An der Universität Hamburg wächst ein Antisemitismus, den man sehen, hören und fühlen kann: Schmierereien, Parolen, Drohungen. Jüdische Studenten ziehen sich zurück, während Universität und Senat um Kontrolle über einen Ort ringen, der längst zum politischen Feld geworden ist.Es ist ein warmer Sommertag auf dem Campus der Universität Hamburg. Unter den Bäumen im Von-Melle-Park – gelegen zwischen Rothenbaumchaussee und Grindelallee – suchen Studenten nach Schatten, besprechen Seminararbeiten, die Laptops auf dem Schoß. Vor dem Audimax und dem Philosophenturm drängen sich weitere Kommilitonen in Shorts und Sandalen, Rucksack über der Schulter, Kopfhörer im Ohr. Aus den benachbarten Cafés dringt Musik nach außen.Student zu sein, bedeutet, sich frei zu fühlen. So beschreibt es Mirjam, als WELT AM SONNTAG mit ihr über den Campus geht. Es heißt, offenstehende Bereiche wie Vorlesungen, Seminare und Bibliotheken zu betreten, ohne darüber nachzudenken. „Es ist das Gefühl, dass man an einem Ort ist, der einem gehört, weil er allen gehört.“ Doch „dieses Grundvertrauen“ besitzt Mirjam nicht mehr. Sie ist eine von 43.000 Studenten an der Universität Hamburg, sie ist Jüdin – und werde ausgerechnet dort, wo sie die Freiheit der Wissenschaft leben sollte, systematisch beschimpft, bedroht und verdrängt.Eine Situation, die weitere Jüdinnen und Juden an Norddeutschlands größter Hochschule bestätigen. So liegen dieser Zeitung etliche Schilderungen aus den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren vor, festgehalten in Aufzeichnungen und Fotografien. Um die Betroffenen zu schützen, sind ihre Namen geändert und Quellen anonymisiert. „In diesem Klima der Angst denke ich nicht ans Studieren“, betont Mirjam – und fühlt sich von der Universitätsleitung und den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen. Der Campus ist für sie nicht neutral, ihr widerfahre ein verbreiteter Antisemitismus.Lesen Sie auchAus den Erzählungen der jüdischen Studenten und solidarischen Kommilitonen ergibt sich ein Bild, das über einzelne Vorfälle hinausgeht. Bereits vor dem 7. Oktober sei „Jude“ in vielen Fällen als Schimpfwort gemeint gewesen, erzählt Maria von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. „Während der Eingewöhnungswoche hörte ich Formulierungen wie ‚Ach, du Jude‘, gefolgt von lautem Gelächter.“ Seit Herbst 2023 habe sich die Lage verschärft. Auf dem Campus existieren Schmierereien – etwa durchgestrichene Davidsterne, Parolen, die das Existenzrecht Israels infrage stellen, Symbole extremistischer Gruppen, propalästinensische Slogans. „Das Gelände ist voll damit, vor allem innerhalb der Uni-Gebäude“, berichtet Student Jakob – und fügt hinzu: „Man geht auf die Toilette, und da steht an den Fliesen auf Deutsch übersetzt ‚Tod den israelischen Streitkräften‘, zudem mit Herzen verzierte Hamas-Kritzeleien.“ Nicht selten sehe er auf dem Campus Personen mit Palästinenser-Tüchern und -Flaggen.Die beschriebenen Vorfälle lassen eine Art Ohnmacht unter jenen vermuten, die eingreifen müssten, ein Tolerieren von Ausgrenzung, ein Wegschauen der Gesellschaft insgesamt. Dabei sollen Hamburgs Hochschulen laut Hochschulgesetz die Freiheit von Forschung und Lehre gewährleisten, Diskriminierung verhindern, pluralistische Debatten ermöglichen und die Menschenwürde achten. Überdies müssen sie Verantwortung für ein Umfeld tragen, das Sicherheit, Respekt und Neutralität garantiert. Nicht zuletzt wird auch die Universität Hamburg aus Landesmitteln finanziert. Sie ist folglich dem öffentlichen Auftrag verpflichtet, nicht parteipolitischen oder aktivistischen Gruppen. „Antisemitismus ist kein Meinungsstreit“Viele jüdische Studenten verweisen im Gespräch darauf, dass Antisemitismus kein „Meinungsstreit“ sei, sondern eine Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. „Aber wenn sich Studenten eingeschüchtert fühlen, ist die Wissenschaftsfreiheit gefährdet. Wenn staatlich finanzierte Hochschulen diesbezüglich kaum handeln, stellt sich die Frage nach der Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrags“, betont Studentin Mirjam. Und das alles, ergänzt Kommilitone Jakob, vor dem Hintergrund des Grundgesetzes, wonach Artikel 5 Absatz 3 ausdrücklich den freien Austausch wissenschaftlicher Positionen schützt.Während die Hoffnung auf Hilfe unter vielen jüdischen Betroffenen schwindet, beteuern die Leitung der Universität und die im rot-grünen Senat zuständige Wissenschaftsbehörde auf Anfrage, dass sie die geschilderten Vorkommnisse „sehr ernst“ nähmen. Präsident Hauke Heekeren sagt: „Antisemitismus hat an der Universität Hamburg keinen Platz.