Der Meister der Krisen: Wenn es kracht, ist der Hedge-Fund-Manager Ken Griffin zur StelleDer Chef von Citadel hat den Hedge-Fund des «Tech-Wunderkinds» Leopold Aschenbrenner vor dem Kollaps bewahrt und dabei viel Geld verdient. Wenn andere Unfälle bauen, hilft Griffin als Erster aus – und lernt gleichzeitig, wie er denselben Fehler vermeidet.11.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenKen Griffin versteht es meisterlich, das Beste aus Krisen anderer zu machen.Vernon Yuen / ImagoAls der Energieriese Enron am 2. Dezember 2001 in einem gigantischen Bilanzfälschungsskandal zusammenbrach, charterte Ken Griffin einen Privatjet. Sechzehn Citadel-Analysten flogen nach Houston und interviewten jeden Enron-Händler, den sie finden konnten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie wollten verstehen, wie das Unternehmen Geld verdient und verloren hatte. Er habe dann die gesamte Führung des quantitativen Forschungsteams angestellt, sagte Griffin 2023 vor ein paar hundert Yale-Studenten; und seither 30 Milliarden Dollar im Energiehandel verdient.Hilfe fürs WunderkindEs war nicht das erste Mal, dass Griffin die Schwäche oder Gier anderer Marktteilnehmer ausnutzte. Seit Jahrzehnten ist er, kaum hat es geknallt, auf den grossen Unfallstellen der Finanzwelt zu finden. Er studiert den Unfallhergang, und manchmal verkauft er den Crashpiloten auch einen Ausweg aus dem brennenden Wrack.Das ist kein Geschäft für sentimentale Gemüter, aber profitabel. Griffin steht mit einem Vermögen von geschätzt 57,5 Milliarden Dollar auf Platz 35 der Weltrangliste der reichsten Menschen. Praktisch sein gesamtes Vermögen machte der 57-Jährige mit Citadel LLC, seinem Hedge-Fund, und dem 2002 gegründeten Marktmacher Citadel Securities. Dieses Unternehmen sorgt für einen reibungslosen Handel an der Börse, indem es durchgehend Wertpapiere zu öffentlich publizierten Preisen kauft und verkauft.Vergangene Woche hat Griffin wieder zugeschlagen und half Leopold Aschenbrenner. Der von manchen als «KI-Nostradamus» hochgelobte 24-Jährige war vor zwei Jahren bei Open AI hinausgeworfen worden und gründete einen eigenen Hedge-Fund namens Situational Awareness. Aschenbrenner hatte bis vor einigen Wochen riesigen Erfolg mit Wetten auf die KI-Branche und ihre Lieferanten.Als die Kurse dieser Firmen im Juli für einmal fielen, drohte sein Konstrukt auseinanderzufallen. Die Investmentbanken wollten plötzlich mehr Sicherheiten für die gigantischen Kredite, die er bei ihnen aufgenommen hatte; was dazu führte, dass er seine Positionen in einen stark fallenden Markt hätte verkaufen müssen.Da schlug die Stunde von Ken Griffin. Citadel kaufte einen Grossteil des Aktienportfolios von Situational Awareness auf, mit einem Rabatt von offenbar über 10 Prozent. Dafür kann Aschenbrenner seine privat gehaltenen Anteile am führenden KI-Modellbauer Anthropic behalten und sich erneut als Investor versuchen.Griffin war nicht der einzige Helfer an der Unfallstelle, stach jedoch Konkurrenten aus, die ebenfalls ein gutes Geschäft gewittert hatten. Kurz nachdem Griffins Rettungstat bekanntgeworden war, stiegen die Kurse der vom Ausverkauf betroffenen KI-Firmen wieder an. Finanzmedien berichteten mit Verweis auf Insider, dass die Fonds von Citadel stark profitiert hätten.Informationen sind allesKen Griffins Erfolgsstrategie klingt simpel. Er sucht sich grosse und liquide Märkte, auf denen man richtig viel Geld verdienen kann – wenn man Risiken eingeht, soll es sich schliesslich lohnen. Dann will er besser informiert sein als alle Konkurrenten, um die richtigen Geschäfte einzugehen.So hat er 1987 als Harvard-Student im zweiten Jahr erfolgreiche Arbitrage-Geschäfte mit unterbewerteten Wandelanleihen gemacht. Wandelanleihen geben einem Käufer das Recht, den Schuldtitel in eine Aktie umzuwandeln, und sind deshalb schwierig zu bepreisen. Griffin entwickelte seine eigene Formel und schrieb ein Computerprogramm, um die Berechnungen durchzuführen. 