Italien gegen Spanien: Die Ausweiskontrolle wird zum politischen WerkzeugSpanien und Italien kontrollieren Einreisende aus den jeweiligen Ländern gegenseitig. Die Politik der diplomatischen Nadelstiche geht zurück auf die Migrationskrise in Ceuta.Julia Macher, Barcelona09.08.2026, 14.22 Uhr3 LeseminutenAus Italien ankommende Flugpassagiere müssen vermehrt mit einer Ausweiskontrolle rechnen. Bild: Flughafen Madrid.Ana Beltran / ReutersWer aus Italien per Flugzeug oder Schiff nach Spanien einreist, wird derzeit möglicherweise nach seinen Papieren gefragt. Seit Samstagmorgen kontrolliert Spanien auf Anweisung der sozialistisch geführten Regierung Reisende aus dem anderen Land.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kontrollen sind eine Reaktion auf eine ähnliche Anweisung, die Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nach dem Massenandrang von mehr als 70 000 Migranten in Ceuta für aus Spanien einreisende Personen aus Drittstaaten verhängt hatte und die bis zum 15. August gelten soll. Madrid hatte die Massnahme als «ungerecht» bezeichnet und eine sofortige Rücknahme gefordert. Ein entsprechendes Ultimatum liess Rom verstreichen.Spanien will seine Massnahme nun bis zum 7. September aufrechterhalten. Etwa hundert Polizeibeamte hat das Innenministerium dafür abbestellt. An ausgewählten Flughäfen, darunter Barcelona und Madrid, werden Flüge aus Italien von zwei bis vier Beamten kontrolliert. Sie entscheiden, ob sie nach dem Zufallsprinzip fünf bis zehn Prozent der Passagiere nach Ausweis oder Pass fragen oder alle. Kontrolliert wird nicht in einer separaten Schlange, sondern direkt am Ausstieg. «Ich bin heute Vormittag aus Rom gelandet und alle Italiener mussten ihre Papiere zeigen», berichtet Giovanni, ein Mann Anfang 30, den wartenden Reportern. «Ich hoffe, der Spuk ist bald vorbei.»Grenzkontrollen als politisches DruckmittelVorübergehende Grenzkontrollen im Schengenraum sind nichts Ungewöhnliches. Seit der Grenzkodex 2006 in Kraft getreten ist, haben die EU-Staaten immer wieder auf diese Ausnahmeregelung zurückgegriffen. Dabei ging es nicht nur um die Kontrolle irregulärer Migration, sondern auch um die Sicherheit von Grossereignissen wie den Olympischen Spielen in Paris, dem Nato-Gipfel in Madrid oder auch um die Gesundheitsauflagen während der Corona-Pandemie. Dass die Kontrollen als diplomatisches Druckmittel eingesetzt werden, ist ungewöhnlich.Spanien rechtfertigt sie ähnlich wie Italien mit dem Migrationsdruck. In seinem Schreiben an die EU-Kommission erwähnt Innenminister Fernando Grande-Marlaska insbesondere die irreguläre Migration über die zentrale Mittelmeerroute und die dort tätigen Schleppernetzwerke. Die Zahl der irregulären Grenzübertritte nach Italien sei laut Daten der EU-Grenzschutzbehörde Frontex in den vergangenen fünf Jahren doppelt so hoch wie die nach Spanien. «Italien könnte sich unsere Verhältnisse nur wünschen», so Aussenminister José Manuel Albares.Doch sowohl die italienische als auch die spanische Argumentation hinkt: In beiden Ländern war die irreguläre Migration zuletzt stark rückläufig und lag vor dem Massenübertritt in Ceuta mit 17 097 Grenzübertritten in Spanien und 16 666 in Italien etwa gleichauf. Zwischen Spanien und Italien gibt es keine Landgrenze.Die Chancen, dass irreguläre Migranten eines der Länder auf dem Flugweg erreichen, sind gering. «Melonis Massnahme war in erster Linie politisch motiviert – und Spaniens Reaktion ist eine Retourkutsche nach dem Grundsatz der diplomatischen Gegenseitigkeit», sagt Alejandro del Valle Gálvez, Experte für internationale Beziehungen an der Universität Cádiz, im spanischen Fernsehen.Zwei Politiker mit ausserordentlichem MachtinstinktIn der Migrationspolitik stehen Italien und Spanien für komplett gegensätzliche Modelle. Während die Rechtsaussenpolitikerin Giorgia Meloni auf strikte Abschottung setzt, hat der Sozialist Pedro Sánchez mit Massnahmen wie einer ausserordentlichen Regularisierung von etwa 600 000 ohne gültige Papiere in Spanien lebenden Migrantinnen und Migranten im Frühjahr europaweit für Aufsehen gesorgt. Nach der Ceuta-Krise hatten 22 EU-Länder, darunter Italien, diese Massnahme als möglichen Anziehungsfaktor kritisiert. Die spanische Linkskoalition verteidigt die Gewährung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen als wirtschaftliche Notwendigkeit und «Geste der Menschlichkeit».Auch wenn die politische Richtung der beiden Regierungschefs konträrer nicht sein könnte, ähneln sie sich in ihrem politischen Stil: Meloni und Sánchez werden ein ausserordentlicher Machtinstinkt nachgesagt und ein Faible für grosse Gesten.Eine der meistfrequentierten Verbindungen in EuropaDer diplomatische Zwist trifft die beiden Länder an einer empfindlichen Stelle. Die Flugverbindungen zwischen Spanien und Italien gehören zu den meistfrequentierten innerhalb Europas: 540 Direktflüge gab es laut Eurocontrol in der ersten Augustwoche, neun Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Billigfluggesellschaft Wizz hat sein Netz in diesem Jahr mit sieben neuen Routen massiv ausgebaut. Viele italienische Passagiere nutzen Barcelona und Madrid als Umsteigeflughäfen. Flugsicherungsorganisationen wie Eurocontrol weisen warnend darauf hin, dass es zu Verspätungen kommen könnte.Auch die Tourismusbranche blickt skeptisch auf die Massnahme. In Barcelona etwa verbrachten im vergangenen Jahr mehr als 515 000 Italiener Ferien, 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. «Die Stadt ist einfach und gut zu erreichen, und meine Landsleute fühlen sich hier sofort zu Hause», sagt Dalia Bianchi, die in einer Pizzeria nahe der Sagrada Familia arbeitet. Sollte es wegen der Kontrollen zu Behinderungen kommen, könnte dieser Ruf leiden.Passend zum Artikel