PfadnavigationHomeGeschichteKonsumhistorieDas Warenhaus – ein deutscher TraumStand: 07:24 UhrLesedauer: 8 MinutenDas Kaufhaus Wertheim in Berlin in der Leipziger Straße im Jahr 1899 (1896 bis 1906 erbaut von Alfred Messel; kriegszerstört)Quelle: picture alliance/akg-imagesDie Warenhäuser Tietz am Berliner Alexanderplatz oder Wertheim entlang der Leipziger Straße waren ein Statement. Die höchste Verwirklichung der Idee Kaufhaus, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Konsum in Deutschland demokratisiert hatte.Unangenehm war’s: „Wind gibt es massenhaft am Alex, an der Ecke von Tietz zieht es lausig“, schrieb Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin-Alexanderplatz“, dem wohl berühmtesten literarischen Porträt der Metropole in den nicht unbedingt goldenen „Goldenen Zwanzigern“. Kein Baum in der Alexanderstraße bremst im Februar 1928 den Strom kalter Februarluft; vielmehr wirken die 250 Meter lange Fassade des Warenhauses Hermann Tietz und die Gebäude gegenüber wie ein Windkanal zum runden Alexanderplatz.Natürlich könnte man durch eines der sieben Portale hineingehen in den Einkaufspalast und im riesigen Lichthof das Warenangebot bestaunen – aber Franz Biberkopf, Döblins gefallener, wenngleich besserungswilliger Hauptfigur, fehlt das notwendige Geld ebenso wie seinen Bekannten: Ihnen bleibt der sehnsüchtige Blick in die üppig geschmückten Schaufenster. Tietz am Alexanderplatz war, mit der vergleichbar großen, aber gemessen am Angebot noch prächtigeren Konkurrenz Wertheim entlang der Leipziger Straße und dem KaDeWe im feinen Westen der Reichshauptstadt, ein Statement. Die höchste Verwirklichung der Idee Kaufhaus, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Konsum in Deutschland demokratisiert hatte. Allerdings einer Idee, die im 21. Jahrhundert weitgehend verschwunden ist, denn in den meisten Städten hierzulande bleiben längst mehr Kaufhäuser für immer geschlossen, als werktäglich noch öffnen.Entwicklung des KonsumsDie beiden Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe und Ralf Banken haben den ziemlich genau 111 Jahren der „wunderbaren Welt von HERmann TIEtz“ jetzt ein backsteinschweres Denkmal gesetzt (Siedler-Verlag München. 752 S., 58 Euro). Ihr Buch reicht von der Gründung eines Textil- und Knopfgeschäfts unter diesem Namen in Gera 1882 bis zur Übernahme durch den Konkurrenten Karstadt 1993 (ein kurzes Wiederaufleben der Marke Hertie 2007 bis 2009 blieb Episode). Nach dem 2023 erschienenen Band von Johannes Bähr und Ingo Köhler über die „Arisierung“ des einst deutsch-jüdischen Familienkonzerns in der NS-Zeit geht es nun um die Rolle des Unternehmens bei der Entwicklung des Massenkonsums. Natürlich spielen die Enteignung 1933/34 und die teilweise Entschädigung der Eignerfamilie nach 1945 darin eine Rolle, doch sie stehen anders als bei Bähr und Köhler nicht im Mittelpunkt. Das ist angemessen, denn die wesentliche Rolle der Warenhäuser für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte rechtfertigt die umfassende Darstellung. Plumpe verantwortet chronologisch die knappe erste Hälfte bis 1933, Blanken die Zeit im Dritten Reich und die Entwicklung nach 1945. Lesen Sie auchTypisch für das Prinzip Kaufhaus waren dabei gar nicht einmal Flagship-Stores wie Wertheim an der Leipziger Straße oder das KaDeWe („Kaufhaus des Westens“) am Wittenbergplatz, zwischen den formal selbstständigen Berliner Vorstädten Schöneberg und Stadt Charlottenburg. Als entscheidend für den Erfolg der Idee erwiesen sich vielmehr die zahlreichen Filialen in mittleren und Großstädten, die alle im Wesentlichen nach ähnlichen ökonomischen Prinzipien geführt wurden – und Millionen Menschen bescheidenen materiellen Wohlstand ermöglichten. Lesen Sie auchGrundsätzlich sind Kaufhäuser Geschäfte, die ihre Waren Endkunden anbieten, also nicht Wiederverkäufern. Sie haben ein breites Sortiment verschiedenster Konsumgüter, ursprünglich aber keine