Die Aufregung war groß, als vor zehn Monaten unbemannte Fluggeräte über dem Flughafen München kreisten. Zweitägiger Drohnenalarm, eingeschränkter Flugbetrieb, selbst die Bundeswehr leistete Amtshilfe. Genauso groß war danach der vermeintliche politische Tatendrang, endlich etwas zu ändern, sich nicht länger von wohlbekannten, aber nicht dingfest zu machenden „Mächten“ mit den lästigen Dingern am Himmel an der Nase herumführen zu lassen.Der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle zeigt, dass das nicht gelungen ist. Die wichtigen Vorhaben der Bundesregierung – bessere Ausrüstung und Bündelung der wirren Kompetenzen – wurden nur halbherzig umgesetzt. Die Konsequenz, die zu bitteren Folgen hätte führen können: eine Drohne, die mit hochexplosivem Sprengstoff in den Sicherheitsbereich eines großen Flughafens eindrang und über mehrere Stunden unentdeckt blieb.Was erkennbar nicht funktioniertDas zeigt auf zynische Weise, wo Deutschland beim Schutz seiner kritischen Infrastruktur dringend als Erstes aufholen muss: Jede erfolgreiche Drohnenabwehr beginnt mit der Detektion, also dem Aufspüren und Verfolgen der oft sehr kleinen Flugobjekte – und im Idealfall auch ihres Piloten. Am Flughafen Leipzig gelang das offensichtlich nicht.An vielen kritischen Standorten ist Deutschland am Himmel immer noch blind. Dabei gibt es, anders, als Dobrindt suggerierte, technische Ansätze, mit denen selbst hochmoderne Drohnen aufgespürt werden können: Frequenzüberwachung, Radarsysteme, Wärmebildkameras oder akustische Sensoren. Ihre Kombination kann ein verlässliches Lagebild schaffen.Keine deutschen SonderfälleRecht hat der Innenminister allerdings mit seiner Warnung vor einem rasanten Wettrüsten. Der frühere Heeresinspekteur Alfons Mais sagte, dass er noch kein Abwehrsystem gesehen habe, das länger als sechs Wochen effektiv wirkt. Dann sei es von der nächsten Drohnengeneration technisch bereits wieder überholt. Leipzig und München sind keine deutschen Sonderfälle. Drohnensichtungen an Flughäfen in Dänemark, Belgien oder Norwegen zeigen, wie komplex die Aufgabe ist.Komplizierter wird es noch, wenn modifizierte Fluggeräte nicht über die üblichen Frequenzen kommunizieren. Die Leipziger Sprengstoffdrohne soll mit einer SIM-Karte ausgestattet gewesen sein. Das könnte auf eine Steuerung über das Mobilfunknetz hindeuten und die Ortung des Piloten erheblich erschweren. Die Täter könnten theoretisch auf der anderen Seite der Welt gesessen haben.Die deutsche Rüstungsindustrie und Drohnenabwehrunternehmen sehen sich für solche Bedrohungen gerüstet. Schon lange fordern sie den Staat zu einer schnelleren Beschaffung entsprechender Systeme auf – sicherlich nicht uneigennützig. Doch das macht den Einwand der Industrie nicht falsch: Deutschland kann sich jahrelange Tests nicht leisten. Auch der Flughafen Leipzig wartete offenbar auf Ausrüstung, die vom Innenministerium zugesagt wurde.Auch die Bundeswehr kann die Lücke nicht schließenDie Politik schießt sich nun wie nach dem Vorfall in München auf das Kompetenzwirrwarr bei der Drohnenabwehr ein. Zwar sind die Zuständigkeiten mittlerweile klarer geregelt, aber noch immer mischen zu viele Spieler mit. Dobrindts Drohnenabwehrzentrum sollte die Fäden bündeln; ob das gelungen ist, muss sich noch erweisen. Ohnehin ersetzt eine bessere Koordination nicht die fehlende Ausrüstung an Ort und Stelle.Das gilt auch für die neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei. Abfangdrohnen mit Netzen können ein wichtiges Mittel sein, um Fluggeräte kontrolliert abzufangen. Eine bundesweit eingesetzte Einheit mit 130 Kräften kann aber unmöglich alle Verkehrsflughäfen dauerhaft schützen.Auch die Bundeswehr, die nun in Ausnahmefällen Drohnen im Inland abschießen darf, kann diese Lücke nicht schließen. Sie hat schon mit dem Schutz ihrer eigenen Liegenschaften zu kämpfen. Das machten die jüngsten Drohnensichtungen über einem sensiblen Militärstandort in NRW am Donnerstagabend abermals deutlich. Vorstöße wie jener aus Brandenburg, privaten Betreibern kritischer Infrastruktur den Drohnenabschuss zu ermöglichen, sind verständlich. Die Unternehmen sollten ihre Anlagen überwachen und verdächtige Flugobjekte melden. Ob sie Drohnen tatsächlich abschießen dürfen, steht auf einem anderen Blatt. Dafür müssten zunächst die praktische Umsetzung sowie offene Haftungs-, Finanzierungs- und Rechtsfragen geklärt werden.Deutschland sollte einen Schritt nach dem anderen gehen. Es muss jetzt dafür sorgen, dass der blinde Fleck am Himmel kleiner wird. Alle großen Verkehrsflughäfen brauchen leistungsfähige, nachrüstbare Detektionssysteme, klare Meldewege und ausreichend Personal, um unbemannte Fluggeräte frühzeitig aufspüren zu können. Erst wenn Deutschland zuverlässig weiß, was sich am Himmel bewegt, kann es sinnvoll entscheiden, wer eine Drohne bekämpfen darf und mit welchem Mittel. Es bleibt zu hoffen, dass Leipzig nicht das zweite München wird, was das Versäumen von Konsequenzen betrifft.
Drohne in Leipzig: Deutschland ist am Himmel blind
In Leipzig erledigte ein Busfahrer den Job der Sicherheitsbehörden. Alle großen Verkehrsflughäfen brauchen jetzt leistungsfähige, nachrüstbare Detektionssysteme, klare Meldewege und ausreichend Personal.













