„Weißt du noch, als wir damals auf die Mainau gefahren sind mit der Fähre und ich ganz furchtbar seekrank war“, sage ich zu meiner Mutter. Es ist weniger eine Frage als eine Einladung, sich mit mir an diesen Ausflug zu erinnern. Einen, den wir nun fast 30 Jahre später gemeinsam wiederholen wollen, beide erwachsen, eine von uns noch immer nicht seefest. „Hm“, sagt meine Mutter, „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du seekrank gewesen wärst. Außerdem waren wir damals auf der Insel Reichenau.“Das sind schlechte Nachrichten für diesen Text. Aber auch für uns: Wir wollten doch in Erinnerungen schwelgen, die Zeit zurückdrehen! Wie kann es sein, dass ich so glasklare Bilder von einem Erlebnis vor Augen habe, das es gar nicht gab? Die langen Reihen bunt blühender Beete, schnurgerade Radwege, unzählige Bänke zum Ausruhen mit Blick auf den blau glitzernden Bodensee, darauf die wohl doch nicht so fürchterlich schaukelnden weißen Fähren. Besonders die Blumen fand ich phantastisch. Ich hätte gerne mein Fahrrad ins Gebüsch geworfen und überall meine Nase hineingehalten. Das alles soll ich an einem ganz anderen Ort gesehen, gespürt, erlebt haben? Soll gar nicht die berühmte Garteninsel gewesen sein? Betrogen vom eigenen Gedächtnis, muss ich mich kurz sortieren. Schließlich steht fest: Dann sehen wir die Mainau eben jetzt zum ersten Mal.Hätte man mir EPO angeboten, hätte ich es nicht abgelehntEs waren die Sommerferien 1997 oder 1998, wir wissen es beide nicht mehr genau. Ich hatte einen azurblauen Helm, der in der Sonne glitzerte. Mein Fahrrad war, glaube ich, auch blau, aber es könnte auch weiß-rosa gewesen sein. Jedenfalls packten wir mein blaues oder weiß-rosa Rad und das schwarze Mountainbike meiner Mutter sowie ein Zelt, Rucksäcke und Packtaschen ins Auto und fuhren die gleiche Route wie jetzt, um einmal den Bodensee zu umfahren. 1997 gewann Jan Ullrich als erster Deutscher die Tour de France, und sein Anblick hat sich mir damals stark eingebrannt: das schweißnasse, von Anstrengung und Schmerz verzerrte Gesicht, dunkle Sommersprossen, ein gelbes Trikot. Kein Helm! Die Radfahrerei war mir bereits nach dem ersten Tag lästig. Aber ich musste durchhalten. Mit dem berühmten „Zieh, Ulle, zieh!“ im Ohr eierte ich dem Rücklicht meiner Mutter hinterher. Hätte man mir EPO angeboten, wahrscheinlich hätte ich es nicht abgelehnt.