Wie Russlands Militär ein Bein in Syrien behält und warum Damaskus nicht ganz mit Moskau brichtRussland war jahrelang der wichtigste Verbündete des gestürzten Diktators Bashar al-Asad. Trotzdem hat Syriens neue Regierung jetzt ein militärisches Kooperationsabkommen mit Moskau geschlossen. Sie hat dafür gute Gründe.11.08.2026, 14.52 Uhr4 LeseminutenDie russische Hegemonie in Syrien bröckelt: Ein russischer Soldat in der Basis Hmeimim in der Nähe der syrischen Stadt Latakia.Umit Bektas / ReutersRusslands Militärbasen an Syriens Mittelmeerküste werden in syrisch-russische Ausbildungszentren umgewandelt. Das teilte das syrische Aussenministerium vor wenigen Tagen mit. Nach achtzehn Monaten Verhandlungen haben Moskau und Damaskus einen Kompromiss gefunden: Russland kann wenigstens etwas von seinem Brückenkopf in Syrien retten, während die syrische Regierung an Souveränität gewinnt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Vereinbarung überrascht: Russland bietet dem gestürzten Diktator Bashar al-Asad bis heute einen Unterschlupf. Und es war die russische Luftwaffe, die auf Asads Geheiss jahrelang syrische Städte in Schutt und Asche gelegt hatte. Doch der neue Präsident Ahmed al-Sharaa hat trotz der Wut vieler Syrer auf Russland gute Gründe, auf Wladimir Putin zuzugehen.Wie viel militärischen Einfluss behält Moskau?Laut syrischen Angaben soll die Umwandlung der russischen Stützpunkte in gemeinsame Ausbildungszentren innert dreier Monate vonstattengehen. Die zivilen Einrichtungen in den Basen soll künftig der syrische Staat verwalten. Dabei handelt es sich um den Flughafen Hmeimim und einen Teil des Hafens von Tartus. Beide Anlagen befanden sich zuvor unter russischer Kontrolle.Unter Bashar al-Asad hatte Russland ein Abkommen mit Syrien geschlossen, das Moskau erlaubte, den Militärflughafen in Hmeimim für unbegrenzte Zeit zu nutzen. Die Marinebasis in Tartus wurde Russland für 49 Jahre zur Verfügung gestellt.«Das Abkommen formalisiert die Verluste, die Moskau bereits am Boden hinnehmen musste», sagt Nanar Hawach, Syrien-Experte der International Crisis Group im Gespräch. «Russland trat in diese Gespräche bereits mit abgebauten Flugabwehrsystemen, ohne Kriegsschiffe am Mittelmeer sowie mit nur noch wenigen hundert Soldaten vor Ort ein.»Moskau verliert zwar einen erheblichen Teil seines Einflusses in dem ehemaligen Bürgerkriegsland. Die russische Zeitung «Kommersant» berichtet jedoch, dass Russlands Luftwaffe weiterhin den Flughafen in Hmeimim nutzen könne, der als Logistikdrehscheibe für russische Operationen in Afrika verwendet wird. Auch hebt die Zeitung hervor, dass die Ausbildungskooperation eine Möglichkeit ist, weiterhin Einfluss auf die syrischen Streitkräfte auszuüben.«Die Bereitschaft Moskaus, seine alten Privilegien aufzugeben, um in Syrien bleiben zu können, zeigt, dass der Zugang zum Land für Russland schon ein Gewinn an sich ist», sagt Hawach. Viel mehr konnte Moskau von seinem einst massiven Einfluss in dem nahöstlichen Staat offenbar nicht mehr retten.Immense Abhängigkeit von RusslandWohl in kaum einem anderen Land im Nahen Osten ist Russland so verhasst wie in Syrien. Es waren Putins Kampfjets, die syrische Zivilisten getötet hatten und Asad zur Hilfe eilten, als dieser mit dem Rücken zur Wand stand. Ohne russische Luftunterstützung hätte Syriens ehemaliger Diktator sich wohl kaum so lange an der Macht halten können.Vor allem die Flucht Asads nach Moskau und Russlands Weigerung, den ehemaligen Gewaltherrscher auszuliefern, belasten die Beziehungen