Rätsel um Russlands Kamikazedrohnen: Der Kreml ändert seine Taktik im LuftkriegNoch vor kurzem waren die massenhaft eingesetzten Shahed-Drohnen die grösste Bedrohung für ukrainische Städte – nun sind solche Angriffe deutlich seltener. Die Ukraine kann jedoch nicht aufatmen, denn Russland hat im Juli eine Rekordzahl von Raketen eingesetzt.05.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine russische Kampfdrohne des Typs Geran-2 (Shahed-136) kurz vor dem Aufprall in einem Kiewer Gebäude.Efrem Lukatsky / APIm ostukrainischen Donbass tobt eine verlustreiche Abwehrschlacht, doch insgesamt bewegt sich die Front sehr langsam. Je nach Einschätzung verschiedener Analysegruppen konnte Russland im Juli nur 22 bis 38 Quadratkilometer hinzugewinnen. Das ist eine der geringsten Verschiebungen der letzten Jahre. Russland wie auch die Ukraine setzen deshalb im Moment nicht auf Grossangriffe am Boden, sondern versuchen den Gegner aus der Luft entscheidend zu schwächen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor diesem Hintergrund lässt aufhorchen, wie Russland seine Taktik im Luftkrieg verändert hat. Im Juli haben die Truppen Moskaus nach ukrainischen Militärangaben nur rund 4800 Langstreckendrohnen – vor allem des Typs Geran-2 (Shahed-136) – eingesetzt. Das sind 16 Prozent weniger als im Vormonat und sogar 41 Prozent weniger als im Mai. Zugleich setzte Russland im Juli aber eine Rekordzahl von ballistischen Raketen ein, die an Sprengkraft die russischen Drohnen weit übertreffen.Schreckenssymbol über ukrainischen StädtenDer markante Rückgang bei den Geran-Drohnen ist rätselhaft und erfolgte, ohne dass es von offizieller Seite eine Erklärung dafür gegeben hätte. Die Zahl solcher Angriffe ist weiterhin hoch, liegt aber inzwischen wieder auf dem Niveau vom Frühling 2025, als Russland seine Produktionskapazitäten stark auszubauen begann. Die Geran-Drohnen werden in einer Fabrik in der Teilrepublik Tatarstan hergestellt, nach ursprünglich iranischen Bauplänen.Lange Zeit hatten sie als die grösste Gefahr für die ukrainischen Städte gegolten, weil sie oft zu Hunderten gleichzeitig zum Einsatz kamen und damit die ukrainische Abwehr überforderten. Bilder solcher Kamikazedrohnen, die frontal in Wohnblöcke flogen und explodierten, sorgten in den letzten beiden Jahren regelmässig für Entsetzen. Moskau nutzt diese Waffen aber primär, um wichtige Infrastrukturobjekte wie Energieanlagen anzugreifen.Nicht nur die Zahl der Angriffe hat abgenommen, auch die Häufigkeit von Grosseinsätzen. Im Mai hatte Russland noch in sechs Nächten mit mehr als 500 Langstreckendrohnen zugeschlagen. Im Juni gab es nur zwei und im Juli keinen einzigen solchen Grossangriff mehr.Über die Gründe gibt es erst Mutmassungen. Eine falsche Datenerhebung ist unwahrscheinlich. Zwar kommen die Angaben nicht von unabhängiger Seite. Aber die ukrainische Luftwaffe, die täglich alle registrierten russischen Angriffe meldet, steht nicht im Verdacht der Datenmanipulation. Viel wahrscheinlicher ist, dass Russland unter Produktionsschwierigkeiten leidet oder sich bewusst für eine veränderte Taktik entschieden hat. Denkbar sind Engpässe bei gewissen Komponenten, etwa bei der Elektronik oder den Motoren, wie der amerikanische Think-Tank Isis schreibt. Möglicherweise wurden erhebliche Drohnenbestände durch ukrainische Angriffe