Frankfurt. Werden die großen Ratingagenturen Deutschland in den nächsten Jahren die Spitzenbonität aberkennen? Diese Frage treibt nach Informationen des Handelsblatts in diesen Tagen ranghohe Regierungsvertreter in Berlin um.Ihre Sorge: Ein Verlust des Spitzenratings „AAA“ würde die Refinanzierungskosten des Bundes an den Anleihemärkten deutlich steigen lassen und den Bundeshaushalt zusätzlich belasten.Deutschlands Bonität beschäftigt auch Investoren an den Anleihemärkten. Doch ihre Einschätzungen fallen in den Gesprächen mit dem Handelsblatt überraschend nüchtern aus.Harald Preißler, Kapitalmarktstratege beim Asset-Manager Bantleon, wundert sich, dass die Frage in der Politik erst jetzt aufkommt: „Dass die so stark steigende Verschuldung bei gleichzeitig schwachem Wirtschaftswachstum eine Bedrohung für die Bonität ist, liegt schon lange auf der Hand.“Ähnlich sachlich beurteilt das Bastian Freitag, leitender Anleiheportfoliomanager bei der Rothschild & Co Vermögensverwaltung: „Das Schlüsselereignis für die Märkte war der 5. März 2025, seither preisen Investoren eine höhere Staatsverschuldung ein.“AAA-Rating „Deutschland könnte sein Top-Rating verlieren“: Ökonomen warnen vor Herabstufung Am 5. März hatten sich Union und SPD noch vor ihrem Regierungsantritt auf ein billionenschweres Finanzpaket für Waffenkäufe und Sanierung der Infrastruktur auf zehn Jahre geeinigt. Investoren war sofort klar, dass der Bund mehr Anleihen ausgeben muss, um das Finanzpaket zu refinanzieren. Die Folge: Sie verkauften Bundesanleihen in großem Stil.Das ließ die Rendite der viel beachteten deutschen Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit um 0,3 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent nach oben schnellen. Einen so deutlichen Renditeanstieg an einem Tag gab es nicht mehr seit der deutschen Wiedervereinigung.Bis April 2025 gingen die Renditen indes wieder etwas zurück. Seit dem vergangenen Sommer ziehen sie nun wieder an – aber in wesentlich gemäßigterem Tempo. Mit rund 3,2 Prozent rentiert die zehnjährige Bundesanleihe auf einem so hohen Niveau wie zuletzt vor 15 Jahren.Renditeanstieg als globales PhänomenDieser anhaltende Renditeanstieg ist jedoch ein globales Phänomen: Weltweit haben die Sorgen vor steigenden Fiskalausgaben, steigender Inflation und wieder steigenden Leitzinsen zugenommen. Verstärkt wurde das durch die im Zuge des Nahostkonflikts gestiegenen Energiepreise.Vor diesem Hintergrund ist das Rating nur einer von vielen Faktoren. Christian Kopf, Anleihe- und Währungschef beim genossenschaftlichen Fondshaus Union Investment, sagt: „Die Renditen werden nur zu einem ganz geringen Umfang durch das Rating bestimmt.“ Etwa zehnmal wichtiger seien die wirtschaftliche Entwicklung, die Inflation und die daraus abgeleiteten Leitzinsen der Europäischen Zentralbank.Konkret geht Union Investment davon aus, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in den kommenden zwölf Monaten noch leicht auf 3,25 Prozent steigen wird. Bantleon rechnet mit 3,4 Prozent – und sieht diesen Wert eher als Untergrenze: Das Risiko liegt laut Preißler nach oben, sollten die exogenen Schocks nachlassen und die Konjunktur stärker anspringen als erwartet.Nach Ansicht von Kopf spielt „die deutsche Fiskalpolitik zwar auch eine Rolle, aber nur eine untergeordnete“. Eine Herabstufung von Deutschlands Bonität spiegeln die Anleihemärkte von daher nach Einschätzung der vom Handelsblatt befragten Investoren allenfalls ansatzweise wider.Risikoprämien und Laufzeitprämien als ZeichenWie Investoren die Bonität der Bundesanleihen im Vergleich zu anderen Staaten beurteilen, zeigt sich an den Risikoprämien und den Laufzeitprämien.Risikoprämien sind die Renditeunterschiede zwischen Deutschland und anderen Euro-Ländern. Die Anleiherenditen in allen Euro-Ländern liegen höher als in Deutschland. Allerdings sind die auch Spreads genannten Risikoprämien in den vergangenen Jahren kräftig gesunken. In den vergangenen Monaten gingen sie vor allem in Portugal und Spanien deutlich zurück.Daraus kann man nach Ansicht von Kopf zum Teil ablesen, dass sich die Bonität Deutschlands in den Augen der Investoren etwas verschlechtert hat. Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spiele, dass Portugal und Spanien ihre Schuldenstände bei strikterer Fiskalpolitik und einer stärker als in Deutschland wachsenden Wirtschaft abbauen. „Analytisch lässt sich der Grund für die gesunkenen Spreads nicht eindeutig benennen“, sagt Kopf.Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass Bundesanleihen sich besonders gut und günstig handeln lassen. Das liegt laut Freitag von Rothschild & Co unter anderem daran, dass „der Markt für Bundesanleihen über den Bund-Future auch ein wichtiger Markt für Termingeschäfte ist“. Die Liquidität ist ein weiterer Grund dafür, dass die Renditen Deutschlands niedriger als in anderen Ländern sind.An Deutschlands Status als Richtschnur für die gesamten Anleihemärkte im Euro-Raum würde laut Freitag auch eine Herabstufung auf die zweitbeste Ratingnote „AA+“ nichts ändern: „Deutschland hätte dann in Europa immer noch den liquidesten Anleihemarkt mit einem der besten Ratings.“ Ein Dreifach-A-Rating haben im Euro-Raum außer Deutschland nur noch die Niederlande und Luxemburg.
Anleihen: Warum Anleger Deutschlands möglichen Ratingverlust gelassen sehen
In Berlin wird befürchtet, dass der Bund sein „AAA“-Rating verlieren könnte. Laut Investoren wäre eine Herabstufung „eine Ohrfeige für die Bundesregierung“, aber kein Drama für die Märkte.