“ Als Universität im jüdisch geprägten Grindelviertel wisse die Hochschule um ihre besondere Verantwortung. „Jüdische Studierende und Beschäftigte sollen bei uns sicher studieren, lehren und forschen. Wir hören zu, nehmen jeden Hinweis ernst und handeln konsequent, wo Antisemitismus auftritt“, so Heekeren. Nach Angaben des Sprechers des Präsidenten, Alexander Lemonakis, gelten auf dem Campus, in Räumen und bei Veranstaltungen der Universität die gesetzlichen und universitären Regeln, die die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit aller gewährleisten. Die Universität setze sich dafür ein, dass jüdische Hochschulangehörige ebenso wie Personen mit unterschiedlichen Positionen auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung studieren und lehren könnten.Lesen Sie auchZentrale Anlaufstelle bei Vorfällen ist das Zentrum für Antidiskriminierung (ZAD). Es steht laut Lemonakis allen Studenten und Beschäftigten als Beratungs- und Meldestelle zur Verfügung, insbesondere bei antisemitischen Vorfällen und israelbezogenem Antisemitismus. Das ZAD berate, dokumentiere und koordiniere das weitere Vorgehen. Ergänzend gebe es zwei Vertrauenspersonen für jüdische Hochschulangehörige. So seien Mobilisierungskampagnen, die auf Ausgrenzung, Einschüchterung oder die Behinderung von Studium und Lehre abzielten, mit den Grundwerten der Universität unvereinbar. Rechtswidrige Flyer und Schmierereien würden schnellstmöglich durch das Liegenschaftsmanagement entfernt. Bei Straftaten stelle die Universität Strafanzeige. Lemonakis zählt noch Fortbildungen für Studenten und Lehrende auf, präventive Awareness-Wochen, Ringvorlesungen sowie Erinnerungsformate. Auch bestehe die Zusammenarbeit mit israelischen Wissenschaftseinrichtungen unverändert.Aus Sicht der Wissenschaftsbehörde von Senatorin Maryam Blumenthal (Grüne) hat die Bekämpfung von Antisemitismus „höchste Priorität“ und beinhaltet „keine Kompromisse“. Daher habe die Behörde mit den Hochschulen vereinbart, dass sie Programme gegen Antisemitismus fortentwickeln, sagt eine Sprecherin der Behörde. Bei der Landesstrategie des Senats gegen Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens seien die Hochschulen mit mehreren Aktionen vertreten, wie etwa der Beschäftigung mit Antisemitismus in Lehre und Forschung.„Im AStA gehen Extremisten ein und aus“Viele Betroffene erleben die Realität anders, nehmen eine Kluft zwischen Worten und Taten wahr. So auch Samuel. Er ist Mitglied einer Hochschulvereinigung, die jüdisches Leben am Campus sichtbarer machen möchte. Besonders aus den selbstverwalteten Studentencafés wird dies „massiv verdrängt“. Im Café „Knallhart“ habe monatelang eine deutsche Perversion des jüdischen Gebets „Sh’ma Israel“ – „Höre Israel“ in Gedichtform gehangen, das Passagen wie „Früher waren wir die Verfolgten, nun sind wir zu den Mördern geworden“ enthielt. Beim Abreißen von antisemitischen Plakaten werde einem mit Schlägen gedroht. Studentin Hila fügt hinzu, dass sich „antisemitische und extremistische Gruppen wie BDS Hamburg, Students for Palestine, Thawra und Young Struggle in den Räumen des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) treffen, um sich zu organisieren und Material wie Banner herzustellen“. Antisemitische Propaganda und Demonstrationsschilder würden in den AStA-Büros gelagert.Ähnliches berichtet Mirjam: In von Studenten selbstverwalteten Räumen hat sie Sticker mit Aufrufen, „Zios zu jagen“ fotografiert, Plakate, die demokratische Politiker als „internationale Terroristen“ darstellen, und Graffiti, die Gewalt gegen Israel verherrlichen. Und Hila weiß, wohin jener Hass führt: „Jüdische Mitarbeiter werden in Arbeitsräumen angeschrien, über den Campus bis in umliegende Stadtviertel verfolgt und von Sympathisanten extremistischer Gruppen bedroht.“ Das habe nichts mit sachlicher Kritik zu tun.Lesen Sie auchSamuel zufolge gehen die Übergriffe so weit, dass im Internet Gesichter und Namen von jüdischen Studenten kursieren, die daraufhin attackiert werden. Andere bekämen Zettel zugesteckt, auf denen „Free Palestine“, „Free Gaza“ und „Allahu Akbar“ stehe. Nicht zuletzt werde auf Flyern und in sozialen Medien zum Boykott israelischer Universitäten aufgerufen. Im AStA – gewählt und kontrolliert vom Studierendenparlament – gingen Anhänger extremistischer, gewaltbereiter und autoritär missionierender Gruppen ein und aus, fasst Maria ihre Eindrücke zusammen. In der Folge „ziehen sich jüdische Studenten zurück, meiden bestimmte Gebäude, wechseln mitunter die Universität“.Damit konfrontiert, erklärt AStA-Sprecherin Mila Danlowski, dass ihnen „derartige konkrete Vorfälle nicht bekannt“ seien. „Sollten sie sich so zugetragen haben, bedauern wir dies zutiefst.