicht besonders schnell.Trotzdem beschäftigen vor allem Shahed-136 und Geran-2 modernste Luftverteidigungssysteme. Dafür gibt es einen Grund: Sie verbinden grosse Reichweite, niedrige Kosten und industrielle Massenproduktion miteinander. Während westliche Staaten in erster Linie immer präzisere und teurere Waffen entwickelten, perfektionierten Iran und später Russland eine Waffe, die gut genug ist, um grossen Schaden anzurichten, und billig genug, um sie tausendfach einzusetzen.Die Geschichte beginnt wahrscheinlich in DeutschlandDie Geschichte der Shahed beginnt wahrscheinlich in Deutschland. In den achtziger Jahren entwickelte die Rüstungsfirma Dornier im Auftrag der Bundeswehr eine Drohne, die sich wie eine Cruise Missile auf sowjetische Radargeräte stürzen sollte. Diese «Drohne Anti Radar (DAR)» besass bereits die Merkmale der heutigen Shahed und Geran: Deltaflügel, Schubpropeller, Start aus einem Container und ein Kamikaze-Profil.Nach dem Kalten Krieg stellte die Bundeswehr das Projekt ein. Die Drohne aber war fertig, gebaut gemeinsam mit Israel, und die Idee verschwand nicht. Israel entwickelte daraus die Harpy-Drohne, die es später nach China verkaufte. Von China führte der Weg weiter nach Iran. Ob die heutige Shahed tatsächlich auf die deutsche DAR-Drohne zurückgeht, lässt sich nicht beweisen. Die Parallelen sind aber auffällig.Für die Gegenwart ist die Herkunft der Drohne weniger entscheidend als die Frage, was Russland aus diesem Fluggerät gemacht hat. Die Antwort darauf liegt in einem Ort tief im Osten des Reiches von Wladimir Putin: Alabuga in der Sonderwirtschaftszone Tatarstan. Russland produziert dort die Geran. Satellitenbilder, westliche Think-Tanks und ukrainische Recherchen beschreiben Alabuga als Fabrik, die Tausende Drohnen pro Monat produziert.Der Ausstoss, so heisst es in Studien, sei nur deshalb nicht noch grösser, weil es an Fachkräften mangle. Die Produktionskapazitäten seien massiv erweitert worden, Bauteile, Werkzeuge und Maschinen kämen vor allem aus Iran und China. Russland hat die Shahed-136 industrialisiert.Masse zähltWas sich in der Ukraine und am Persischen Golf zeigt, ist eine altbekannte Lehre des Krieges: Masse zählt. Als Russland die ersten Drohnenangriffe startete, setzte es noch aus Iran mit Flugzeugen herbeigeschaffte Shahed ein. Da die importierte Zahl begrenzt war, konnten die Russen nur vergleichsweise wenige Drohnen verwenden. Einige Dutzend Shahed galten damals als Grossangriff.Heute attackiert Putins Armee mit Hunderten Drohnen gleichzeitig. Manche Angriffe dauern die ganze Nacht und treffen vor allem grosse Städte wie Kiew, Charkiw und Dnipro. Das Ziel der Russen ist nicht allein die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, sondern die Überlastung der Flugabwehr. Auf diese Weise soll den nachfolgenden, schnelleren Raketen und Marschflugkörpern der Weg frei gemacht werden.Westliche Bauteile in russischen Geran-DrohnenIn Alabuga haben russische Ingenieure die Shahed weiterentwickelt. Sie verbesserten Reichweite, Navigation und Elektronik. Der Sprengkopf ist heute grösser und zerstörerischer. Die Drohnen können Umwege fliegen und Luftverteidigungssysteme umgehen. In einem Schwarm fliegen auch Drohnen mit, die ukrainische Störsender unterdrücken.Bei der Weiterentwicklung der Shahed zur Geran-Drohne spielen westliche Unternehmen eine Rolle. Untersuchungen ukrainischer Behörden und unabhängiger Fachleute belegen, dass abgeschossene Geran-Drohnen trotz der Sanktionen zahlreiche westliche Bauteile enthalten. Darunter befinden sich Chips und andere elektronische Komponenten amerikanischer und europäischer Hersteller.Die Geran-Drohne ist damit keine rein iranisch-russische Waffe, sondern ein Produkt globalisierter Lieferketten. Viele Bauteile gelangen über Zwischenhändler und Drittstaaten nach Russland. China spielt den Untersuchungen gemäss eine zentrale Rolle. Das Land, ein enger