Der Tag der Entscheidung. Kasia Niewiadoma-Phinney, die polnische Kapitänin des deutschen Teams Canyon-SRAM, fährt vorne. Demi Vollering vom Team FDJ klebt an ihrem Hinterrad. Nizza, das Ziel der neunten und letzten Etappe der Tour de France Femmes, ist nicht mehr weit.Es ist steil. Wird immer steiler. Vier Kilometer noch bis zum Gipfel des Col d’Èze, dem letzten großen Hindernis dieser Rundfahrt. Die beiden sind allein. Niewiadoma-Phinney muss die Niederländerin im Gelben Trikot loswerden. Vollering muss nur dort bleiben, wo sie ist.In der Gesamtwertung liegt sie acht Sekunden vorn – acht Sekunden nach acht Tagen und mehr als tausend Rennkilometern. Niewiadoma-Phinney attackiert, versucht davonzufahren. Doch Vollering bleibt dran. Sie atmet ruhig, geht nicht einmal aus dem Sattel.In Rekordzeit zur ErfolgsgeschichteEs ist die Fortsetzung eines Duells, das die Tour seit drei Tagen prägt. Zwei Tage zuvor, am Mont Ventoux, war Niewiadoma-Phinney die Stärkere. 9,5 Kilometer vor dem Gipfel griff sie an, Vollering konnte ihr nicht folgen. Im Ziel hatte Niewiadoma-Phinney 1:16 Minuten Vorsprung auf die Niederländerin herausgefahren und das Gelbe Trikot übernommen. 15 Sekunden lag sie nun in der Gesamtwertung vor ihrer härtesten Konkurrentin.Am Samstag drehte sich das Bild. Auf der achten Etappe wartete kurz vor dem Ziel eine kurze, brutale Rampe. Vollering beschleunigte. Niewiadoma-Phinney musste abreißen lassen. Vollering holte sich das Gelbe Trikot zurück. Aus 15 Sekunden Rückstand hatte sie acht Sekunden Vorsprung gemacht.Und jetzt, am Sonntag, sind sie wieder allein: Niewiadoma-Phinney vorne, Vollering dahinter. Noch 750 Meter bis zum Gipfel des Col d’Èze. Die Polin fährt am Limit. Dann geht Vollering aus dem Sattel. Zunächst beträgt die Lücke zwei Meter, dann zehn, dann immer mehr. Die Niederländerin zieht davon und gewinnt die Etappe – und auch die Tour. Mit Niewiadoma-Phinney hatte sie sich ein Duell geliefert, das bis wenige Kilometer vor dem Ziel in Nizza auf Messers Schneide stand. Es zeigte, was die Tour de France Femmes in ihrer fünften Auflage zu bieten hatte: ein faszinierendes Rennen mit eigenen Geschichten und einer eigenen Dramaturgie.Die Frankreich-Rundfahrt der Frauen ist in Rekordzeit zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Halbherzige Versuche, eine solche Tour einzuführen, gab es schon früher, doch sie verschwanden allesamt wieder. Die Begründungen: zu teuer, zu uninteressant. Heute stehen Menschen an den Straßen, die TV-Quoten steigen, große Teams investieren, und Fahrerinnen werden als Stars wahrgenommen. Nicht nur Vollering und Niewiadoma-Phinney, sondern auch eine Sprinterin wie Lorena Wiebes, die die ersten beiden Etappen gewann, und Niewiadoma-Phinneys deutsche Edelhelferin Antonia Niedermaier, die Vierte der Gesamtwertung wurde.Bemerkenswerte ZahlenDas Fazit dieser neun Tage: Der Frauenradsport braucht keinen Hinweis mehr, dass er einmal bedeutend werden könnte. Er ist es. Umso erstaunlicher, dass man seinen Wert noch immer am Männerradsport misst – inzwischen sogar in umgekehrter Richtung. Es heißt, die Tour de France Femmes sei spannender als die Tour der Männer. Der Kampf um das Gelbe Trikot sei offener. Die Teams seien kleiner. Das Rennen sei weniger