1990 folgte die Gründung des Hedge-Fund, der heute Citadel heisst.Für eine erfolgreiche Firma ist Citadel seither erstaunlich anpassungsfähig geblieben. In den frühen 1990er Jahren setzte man als einer der ersten Hedge-Funds systematisch auf quantitative Analyse und Rechenleistung. Griffin gibt selbst zu, dass es heute schwieriger geworden ist, sich auf diese Weise einen Vorteil zu verschaffen. «Die Welt verändert sich permanent», sagte er zu den Yale-Studenten. Man müsse psychologisch und finanziell flexibel bleiben, dann habe man eine viel höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.Griffins eigener UnfallUnd doch geriet Citadel in der grossen Finanzkrise 2008 selbst an den Rand des Abgrunds. «Wir verloren in 16 Wochen die Hälfte unseres Eigenkapitals», erinnert sich Griffin, «nachdem wir in 20 Jahren nie einen zweistelligen Verlust erlitten hatten.»2022 verschob Griffin das Hauptquartier von Citadel von Chicago nach Miami.Joe Raedle / GettyZum Glück hatte der Unfallexperte da schon aus den Fehlern anderer gelernt. Er erinnert die Yale-Studenten an den wohl folgenreichsten Crash eines Hedge-Fund, Long-Term Capital Management (LTCM), im September 1998. LTCM hatte mit gigantischem Einsatz von Krediten kleinste Preisdifferenzen auf dem Obligationenmarkt ausgenutzt – bis die Russlandkrise dieses Geschäftsmodell jäh zerstörte.Weil der Hedge-Fund gigantische Kreditlinien bei fast allen wichtigen Banken offen hatte, konnte er die Gläubiger davon überzeugen, dass ein unkontrollierbarer Zusammenbruch allen schaden würde. LTCM war gewissermassen «too big to fail». Der Hedge-Fund hatte einen Grossteil seines Eigenkapitals verloren, blieb aber noch mehr als einen Monat am Leben, bis er kontrolliert aufgelöst wurde.Griffin bezeichnet das Verzögern des Untergangs in seiner Konversation an der Yale-Universität als «eine der grössten Leistungen aller Zeiten». Er hatte zahlreiche LTCM-Leute kurz nach dem Ende ausgiebig interviewt und Lehren für sein eigenes Geschäft daraus gezogen, die ihm zehn Jahre später halfen.2008 hatte sich Citadel ebenfalls aggressiv verschuldet, um unterbewertete Wandelanleihen zu kaufen und die entsprechende Aktie leer zu verkaufen. Im Kern betrieb Griffin dasselbe Geschäft, das ihm als Harvard-Student Erfolg gebracht hatte. In der Krise versagten nun aber die Absicherungsgeschäfte – unter anderem, weil die amerikanische Börsenaufsicht im September 2008 Leerverkäufe verbot.Es drohte eine Vertrauenskrise und ein Run auf die Fonds. Aber Griffin hatte von LTCM gelernt. Seine Leute verhinderten während zehn Monaten, dass Investoren das Geld abzogen. Sie taten das auf Basis von Standardklauseln in den Verträgen, auf welche Hedge-Funds aber früher kaum zurückgegriffen hatten.Das verschaffte Citadel wertvolle Zeit, um das Haus in Ordnung zu bringen. Griffin hielt die Kommunikation zu seinen Banken aufrecht und erfüllte ihre Forderungen pünktlich. Weil beim Schwesterunternehmen, dem Marktmacher Citadel Securities, die Einnahmen wegen der hohen Volatilität sprudelten, kam langsam das Vertrauen in die ganze Gruppe zurück.Citadel, der Hedge-Fund, machte die Verluste von 2008 in drei Jahren wett und brach wenig später schon wieder Rekorde. Wer durch die Hölle gehe, sagte Griffin fünfzehn Jahre später rückblickend, müsse einfach immer einen Fuss vor den anderen setzen. Die Episode hat Griffins Umgang mit Risiken geprägt. Die möglichen Verluste einer Strategie dürften extrem gross sein, sagte er diesen Frühling an einer Veranstaltung von Goldman Sachs, aber nie so gross, dass sie die Firma gefährdeten.Er hält Kontroversen ausSeither läuft das Geschäft rund, und Griffin ist zu einem der reichsten Männer der Welt geworden. Er hat mehr als 2 Milliarden Dollar für gute Zwecke gespendet und mit dem Kauf von Luxusimmobilien für Aufsehen gesorgt.Bei Citadel bestimmt er als Mehrheitseigentümer weiterhin