Verbündeter Putins, bezieht aus asiatischen und westlichen Staaten Produkte, die sich sowohl zivil als auch militärisch einsetzen lassen.Die Folge: Eine Waffe, mit der Russland inzwischen fast jede Nacht die Ukraine bombardiert, enthält Mikroelektronik und andere Bauteile, die auch in zivilen Produkten rund um die Welt verwendet werden. China weist die westliche Kritik an der Weitergabe dieser Technik nach Russland regelmässig als «haltlose Spekulationen» und «Verleumdungen» zurück.Wolfram-Schrapnelle im GefechtskopfNoch beunruhigender ist die Entwicklung der Gefechtsköpfe. Der ukrainische Schriftsteller Sergei Gerasimow beschrieb kürzlich in der NZZ einen russischen Drohnenangriff in Charkiw. Danach seien nach den Explosionen Tausende kleiner Wolfram-Splitter in Häuserwänden, Türen und Bäumen gefunden worden. Die Wirkung war verheerend: Die Drohnen zerstörten nicht nur ihr Ziel, sondern verwandelten den gesamten Umkreis in ein Splitterfeld.Damit hat Russland die Drohne zu einer Waffe aufgerüstet, deren Wolfram-Schrapnelle sich wie bei einer Granate in rasender Geschwindigkeit verteilen. Ihr Einsatz zielt nicht mehr nur auf die Zerstörung von Gebäuden, sondern auf die Maximierung von Opfern in einem weiten Umkreis. Dadurch sollen möglichst viele Menschen zugleich getötet, Infrastruktur beschädigt und psychologischer Druck auf die Ukrainer erzeugt werden.Die eine Abwehrwaffe gibt es nichtPräsident Selenski klagt anhaltend über zu wenige Abfangraketen, um vor allem die Marschflugkörper und ballistischen Raketen der Russen bekämpfen zu können. Für die Geran-Drohnen aber bleibt den Ukrainern nur die Erkenntnis, dass es die eine Abwehrwaffe nicht gibt.So gab es die Hoffnung, die Drohnen mithilfe von Lasern, künstlicher Intelligenz oder elektronischer Abwehrmassnahmen vom Himmel zu holen. Doch nichts davon hat bisher den Durchbruch gebracht.Stattdessen versucht es die Ukraine mit einer vielschichtigen Abwehr. Dazu gehören Radar, Wärmebildsensoren und Mikrofone, die den Anflug von Drohnenschwärmen rechtzeitig erkennen sollen. Eine nach wie vor sehr wirksame Waffe ist der knapp 50 Jahre alte und modernisierte deutsche Flugabwehrkanonenpanzer Gepard.Eine Geran-Drohne fliegt relativ langsam und niedrig und besitzt eine gut sichtbare Wärmesignatur. Gegen ein solches Ziel ist eine Kanone mit hoher Kadenz, die Sprengbrand-Munition verschiesst, oft die effektivste Lösung. Der Gepard hat eine solche Kanone. Doch je mehr Geran die Russen in einer Welle einsetzen, desto schwieriger wird es auch für den Gepard, alle Flugkörper abzuwehren.Drohnen jagen DrohnenHier setzen neue Entwicklungen an. Die Ukrainer haben Drohnen gebaut, die Jagd auf die russischen Geran machen. Die Grundidee lautet, dass eine billige Drohne eine andere billige Drohne zerstört. So hat das ukrainische Unternehmen «Wild Hornets» etwa einen Quadrokopter entwickelt, der schnell genug ist, eine Geran-Drohne zu jagen und sich wie ein Geschoss in der Luft auf die zu stürzen.Ein ukrainischer Soldat macht im Mai dieses Jahres eine Drohne startklar, die auf die Jagd nach russischen Shahed oder Geran gehen soll.Yevhen Titov / EPAAndere Firmen haben Drohnen mit starren Flügeln entwickelt, die die gegnerische Drohne automatisch mithilfe von künstlicher Intelligenz verfolgen, rammen und zum Absturz bringen. Inzwischen arbeiten auch europäische Unternehmen, etwa Quantum Systems aus Deutschland mit der «Jäger»-Drohne, an diesen Counter-UAV. Die Ukrainer exportieren ihre Abfangdrohnen inzwischen in die Golfstaaten, die sich damit der iranischen Shahed-Angriffe erwehren wollen.So schliesst sich der Kreis: Iran hat Russland Drohnen geliefert. Russland hat sie zur Geran weiterentwickelt. Die Ukraine hat Counter-Drohnen gegen russische Geran entwickelt und liefert sie an die Golfstaaten, die sie gegen iranische Shahed einsetzen.Passend zum Artikel
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