MeinungDie Sommerzeit bietet eine gute Gelegenheit, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zur eigenen Anlagestrategie zu machen. Älteren Investoren wird oft geraten, den Anteil von Staatsanleihen im Portfolio zu erhöhen. Doch es gibt gute Gründe, diesen Rat kritisch zu hinterfragen.Daniel Haase10.08.2026, 02.52 UhrVon 1980 bis 2020 erlebten Staatsanleihen guter Bonität einen historisch einmaligen Bullenmarkt. Die Renditen sanken von zweistellig gegen null, teils sogar darunter. Die Kurse stiegen entsprechend. Von 1998 bis 2021 wiesen Staatsanleihen zudem zumeist eine negative Korrelation zu Aktien auf. Ihre Beimischung als Stabilitätsanker im klassischen Portfolio erfreute sich daher völlig zurecht grosser Beliebtheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in den zurückliegenden fünf Jahren hat diese Erfolgsgeschichte deutliche Risse bekommen. Meines Erachtens spricht vieles dafür, dass sie endgültig vorüber ist.Ein nüchterner Blick auf die fiskalische Realität in Deutschland – einem Land, das von allen namhaften Rating-Agenturen mit der Bestnote AAA ausgezeichnet wird – zeigt das ganze Ausmass der strukturellen Schieflage:Im laufenden Jahr stehen im Bundeshaushalt (inklusive der «Sondervermögen») Einnahmen von rund 450 Mrd. € Ausgaben in Höhe von gut 630 Mrd. € gegenüber. Es klafft eine Lücke von 180 Mrd. €. Diese wird durch sukzessiv steigende Zinsen auf die Bundesschuld in den kommenden Jahren um weitere 30 Mrd. auf dann rund 210 Mrd. € anwachsen.Um die Dimension besser zu verdeutlichen: Diese Lücke entspricht etwa zwei Dritteln der Umsatzsteuer oder drei Vierteln der Lohnsteuer (276 Mrd. €). Wollte die Regierung diese Lücke schliessen, müsste sie beispielsweise die Umsatzsteuer von derzeit 19% auf über 30% oder die Steuern auf sämtliche private und gewerbliche Einkommen um fast 50% erhöhen. Wie wahrscheinlich ist es, dass es dazu kommt?Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Deutschland hat den fiskalischen Rubikon überschritten. Die Belastungsgrenze bei Steuern und Abgaben ist erreicht. Echtes Wachstum fehlt. Private Investitionen schrumpfen bereits seit Jahren. Die demografische Wende nimmt Fahrt auf, während die Zahl der Leistungsträger, die das Land verlassen wollen, in Umfragen auf Allzeithöchst steigt. Beispielsweise wanderten 2025 mehr Polen und Rumänen aus Deutschland aus als ein.Abb. 2 vergleicht die Altersgruppe der 64- und 24-jährigen in Deutschland. 64 Jahre wegen des durchschnittlichen Renteneintrittsalters, 24 Jahre als das durchschnittliche Alter für den Arbeitsmarkteintritt nach dem Studium. Die Differenz zwischen diesen Altersgruppen lag 2023 bei 250'000 Menschen. Im laufenden Jahr sind es bereits fast 500'000.Quelle: Statistisches Bundesamt (Bevölkerungspyramide)Der eine oder andere kleinere Staat mag sich dem allgemeinen Trend bis zu einem gewissen Grad entziehen können, doch die grossen Industrieländer kämpfen inzwischen allesamt mit erheblichen, in Friedenszeiten in diesem Ausmass bisher einmaligen fiskalischen Herausforderungen. Wie sanieren sich Staaten in dieser Lage? Die historische Antwort lautet: durch eine lang anhaltende finanzielle Repression. Die Inflation muss über viele Jahre strukturell über dem Zinsniveau gehalten werden, um das System sukzessive zu entlasten.Für Anleger erzwingt diese Realität einen Paradigmenwechsel. Wer Staaten in einem solchen Umfeld Geld leiht, bucht den realen Kaufkraftverlust faktisch ein. Im klassischen Portfolio aus 60% Aktien und 40% Anleihen wird der Anleihenanteil vom Sicherheitsanker zum Risiko. Was könnte an seine Stelle treten?Langfristig denkende Investoren, die die historischen Risikokennziffern eines 60-40-Portfolios für erstrebenswert halten, könnten von «normalen» zu weniger volatilen Aktien wechseln und das dadurch frei werdende Risikobudget für eine etwas höhere Aktienquote nutzen. Eine Sache gilt es dabei allerdings zu bedenken: Der immense Kapitalhunger sowohl auf staatlicher Seite als auch durch KI-Tech-Unternehmen dürfte – ähnlich wie in den Siebzigerjahren – dazu führen, dass fundamental preiswerte Qualitätsaktien in den kommenden Jahren ein deutlich besseres Chance-Risiko-Verhältnis bieten als die derzeit noch recht beliebten und entsprechend hoch bewerteten Wachstumstitel.Auf eine zweite Möglichkeit, den Staatsanleihenpart im Portfolio zu reduzieren, wies ich in meinem Gastbeitrag auf themarket.ch bereits im Oktober 2023 unter der Überschrift «Goldende Zeiten voraus» hin. Der Leistungsausweis von Gold bei der Reduzierung von Risiken in vielen (nicht allen) Abwärtsphasen am Aktienmarkt ist nach wie vor beeindruckend. Ein Umdenken bei Managern gemischter Portfolios dürfte die Goldnachfrage in den vor uns liegenden Jahren strukturell stützen. Vor wenigen Tagen kam Thomas Hauser in einem Beitrag auf themarket.ch zu dem Schluss, dass Gold auch Hedge Funds als Diversifikation eines klassischen Portfolios vorzuziehen sei. Nach der extremen Übertreibung zu Jahresbeginn ist Gold heute rund 20% preiswerter, während Euro und Dollar seither fundamental keineswegs gesünder geworden sind.Fazit: In den vor uns liegenden Jahren könnte das grösste Risiko für gemischte Portfolios nicht in den Kursschwankungen von Aktien und Gold liegen, sondern im absehbar stetigen Kaufkraftschwund von Staatsanleihen. Nutzen Sie die Ruhe des Sommers und rüsten Sie sich und Ihr Portfolio für turbulentere Zeiten.Daniel HaaseDaniel Haase ist Gründungspartner des Fondsadvisors Haase-Mölk-Tsouloftas unter dem Haftungsdach NFS in Hamburg, der sich auf eine regelbasierte Vorgehensweise bei Aktienauswahl und Risikomanagement spezialisiert hat. Haase ist seit 1990 an den Märkten aktiv. Er erlebte die Technologiehausse der Neunzigerjahre hautnah mit und stieg aus purem Glück rechtzeitig vor dem Platzen der Blase aus. Sein Wunsch, nie wieder vom Glück abhängig zu sein, trieb ihn zur quantitativen Markt- und Aktienanalyse. Das von ihm entwickelte Trendanalysemodell und seine Untersuchungen zur regelbasierten Aktienauswahl wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2015 verantwortet Haase institutionelle Mandate und Publikumsfonds, darunter den Empiria Stiftung Balance global. Seine monatlichen Marktanalysen werden im Empiria-Brief veröffentlicht.
Daniel Haase: vom risikolosen Zins zum schlecht verzinsten Risiko
Die Sommerzeit bietet eine gute Gelegenheit, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zur eigenen Anlagestrategie zu machen. Älteren Investoren wird oft geraten, den Anteil von Staatsanleihen im Portfolio zu erhöhen. Doch es gibt gute Gründe, diesen Rat kritisch zu hinterfragen.