zerstört. Erst am Wochenende meldete Kiew einen solchen Schlag gegen einen russischen Drohnenstützpunkt in der Grenzprovinz Brjansk.Der ukrainische Drohnenexperte Serhi Beskrestnow, ein Berater von Präsident Wolodimir Selenski, vermutet dagegen andere Gründe. Die herkömmlichen Geran-Drohnen seien heute für Moskau schlicht von geringerem Nutzen als früher. Mittlerweile werden rund 90 Prozent davon abgeschossen, dank neuartigen Abfangdrohnen, mobilen Teams mit Maschinengewehren und Einsätzen der Luftwaffe.Rüstungswettlauf zwischen Moskau und KiewDie russische Militärführung setzt daher zunehmend auf neuere Modelle (Geran-4 und -5), die nicht mehr mit Benzinmotoren ausgerüstet sind, sondern über Strahltriebwerke verfügen und deshalb deutlich schneller sind. Die Produktionskapazitäten dafür sind noch begrenzt, aber dafür erweisen sich die neueren Drohnentypen als gefährlicher. Dies würde erklären, weshalb die Zahl der Einsätze abgenommen hat, aber zugleich die Abschussrate in den vergangenen Monaten leicht gesunken ist. Um in diesem Rüstungswettlauf mitzuhalten, entwickelt die Ukraine nun schnellere Abfangdrohnen.Ein grösseres Problem als die verbesserten Geran-Drohnen sind aber Russlands ballistische Raketen. Die gefürchteten Iskander-Raketen verfügen über einen Sprengkopf von 500 bis 700 Kilogramm und sind wegen ihrer mehrfachen Schallgeschwindigkeit nur schwer abzufangen. Russland hat im Juli die Rekordzahl von 123 ballistischen Raketen eingesetzt, 20 Prozent mehr als im Vormonat und fast dreimal so viel wie im März. Die Zunahme deutet darauf hin, dass der ukrainische Militärgeheimdienst entweder die russischen Produktionskapazitäten unterschätzt hat oder der Kreml seine Raketenvorräte voll ausschöpft.So oder so ist der Moment für Moskau günstig, weil die Ukraine derzeit fast wehrlos ist. Ihre Arsenale an Patriot-Lenkwaffen sind offenbar bereits wieder leer, nachdem Kiew im Juli eine kleine Menge Patriot-Munition erhalten hatte. Der bisher letzte russische Angriff mit ballistischen Raketen vom 1. August illustriert dies: Von 27 Raketen konnte nur eine einzige abgewehrt werden. Die Abfangrate betrug im Juli 28 Prozent, im Frühjahr hatte sie zeitweise 50 Prozent betragen. Vor diesem Hintergrund ist es für die Ukraine ein Rückschlag, dass der amerikanische Präsident seine Meinung geändert hat und sich nun negativ über die Idee einer Patriot-Lizenzproduktion in der Ukraine äussert.Hunderte von Todesopfern in der ZivilbevölkerungDie Bilanz des Luftkriegs der letzten Wochen lautet, dass Russland zwar weniger Waffen einsetzt als früher, aber dafür umso gefährlichere – und insgesamt härter denn je zuschlägt. Das Ausmass der Zerstörungen wird von der Ukraine geheim gehalten. Eine Ausnahme ist die Meldung, dass Ende Juli eine Fabrik des amerikanischen Rüstungsunternehmens Terminal Autonomy in Kiew zerstört wurde. Detaillierte Angaben machen die Behörden zum Blutzoll in der Bevölkerung. Mit 411 Todesopfern und mehr als 3200 Verletzten war der Juli für die ukrainischen Zivilisten der verheerendste Monat seit 2022. Allein am 1. Juli kamen bei einem Drohnen- und Raketenangriff auf die Hauptstadt Kiew 27 Einwohner ums Leben.In der Nähe eines zerstörten Gebäudes, in das Anfang Juli eine russische Rakete eingeschlagen hat, herrscht Entsetzen unter den Anwohnern.Efrem Lukatsky / APPassend zum Artikel