zwischen den Staaten bis heute. Auch künftig dürfte dieser Aspekt eine wichtige Rolle spielen: Am Dienstag verurteilte ein Gericht in Damaskus Asad nach einem Prozess in Abwesenheit zum Tode. Die Richter ordneten an, dass Asad wie auch sein Bruder Maher international gesucht werden sollen. Die Forderungen Syriens, den früheren Diktator auszuliefern, dürften lauter werden.Auch bei seiner ersten Visite in Moskau im Oktober 2025 forderte Sharaa Putin dazu auf, Asad zu übergeben. Gleichzeitig kündigte Syriens Präsident an, die Beziehungen zu Russland «neu definieren» zu wollen. Schnell wurde klar: Sharaa setzt vor allem auf Pragmatismus, da er sich der immensen Abhängigkeit Syriens von Russland bewusst ist.Eine Visite beim ehemaligen Feind: Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa bei seinem zweiten Besuch bei Wladimir Putin im Januar 2026.Mikhail Tereshchenko / ImagoSeit dem Beginn des Kalten Kriegs unterhielt Syrien unter Asads Vater Hafez al-Asad enge Beziehungen mit der damaligen Sowjetunion. Ein Grossteil der zivilen und militärischen Infrastruktur in Syrien stammt aus Russland. Es ist für Damaskus daher kaum möglich, die Beziehungen zu Russland komplett zu kappen.So wurden etwa die drei grossen Staudämme über den Euphrat von russischen Ingenieuren gebaut. Sie brauchen nach dem Bürgerkrieg dringend Wartung. Schon jetzt hat Syrien mit einem Mangel an Elektrizität zu kämpfen und benötigt russische Expertise und Ersatzteile, um wieder mehr Strom durch Wasserkraft zu produzieren. Auch das Stromnetz wurde einst mit sowjetischer Unterstützung aufgebaut und hat einen grossen Reparationsbedarf.Hinzu kommt, dass Syrien von russischen Erdöllieferungen abhängig ist. Nach Asads Sturz stoppte Iran den Export von Erdöl nach Syrien und das Land führt jetzt laut der Nachrichtenagentur Reuters täglich rund 60 000 Fässer russisches Öl ein, was etwa der Hälfte des syrischen Verbrauchs entspricht.«Syriens Armee funktioniert nur mit russischer Wartung»Auch auf militärischer Ebene bleibt Syrien auf absehbare Zeit von Moskau abhängig. Zwischen 2007 und 2011 importierte Damaskus über 70 Prozent seiner Waffen aus Russland. «Die Armee, die Syriens neue Regierung übernommen hat, funktioniert nur mit russischen Ersatzteilen und russischer Wartung», sagt der Syrien-Experte Hawach.Die syrisch-russischen Ausbildungszentren in den Basen am Mittelmeer sind daher durchaus auch im Interesse von Damaskus. Ein Wechsel auf Systeme anderer Länder würde Jahre dauern und Milliarden kosten – Ressourcen, die das bettelarme Syrien nicht hat. Diese Abhängigkeit ist laut Hawach jedoch zeitlich begrenzt «Sie hängt davon ab, wie schnell die Türkei und andere Partner die syrischen Streitkräfte neu ausrüsten und umschulen können.»Während Syrien einerseits mit dem Todesurteil gegen Asad sowie der Forderung, den früheren Diktator auszuliefern, seine Grenzen im Verhältnis zu Russland definiert, dürfte Sharaa andererseits ein limitierter russischer Einfluss in Syrien zupass kommen. Der Präsident hat sich zwar enger an den Westen angelehnt. Doch Sharaa war immer darauf bedacht, Gegengewichte zu schaffen, um nicht zu abhängig von einem Partner zu werden.Das syrisch-russische Abkommen über die Stützpunkte am Mittelmeer hilft also beiden Staaten: Moskau rettet von seinem militärischen Brückenkopf, was noch zu retten ist. Syrien hat im Vergleich zum Arrangement unter Asad an Souveränität gewonnen und stabilisiert seine Beziehungen zu Russland, das weiterhin über Einfluss in dem Land verfügt.Passend zum Artikel