kontrollierbar. Unterschiedliche Fahrertypen hätten bessere Chancen auf den Gesamtsieg. Man kann das so sehen.Neun Etappen entwickeln eine andere Dynamik als 21. Kleinere Teams können weniger Aufgaben übernehmen. Eine Kapitänin lässt sich nicht so umfassend abschirmen. Doch ein weniger kontrollierbares Rennen ist nicht automatisch spannender. Und es heißt auch nicht, dass unterschiedliche Fahrertypen realistische Chancen auf das Gelbe Trikot haben. Sprinterinnen gewinnen Sprintetappen, Zeitfahrerinnen gewinnen Zeitfahren, Ausreißerinnen kommen gelegentlich durch. Auf den schweren Bergetappen aber setzen sich die Fahrerinnen durch, die um den Gesamtsieg kämpfen. Bei den Männern ist es nicht anders.Gefragt: Die Deutsche Antonia Niedermaier posiert vor der Etappe für ein Foto.dpaMuss, kann und soll man Frauen und Männer vergleichen? Im Radsport? Wer ist besser, wer ist schlechter? Die Zuschauerzahlen beantworten diese Fragen nicht. Interessant sind sie trotzdem, weil sie zeigen, wo die Tour des Femmes steht. 2025 erreichte die Männer-Tour auf den Kanälen und digitalen Plattformen von France Télévisions 45 Millionen Menschen. Die Etappen verfolgten durchschnittlich 3,8 Millionen. Die Frauen-Tour hatte über Fernsehen und Plattformen 25,7 Millionen Zuschauer, im Schnitt sahen 2,7 Millionen die jeweilige Etappe.Für ein Rennen, das es in seiner heutigen Form erst seit vier Jahren gibt, sind das bemerkenswerte Zahlen. Sie zeigen aber auch, dass weiterhin ein Abstand besteht. Daraus folgt nicht, dass die Tour der Männer die „bessere“ ist. Ihre enorme Reichweite hat viele Gründe: mehr als hundert Jahre Geschichte, 21 Etappen, eine kulturelle Bedeutung weit über den Sport hinaus. Frauen wurden im Radsport jahrzehntelang an Männern gemessen, ihre Leistungen galten als geringer und deshalb als uninteressant. Diese Phase ist überwunden. Die Tour de France Femmes muss niemandem mehr beweisen, dass sie großen Sport bietet. Der Vergleich zwischen Männer- und Frauenradsport führt in beide Richtungen nicht weit.Über Fernsehzeiten und Preisgelder muss geredet werden. Dass von neun Etappen in Frankreich nur drei vollständig übertragen werden, wirkt angesichts des wachsenden Interesses aus der Zeit gefallen. Auch die Preisgelder müssen steigen. Eine Angleichung an die Männer-Tour wird aber noch dauern. Sie umfasst 21 statt neun Etappen, erreicht mehr Zuschauer und wird von einer über Jahrzehnte gewachsenen kommerziellen Struktur getragen. Wer über gerechte Bezahlung spricht, muss deshalb Einnahmen, Medienrechte, Sponsoringwerte und die wirtschaftliche Entwicklung des Sports mitdenken. Das macht die Forderung nach mehr Geld für Frauen nicht falsch. Es macht sie präziser.Jetzt geht es um die nächste Stufe in der Entwicklung des Frauenradsports. Die prominente Rundfahrt ist erkämpft, die Resonanz groß. Es wächst ein Publikum heran, das die Fahrerinnen kennt und ihre Rivalitäten verfolgt. Die Frauen können endlich ihr eigenes Rennen fahren, eine eigene Tour de France mit einer eigenen schnell wachsenden Identität. Man sollte sie sich als einst kleine Schwester vorstellen, die erwachsen geworden ist und nun ihr eigenes Leben führt. Und es wäre nicht das erste Mal, dass sich der große Bruder davor in Acht nehmen muss.