Am Mont Ventoux schien alles zu kippen, auf der größten Bühne des größten Radrennens, nun, da unter der französischen Sonne ein Epos seinem Gipfel entgegensteuerte. Die polnische Radrennfahrerin Kasia Niewiadoma war allen enteilt auf diesem drittletzten Abschnitt der Tour de France Femmes, von vielen nicht zufällig als Königinnenetappe tituliert. Und als Niewiadoma, 31, in 1909 Metern Höhe am meteorologischen Observatorium ankam, da hatten sich die Aussichten zu ihren Gunsten verschoben. Das berühmte maillot jaune würde fortan von ihren Schultern glänzen. Doch ging im Siegestrubel fast unter, dass eine Frau aus den Niederlanden soeben zu ihrer persönlichen Jagd geblasen hatte.Wenn man so will, kam Demi Vollerings Antritt auf den letzten 1000 Metern hinauf auf den Ventoux zum psychologisch günstigen Zeitpunkt. Sie hatte sich in der Gesamtwertung letztlich zwar 15 Sekunden Rückstand auf die Polin eingehandelt. Doch weil sie von der flame rouge bis zum Zielstrich noch eine halbe Minute wettmachte, wirkte es mehr so, als hätte sie eine Niederlage knapp gehalten. Zumal ja noch ein Rückspiel, nein, zwei finale Etappen ausstanden. Und eventuell hatte Demi Vollering, 29, bereits den Verdacht, dass diese Rundfahrt noch einmal kippen sollte.MeinungRadsport:Die Tour de Femmes steht der Männer-Tour in nichts nachDie Fallhöhe war gesetzt. Sollte dieser sportliche Zweikampf wie 2024 zugunsten der Polin vom deutschen Rennstall Canyon-SRAM ausgehen, die seinerzeit vier Sekunden vor der Niederländerin ins Ziel rettete? Die Entscheidung nahm 16 Kilometer vor der finalen Ziellinie in Nizza ihren Lauf: Vollering hatte soeben einen Fluchtversuch Niewiadomas pariert, ehe sie sich selbst auf und davon machte und zum Etappensieg raste. Vollering ist damit die erste Frau, die zum zweiten Mal die Tour de France Femmes gewinnt. Nach 1175 Kilometern über 18 795 Höhenmeter im Sattel trennten die Siegerin und die Königin vom Mont Ventoux am Ende 78 Sekunden.„Immer anzugreifen, ist der einfachste Weg“, sagt VolleringSie hat dieses Spiel mit Muskeln, Material und Wattzahlen am besten beherrscht – das ja nicht zuletzt ein Spiel mit den eigenen Gedanken ist, das ließ Vollering erahnen, als sie sich an den TV-Mikrofonen äußerte, gezeichnet, aber gerührt. „Ich habe nie Zweifel an meinem Niveau – nicht einmal nach dem Mont Ventoux“, sagte sie. „Ich bin an diesem Tag ein bisschen zu viel Risiko eingegangen, aber so ist der Sport: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, manchmal macht man alles richtig, manchmal macht man Fehler.“ Ihren Sport kondensierte Vollering auf einen scheinbar trivialen Satz: „Immer anzugreifen, ist der einfachste Weg, so wie Kasia es am Mont Ventoux getan hat, um einen wunderschönen Sieg einzufahren – und so wie ich es heute getan habe.“Von der Ankunft am Ventoux bis zum Ziel an der Côte d’Azur hatten sich Zwischentöne ins Peloton gemischt, zuvorderst von der Gesamtzweiten, die das Gelbe Trikot bereits 24 Stunden nach ihrem Triumph auf dem Ventoux wieder an Vollering verloren hatte. Auf dem vorletzten Teilstück von Sisteron nach Nizza solle sich an der letzten Rampe etwa sechs Kilometer vor dem Ziel ein Manöver von Vollerings Teamkollegin Célia Gery zugetragen haben: in jenem Moment, als Vollering ihre entscheidende Attacke lancierte – und Niewiadoma den Anschluss und das Gelbe Trikot verlor.„Ich war sehr verärgert, weil mich Gery zu Beginn des Anstiegs absichtlich in Richtung Absperrung abgedrängt hat. Wenn sie sich sportlich messen wollen, dann sollten sie dies auf eine faire Art und Weise machen – und mich nicht in die Absperrung drängen“, hatte Niewiadoma nach der achten Etappe ihre Wahrnehmung geschildert (ehe sie sich später dafür entschuldigte). In den TV-Bildern war der Vorfall nicht zu sehen, die Rennkommissare jedenfalls verzichteten auf Konsequenzen. Und so trug die Angelegenheit mehr zur finalen Motivation Vollerings bei, als es Niewiadoma zu kontern vermochte. „Ich hatte das Gefühl, ich müsse angreifen und aus eigener Kraft gewinnen“, erklärte Vollering nach der Vollendung am Sonntagabend. „Um klarzustellen, dass wir nicht wegen eines Zwischenfalls gestern gewonnen haben.“Vollering strahlt Dominanz aus, aber nicht jene Übermacht, wie sie den Männerradsport dieser Zeit prägtEventuell wurden die Zehntausende hinter den Begrenzungszäunen in Nizza Zeugen der Triumphfahrt der besten Rundfahrerin dieser Zeit. Vollering brachte zustande, was zwei Jahre zuvor Tadej Pogacar in der Männerkonkurrenz gelungen war. Sie hatte bereits im Juni den Giro d’Italia gewonnen; in Nizza vollendete sie das große Double des Radsports. Zum Double der Adriana Geertruida „Demi“ Vollering aus dem südholländischen Pijnacker, die als Kind und Jugendliche einst in der Gärtnerei ihres Vaters mithalf. Radrennen waren für die Familie zu teuer, weshalb sie sich als Eisschnellläuferin versuchte, ehe sie mit 16 umschulte und schließlich beim Team FDJ United-Suez anheuerte. Mit ihrer französischen Equipe durchlebt Vollering ihr sportlich erfolgreichstes Jahr. Sie strahlt Dominanz aus, aber nicht jene Übermacht, wie sie den Männerradsport dieser Zeit prägt. Und vielleicht ist genau das die gute Nachricht für die Tour de France Femmes.Anders gesagt: Wer beides verfolgte, die 21 Etappen der Männer, gefolgt von den neun Tagen bei den Frauen, durfte festgestellt haben, dass die Tour de France Femmes einen nicht ganz unwichtigen Attraktivitätsvorsprung hat: Der Wesenskern dieses Rennens, der Wettkampf um Gelb, hat sich im Pogacar-Zeitalter zu einem Selbstläufer ausgefranst, der bereits nach dem ersten Rundfahrt-Drittel entschieden war. Niewiadoma hielt das Duell bis 16 Kilometer vor dem Ziel denkbar knapp, auf lediglich acht Sekunden hatte Vollering ihre Konkurrentin bis dato in der Gesamtwertung distanziert.Womöglich eine Erklärung dafür, warum die Tour de France Femmes in Frankreich 80 Prozent der Einschaltquote des Männerrennens erreichte, deutlich mehr als bisher. In Deutschland, wo die ARD die Etappen der Frauen (anders als bei den Männern) weitestgehend im Onlinestream zeigte, kommt die Tour de France Femmes dem Vernehmen nach auf deutlich geringere Quoten. Im deutschen Livekommentar von Eurosport indes war zu erfahren, dass die dortigen Einschaltquoten mit zunehmender Dauer der Frauentour höher lagen als bei den Männern. Mit einer einstigen Floristin an der Spitze, die sich ihre Blumensträuße längst nicht mehr selbst binden muss.