den Kurs, auch wenn dieser für Kontroversen sorgt. Etwa im «Meme-Stock»-Drama von 2021, als unzählige Kleinanleger 2021 Aktienoptionen des Computerspiel-Verkäufers Gamestop kauften, um Leerverkäufern eins auszuwischen. Zum einen half Citadel LLC einem dieser Leerverkäufer mit einem Milliardeninvestment aus der Patsche.Zum anderen kaufte Citadel Securities den Order-Flow, also die gesammelten Kauf- und Verkaufsaufträge des Gratisbrokers Robinhood, bei dem die Kleinanleger ihre Wetten platzierten. Ihre Kaufangebote landeten also nicht an der Börse, sondern wurden vom Marktmacher intern mit Verkaufsaufträgen gepaart.Vielen Anlegern und einigen Politikern war das nicht bewusst, und sie witterten eine Verschwörung der Citadel-Schwestergesellschaften, als der Handel mit Gamestop-Titeln auf Robinhood kurzzeitig ausgesetzt wurde. Griffins Unternehmen verwahrte sich gegen die Vorwürfe und argumentierte, dass Broker wie Robinhood nur deshalb gratis seien, weil sie ihren Order-Flow verkauften. Das Geschäft ist legal und wird auch weiterhin betrieben.Seitenblick auf die PolitikAuch Streit mit Politikern scheut Griffin nicht. 2022 zog er mit Citadel von Chicago nach Miami, nachdem er sich mit der Bürgermeisterin und dem Gouverneur von Illinois überworfen hatte. Er warf den beiden Demokraten vor, nichts gegen die Kriminalität in der «Windy City» zu tun und gute Steuerzahler zu schröpfen.Inzwischen streitet er sich auch mit dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Dieser hatte den Milliardär persönlich attackiert, als Mamdani eine Steuer auf Zweitwohnsitze bewarb. Sein Werbevideo hatte er unterhalb des New Yorker Penthouse aufgenommen, das Griffin einst für 238 Millionen Dollar gekauft hatte.Griffin sprach von einem persönlichen Angriff auf seine Sicherheit. Er mahnte, dass Citadel weitere Investitionen in New York, wo ein Grossteil seiner Finanzanalysten arbeitet, überdenken könnte. Seither hat sich Mamdani indes versöhnlich gezeigt, derweil Citadel ein riesiges Bauprojekt im Herzen von Manhattan vorantreibt.Griffins Verhältnis zu Donald Trump ist kompliziert. Zwar ist er ein wichtiger Sponsor der Republikaner und hat 2024 für Trump gestimmt, allerdings in den parteiinternen Vorwahlen noch dessen Widersacherin Nikki Haley unterstützt. Der Multimilliardär sieht sich als klassischer «Reagan-Republikaner» und hat mit der Maga-Bewegung wenig gemein. Er ist zum Beispiel sehr stolz darauf, 2020 in der Corona-Pandemie mitgeholfen zu haben, die neuartigen Impfstoffe möglichst schnell an die Bevölkerung zu bringen.Griffin hat Trump auch scharf dafür kritisiert, dass er Familienmitglieder von seinen offiziellen Handlungen und Deals profitieren lässt. Viele CEO, mit denen er befreundet sei, fänden diese Einflussnahme «unglaublich geschmacklos», sagte er im Februar dem «Wall Street Journal». Gleichzeitig ist er bemüht, Trump etwa für seine Deregulierungspolitik zu loben.Der Unfallexperte sichert so auch seine Risiken ab. Er kennt genug Politiker, die von Trumps Kampagnen-Maschine überfahren wurden, als dass er sich dem Präsidenten frontal in den Weg stellen will. Griffin deutete an jenem Anlass im Februar an, dass er in ferner Zukunft einmal selbst politisch aktiv werden könnte. «Ich konnte mir bei wichtigen Fragen Gehör verschaffen», sagte er, «und ich bilde mir zumindest ein, dass ich das Land im Kleinen in die richtige Richtung schubsen konnte.»Noch scheint Griffin seine Rolle als womöglich erfolgreichster Hedge-Fund-Manager aller Zeiten zu gefallen. Im Wahlzyklus 2028 dürfte er sich damit begnügen, Republikaner zu unterstützen, die seine Vorstellungen teilen. Aber zweifellos hat er in seinen bald vierzig Jahren als Finanzinvestor nicht nur wirtschaftliche, sondern auch viele politische Unfälle aus nächster Nähe begutachtet, Informationen gesammelt und seine Schlüsse daraus gezogen.Passend zum Artikel
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