“ Den Vorwurf, dass in den AStA-Büros Demonstrationsmaterial oder entsprechende Propaganda gelagert werde, „weisen wir entschieden zurück“. Danlowski erklärt: „Die Bereitstellung unserer Infrastruktur ist stets an die strikte Einhaltung des Hausrechts der Universität sowie formaler Kriterien geknüpft.“ Die Räume des AStA würden von vielen unterschiedlichen studentischen Gruppen genutzt, was keine politische Unterstützung oder inhaltliche Identifikation mit den Positionen der jeweiligen Gruppe darstelle. Grundsätzlich möchte der AStA anmerken, „dass Diskriminierung, Antisemitismus oder andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den Strukturen der studentischen Selbstverwaltung keinen Platz haben, und wir entschieden gegen jeglichen Antisemitismus einstehen“.Strafen von Rüge bis Rauswurf gefordertHamburgs früherer Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel kennt das Ausmaß jedoch zur Genüge. Seiner Erfahrung nach ist die Gesellschaft auch an den Hochschulen auf einem hohen Niveau von Antisemitismus angekommen. „Der Grund liegt darin, dass wir uns als Juden angepasst haben, nicht aufzufallen. Wenn alle den Davidstern tragen würden, was wäre dann hier los, auch an den Universitäten?“ Hensel ist das Aufbäumen der Universität Hamburg gegen Antisemitismus unzureichend, ebenso vermisst er eine offene Kommunikation, wonach Juden willkommen seien. Er lobt das Kabinett in Bayern, das das Hochschulinnovationsgesetz mithilfe von Strafen für Studenten verschärfen möchte. Dies umfasst Maßnahmen von der Rüge bis zum Rauswurf und soll bei körperlichen Angriffen oder anderweitigen Übergriffen angewandt werden. „Das ist ein klares Zeichen gegen Antisemitismus“, sagt Hensel. Eine Universität müsse nicht entpolitisiert, aber ein Ort für alle sein.Dass Hamburgs Senat bei antisemitischen Vorfällen an Hochschulen „deutlich hinter den Maßnahmen anderer Bundesländer zurückbleibt“, kritisiert auch die Christdemokratin Anna von Treuenfels. Deshalb fordert die Politikerin Rot-Grün auf, einen verbindlichen Katalog zu erstellen, der Übergriffe erfasst, auswertet und Konsequenzen ermöglicht. „Hamburg braucht ein Hochschulordnungsrecht nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens mit gestaffelten Sanktionen bis zur Exmatrikulation bei schweren antisemitischen Verstößen“, sagt Treuenfels. Ferner müssten Hochschulen zum Schutz Betroffener Hausverbote, Veranstaltungsausschlüsse oder Kontaktverbote verhängen dürfen. Laut Treuenfels ist Senatorin Blumenthal nun „aufgerufen, den antisemitischen Vorfällen an unseren Universitäten endlich Einhalt zu gebieten. Denn wir wissen: Wegschauen und Relativieren fördern Antisemitismus.“ Lesen Sie auchDie Sprecherin der Wissenschaftsbehörde verweist darauf, dass die Behörde fortlaufend möglichen Anpassungsbedarf im Hochschulrecht prüft. Dabei werden Erfahrungen aus der Anwendung des geltenden Rechts und Entwicklungen in anderen Bundesländern berücksichtigt. Bis zum Herbst planen Blumenthal und Hensels Nachfolgerin, die neue Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez, einen Austausch mit allen Hochschulpräsidenten. Villiez sprach bei ihrem Amtsantritt von einem „grassierenden israelbezogenen Antisemitismus“ an den Hochschulen.Unterdessen überzeugen die Einordnungen der Universitätsleitung, der Wissenschaftsbehörde und des AStA die Studenten Mirjam, Jakob, Maria, Samuel und weitere nicht. So bezeichnet Samuel die an der Universität eingerichteten Anlaufstellen für bedrohte Studenten und Mitarbeiter als „handlungsunfähig“, auch ignoriere das Liegenschaftsmanagement unangemeldete antisemitische Stände auf dem Campus. Die Leidtragenden seien die jüdischen Studenten. Samuel glaubt: „Sie haben keine Gerichte, die sie schützen, keinen Einfluss, keine Lobby.“ Und so befürchtet er, dass jüdische Studenten ihr gewohntes Studentenleben, ihren sorgenfreien Alltag am Campus nicht mehr zurückbekommen. „Deshalb nutzen sie“, sagt Jakob, „jetzt lieber den Hintereingang.“