An der Universität Hamburg wird ein Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft von einer propalästinensischen Aktivistin gewürgt und geschlagen. An der Universität Konstanz wird per Aushang dazu aufgerufen, an einer dort lehrenden Wissenschaftlerin ein Blutbad zu verüben. An der Freien Universität Berlin dringen Aktivisten mit Sägen, Brecheisen und Äxten in das Präsidium, beschädigen Mobiliar und bedrohen Mitarbeiter. Eine Ausstellung über Pogrome an Juden wird von derselben Universität abgelehnt, weil sie starke Gefühle auslösen könnte, ein Workshop, der zur Globalisierung der Intifada aufruft, darf stattfinden.Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der antisemitischen Übergriffe an deutschen Hochschulen seit dem 7. Oktober, die das Archiv für kritische Gesellschaftstheorie in seinem neuen Bericht zusammengetragen hat. Empirische Basis ist die Dokumentation des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender. Der Bericht widerlegt das häufig zu hörende Argument, der akademische Antisemitismus sei nur ein Hauptstadt-Problem. Tatsächlich wurde in diesem April erstmals bundesweit zur „Israeli Apartheid Week“ an deutschen Hochschulen aufgerufen, nach dem Muster der BDS-Kampagne.Die mit der Hamas organisatorisch verbundene Israel-Boykottbewegung ist laut dem Bericht an deutschen Hochschulen weiter im Aufwind. Die Studentenvertreter der Hertie School of Governance fassten im April einen offiziellen Beschluss zur BDS-Unterstützung, der nach einem Misstrauensvotum gegen das Gremium nur mit hauchdünner Mehrheit zurückgenommen wurde. Ähnliche Bestrebungen gab es in Düsseldorf und an der Humboldt-Universität. Boykottaufrufe gegen israelische Universitäten wurden von tausenden Wissenschaftlern unterschrieben. Mehr als dreißig Hochschulen weltweit sind ihnen gefolgt. Gern wird hinzugefügt, der Boykott betreffe nur die Institution, nicht die Einzelperson. Die Autoren des Berichts halten dies für einen Vorwand: Welcher Wissenschaftler bleibe vom Abbruch der Beziehungen zu der Institution, an der er forscht und lehrt, unberührt? Der Trend setzt sich laut dem Bericht auf europäischer Ebene fort, wie der deutlich gesunkenen Zahl erfolgreicher israelischer Bewerbungen bei den ERC Starting Grants abzulesen ist.Mangelnder Rückhalt durch HochschulleitungenAll das ist bekannt, vielfach beschrieben und setzt sich unverändert fort. Laut einer neuen Studie der Zentralen Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen (ZeBaNRW) stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle an den dortigen Hochschulen von 2023 bis 2025 um 240 Prozent auf 85 Vorfälle. Drei Viertel werden dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet. Auch die Waffenruhe in Gaza hat die Entwicklung laut der NRW-Studie nicht aufgehalten, was den Verdacht bestärkt, den Aktivisten gehe es weniger um das Schicksal der dort lebenden Palästinenser als um den moralischen Selbstgenuss. Meist laufen die Anfeindungen unter dem Deckmantel der Zionismuskritik und der Dekolonisierung. Manchmal versucht man aber erst gar nicht, das antisemitische Motiv zu verbergen: „Wählt nicht das jüdische Mädchen“, sagte laut dem NRW-Bericht eine Aktivistengruppe deutlich vernehmbar bei einer Asta-Wahl.Der AfkG-Bericht beklagt den mangelden Rückhalt durch die Hochschulleitungen. Besonders drastisch war dies an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu erleben, wo propalästinensische Aktivisten, die Räume besetzt, Pressevertreter behindert und nachweislich antisemitische Parolen verbreitet hatten, von der Universitätspräsidentin mit verlängertem Aufenthaltsrecht belohnt wurden. Eine öffentliche Petition von Wissenschaftlern stärkte der Präsidentin für die Antisemitismus-Förderaktion noch den Rücken.Der AfkG-Bericht nennt auch Gegenbeispiele wie die Universität Frankfurt, die Strafanzeige erstattete, nachdem eine Wissenschaftlergruppe aus Tel Aviv angefeindet und bedrängt worden war, oder die Universität Jena, die Boykottforderungen klar zurückwies. Zu oft würden antisemitische Vorfälle aber relativiert, etwa mit dem Hinweis auf rechtliche Lücken. Tatsächlich sind die Universitäten durch das in seinen Folgen nicht klar definierte Fraport-Urteil eingeschränkt. Hatte die FU Berlin aber wirklich keine Handhabe gegen einen Workshop, der zur Intifada aufrief?Ist die Deligitimierung des Staates Israel strafbar?Angesichts der wachsenden Anfeindungen, heißt es im AfkG-Bericht, verbärgen immer mehr jüdische Hochschulangehörige ihr Judentum und mieden den Campus. Veranstaltungen zu jüdischen Themen würden abgesagt oder in außeruniversitäre Räume verlegt. Solidaritätsbekundungen blieben oft folgenlos. Tatsächlich wirkt die häufig zu hörende Beteuerung, Antisemitismus habe an deutschen Hochschulen keinen Platz, wie blanker Hohn, wo Gebäude besetzt und Wände mit Hetzparolen beschmiert wurden.Beide Berichte fordern eine klare Antisemitismusdefinition nach den Kriterien der International Holocaust Remembrance Association, die den israelbezogenen Antisemitismus als Hauptquelle erfasse. Damit dürften sie unter Wissenschaftlern auf Widerstand stoßen, die behaupten, die Definition verbiete jegliche Form der Kritik an Israel, was nicht der Fall ist, oder die deren Instrumentalisierung beklagen. Im letzteren Fall wäre nicht die Defition, sondern der unangemessene Gebrauch das Problem. In der Praxis sind die Kriterien oft unklar. Je nach Gericht und Bundesland ist die Parole „From the river to the sea“ erlaubt oder verboten. Die IHRA-Definition macht es vom Kontext abhängig.Die Initiative des Landes Hessen, die Leugnung des Existenzrechts des Staates Israel unter Strafe zu stellen, ist vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindung verständlich, schießt aber über das Ziel hinaus. Zum einen würde das dadurch geschaffene Sonderrecht das Allgemeinheitsgebot verletzen. Die Meinung, Israel sollte es besser nicht geben, darf außerdem jeder für sich haben, rechtlich problematisch wird es erst, wo zur Vernichtung aufgerufen wird. Bei dieser Unterscheidung bleibt der Entwurf vage.Die Formen des Ausschlusses auf der Gegenseite spielen in den beiden Berichten keine Rolle. Hier wird oft mit polizeistaatlichen Szenarien argumentiert: propalästinensische Aktivisten würden mit dem Knüppel der Staatsräson am Ausdruck gehindert und könnten ihre Kritik nur im Ausland vortragen. Es wäre aufschlussreich, dies einmal nüchtern zu dokumentieren. Der größte Gegner der propalästinensischen Aktivisten sind ihre eigenen Methoden. Mit Einschüchterung und Hetze wirbt man nicht für die eigene Sache. Das geschieht nicht im Interesse aller Aktivisten, wird aber hingenommen.