Die wirtschaftlichen Schäden durch das Niedrigwasser könnten wegen der zu befürchtenden Unterbrechung des durchgängigen Schiffsverkehrs auf dem Rhein noch größer ausfallen als bislang befürchtet. „Ein solches Szenario umfassen unsere bisherigen Schätzungen nicht, eine Unterbrechung könnte sichtbar größere, überproportionale Folgen haben“, sagte Nils Jannsen, Konjunkturforscher des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) der F.A.Z. – bislang hatten die Forscher des Instituts für ein 30 Tage andauerndes Niedrigwasser eine Dämpfung der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent geschätzt.Wie sehr diese Prognose bei einer Unterbrechung erhöht werden müsse, sei noch nicht seriös zu sagen, so Ökonom Jannsen. Zu unklar sei, in welchem Ausmaß die Unternehmen alternative Versorgungswege für ihre Vorprodukte nutzen können und ob sie Produktion nachholen können.Was kann man tun?„Die gewerbliche Schifffahrt wird bei derart niedrigen Wasserständen in der Region keinen Gütertransport mehr durchführen können. Gleiches gilt für die Tagesausflugs- und Kreuzfahrtschifffahrt“, sagte er weiter. „Im Prinzip ist der Rhein damit nicht mehr durchgängig befahrbar und damit zweigeteilt: Es gibt nach wie vor Schifffahrt zwischen den ARA-Häfen (Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen) und Nordrhein-Westfalen bis etwa Köln, und zwar über den Rhein und das westdeutsche Kanalgebiet“, so Schwanen. „Und es gibt weiter südlich Schiffsverkehr an den Nebenflüssen Neckar, Mosel, Main, Main-Donau-Kanal.“Klaus Wohlrabe, Konjunkturforscher des Münchner Ifo-Instituts, betonte, dass es schon jetzt Lieferkettenprobleme gebe, allerdings nicht wegen des Niedrigwassers. „Lieferkettenprobleme sind ja vor allem auf die Schließung der Straße von Hormus zurückzuführen, der Konflikt ist ja auch noch nicht gelöst, jetzt kommt ein zweiter Faktor hinzu“, sagte er der F.A.Z.Die Auswirkungen des Niedrigwassers würden „zeitverzögert auftreten und das Wirtschaftswachstum bremsen“. Problematisch für die Unternehmen sei, dass schwer absehbar ist, wann sich die Situation wieder entspannen könnte. Im Moment sehe es nicht danach aus, die Unternehmen müssten improvisieren.„Es herrscht ein Mangel an Fahrern“Vier Bundesländer, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland, hatten vor dem zurückliegenden Wochenende das Sonntagsfahrverbot für Lkw aufgehoben, um mehr Güterverkehr auf der Straße zu ermöglichen. Dass dies die Situation entspannen könne, sei allerdings „illusorisch“, so Ökonom Wohlrabe. „Ob der Fahrer am Sonntag oder Montag fährt, bringt deswegen nicht mehr Güter in die Fabriken. Es herrscht ja ein Mangel an Fahrern, der wird sich kurzfristig nicht beheben lassen“, sagte Wohlrabe.Auf die Frage, was die Politik kurzfristig tun könne, sagte er: „Kurzfristig gar nichts.“ Maßnahmen wie eine Vertiefung von Fahrrinnen, die aktuelle diskutiert werden, wirkten erst mittelfristig.Könnte die Bundeswehr womöglich einspringen und den Mangel an Lkw-Fahrern lindern? „Vorausgesetzt, dass die Speditionsunternehmen dafür entsprechende Entgelte bezahlen, mag das in der aktuellen Lage eine Option sein, sofern die Bundeswehr die Fahrer überhaupt entbehren kann“, sagte der Kieler Konjunkturforscher Stefan Kooths aus Anfrage.Grundsätzlich sei es aber nicht die Aufgabe der Bundeswehr, als stille Kapazitätsreserve für die Wirtschaft bereitzustehen. „In erster Linie müssen sich die Produktionsunternehmen auf veränderte Transportbedingungen einstellen, etwa über vermehrte Lagerhaltung oder alternative Transportwege“, sagte Kooths.Auch der Staat als Infrastrukturbereitsteller der Binnenwasserstraßen habe hier eine Aufgabe, etwa in der Engpassbeseitigung und Vertiefung. „Von einer solchen realwirtschaftlichen Bail-out-Maßnahme darf somit nicht das Signal ausgehen, dass im Notfall die Bundeswehr die Kohlen aus dem Feuer holt“, warnte der Ökonom.