PfadnavigationHomeGeschichteNachwendezeitAls in ostdeutschen Provinzorten plötzlich Sexshops in Mode kamenStand: 07:06 UhrLesedauer: 4 MinutenSexshop im östlichen Berliner Bezirk Hellersdorf, 2006Quelle: picture-alliance/dpa/Steffen KuglerVom Nachholkonsum zur Nische: Nach dem Mauerfall boomen Erotikshops in Ostdeutschland. Doch der Hype hält nicht lange. Eine Schau in Erfurt gibt Einblicke in Lebenswelten abseits der großen Städte.Erotikshops in einer Zeit des Umbruchs: Eine neue Ausstellung in Erfurt beleuchtet die Welt des Erotikhandels in der ostdeutschen Provinz. „Das Thema mag skurril wirken, aber es steckt natürlich ganz viel Zeitgeschichte drin“, erklärt Uta Bretschneider, Kulturanthropologin und Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle (Saale).Zusammen mit dem Historiker Jens Schöne hat sie ein Buch über den Erotikhandel in Ostdeutschland seit den Umbruchjahren ab 1989 veröffentlicht. Die gleichnamige Sonderschau „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ zeigt im Museum für Thüringer Volkskunde die Fotografien von Karen Weinert und Thomas Bachler. Diese seien bei den Recherchen entstanden und zeichneten sich durch ihren „dokumentarisch malerisch schönen“ Charakter aus, sagte Bretschneider. Die Ausstellung ist bis zum 25. Oktober 2026 in der thüringischen Landeshauptstadt zu sehen.„Es sind vor allem Einblicke in Lebenswelten, die man vielleicht so nicht erwartet, und in Berufswege, die vielleicht ganz erstaunlich sind“, sagt Bretschneider. Die Ausstellung richte den Blick zudem auf die Provinz jenseits der großen Städte.Lesen Sie auchAuf das Thema gestoßen ist Bretschneider durch einen Zufall. Während der Corona-Pandemie fuhr sie mit einem Mietwagen durch Südbrandenburg und entdeckte auf dem Navi plötzlich einen Sexshop, wie sie erzählt. Aus der kuriosen Entdeckung entstand nach ersten Recherchen das gemeinsame Buchprojekt mit dem Historiker. Schöne ist stellvertretender Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er befasste sich etwa mit dem ländlichen Raum und der Landwirtschaft in der DDR.Für das Buchprojekt haben sie die noch verbliebenen Erotikshops in der ostdeutschen Provinz aufgesucht und die Lebensgeschichten ihrer Inhaber erkundet. „Wir haben zwei Jahre unseren Jahresurlaub in Sexshops in der ostdeutschen Provinz verbracht“, erzählt die Kulturanthropologin.Lesen Sie auchIhr Anspruch sei gewesen, den gesamten Osten zu bereisen. Das habe sich jedoch als schwieriger als gedacht erwiesen. So war etwa der einzige noch existierende Laden in Mecklenburg-Vorpommern zu dem Zeitpunkt dabei, zu schließen. Letztlich führten sie zehn Interviews mit Inhabern von Erotikshops in ländlichen Räumen. Die Geschichten dieser Menschen und ihre Verkaufsflächen wurden in den Werken der beiden Fotografen festgehalten.Das Thema sei so interessant, da anhand der Erotikshops exemplarisch wie unter einem Brennglas die Entwicklungen nach der Wende untersucht werden könnten, so Bretschneider. Das Ende der DDR habe für viele Menschen einen Umbruch bedeutet – etwa mit Blick auf ihre Berufsbiografien. „Und diese Branche stellte sozusagen eine Möglichkeit dar, sein Berufsleben in Selbstständigkeit fortzusetzen.“ Aber auch der Einfluss von Globalisierung und Digitalisierung sei an diesem Beispiel sichtbar.Lesen Sie auchDie Hochzeit dieser kleinen inhabergeführten Shops war demnach Anfang der 90er Jahre. „Es war ein Riesenmarkt“, erzählt sie. In der DDR waren Pornografie und der Handel mit pornografischem Material verboten. Nach der Wende bestand deshalb ein großer Nachholbedarf. „Den gab es ja in ganz vielen Bereichen, diesen sogenannten nachholenden Konsum, wo die Menschen aus der DDR eben dachten: So super, jetzt können wir uns alles kaufen, was wir wollen“, sagt sie.Wie viele dieser Läden es gegeben hat, sei nicht bekannt, so Bretschneider. Demnach geistert die Zahl 2000 herum, belegt ist das jedoch nicht. Sicher sei nur, dass es selbst in kleinen Orten mehrere Geschäfte gegeben habe – etwa drei in Aschersleben und zwei in einer Straße im sächsischen Oschatz.Ab Mitte der 1990er Jahre gerieten viele der kleinen Läden durch Erotik-Ketten unter Druck. Mit dem Aufkommen des Internets und des Onlinehandels in den 2000er Jahren konnten viele schließlich nicht mehr mithalten.„Es sind also wirklich quasi zwei Hände voll Läden, die es noch gibt“, so Bretschneider. Diese könnten noch existieren, weil sie in der eigenen Immobilie sind und die Inhaber zum großen Teil selbst hinter der Ladentheke stehen. Wer Erotikartikel nicht online kaufen wolle, müsse künftig wohl häufiger in die Stadt fahren. „Die Provinzlust in der Provinz“ werde wohl nicht das ewige Leben haben, sagt die Kulturanthropologin.„Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“, bis zum 25. Oktober 2026 im Museum für Thüringer Volkskunde, Juri-Gagarin-Ring 140a, 99084 Erfurt.dpa/mak