verderblichen Lebensmittel, für die es vielmehr lange öffentlich betriebene Markthallen gab, im damaligen Berlin beispielsweise 14. Organisiert in verschiedenen Abteilungen sind die Preise im Warenhaus einheitlich festgelegt; die Ware wird zentral eingekauft und dann mit einer eigenen Logistik verteilt. Die so gewonnene Effizienz geben die Firmen aber in der Regel nicht in Form von Preisnachlässen an die Käufer weiter, sondern investieren sie in die Attraktivität der Verkaufsflächen. Ursprünglich nicht Teil des Konzepts Kaufhaus ist hingegen die weitgehende Selbstbedienung; sie kam erst im Laufe der Zeit auf.In der ersten Phase der Kaufhäuser in Deutschland, die von den 1880er-Jahren bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs reichte, bildete sich ein deutlich von der allgemeinen Bevölkerungsverteilung abweichendes Kundenspektrum heraus. Der Nationalökonom Julius Hirsch beschrieb es entsprechend der Käuferkartei. Für ein nicht näher bezeichnetes Warenhaus in Westdeutschland kam er auf 18 Prozent Beamte, 13 Prozent Handwerker, zwölf Prozent Selbstständige, zehn Prozent Ingenieure, Architekten und andere freie Berufe, sieben Prozent Rentner, sechs Prozent Arbeiter, vier Prozent „Fabrikanten“ und ein Prozent Offiziere; ein Viertel der Karteikarten führte keinen Beruf auf. Lesen Sie auchDie durchschnittliche Verteilung in der deutschen Gesamtbevölkerung war signifikant anders. Demnach gehörten etwa 42 Prozent der Beschäftigten zur (städtischen) Arbeiterschaft, 28,4 Prozent verdienten in der Landwirtschaft ihr Auskommen, 22,3 Prozent waren selbstständig im Handel, als Handwerker, in technischen oder freien Berufen tätig und 5,2 Prozent als Angestellte einschließlich der Beamten und Offiziere. Am größten war der Unterschied bei den Beamten: Die 1910 etwa 400.000 beim Staat Beschäftigten machten gerade mal anderthalb Prozent der gesamten Erwerbsbevölkerung aus, aber fast ein Fünftel der Warenhaus-Kunden in Hirschs Untersuchung. Die etwa 30.000 aktiven Offiziere im Heer und der Marine (eine Luftwaffe gab es noch nicht) entsprachen gut einem Promille der 28 Millionen bezahlten Arbeitskräfte, stellten jedoch einen fast zehnmal so hohen Anteil an den registrierten Käufern. Eine Art „Selbstentfaltungsraum“Unterrepräsentiert waren dagegen Arbeiter mit sechs gegenüber 42 Prozent. In der Landwirtschaft tätige Personen kamen statistisch gar nicht vor. Das lag daran, dass Kaufhäuser nahezu ausschließlich in den 48 Groß- und den rund 220 größeren Mittelstädten lagen, also in Kommunen mit mehr als 100.000, mindestens aber mehr als 20.000 Einwohnern. In diesen Städten gab es je nach Statistik zwischen 250 und 350 Warenhäuser, die aber stets viel kleiner waren als beispielsweise die Standorte von Hermann Tietz in Berlin, Hamburg und München.Auch in den Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur des Wilhelminismus zwischen 1895 und 1914 achtete man in Deutschland auf die Preise. „Mochte es am Anfang noch anstößig gewesen sein, als Warenhauskunde erkannt zu werden, so legte sich das schnell“, schreibt Werner Plumpe in seinem Teil des enorm materialreichen Bandes: „Da stets auf das Geld zu achten war, wurden die Warenhäuser nach und nach zu beliebten Einkaufsorten.“ Für Frauen, die als Gattinnen oder als Personal den Großteil der Einkäufe erledigten, boten die Warenhäuser zudem eine Art „Selbstentfaltungsraum“, zitiert der langjährige Professor der Goethe-Universität Frankfurt/Main Studien zur Entwicklung in Großbritannien. Entsprechende Arbeiten zu Deutschland gibt es bisher nicht. Warenhäuser waren Orte, an denen sich Frauen unbegleitet in der Öffentlichkeit bewegen konnten, was um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Städten durchaus noch ungewöhnlich war.Der Beginn des Krieges 1914 beendete den Boom der Gesamtwirtschaft abrupt – immerhin wurden in den vier Jahren der Kämpfe 13,2 Millionen Deutsche zu Heer und Marine eingezogen, also etwa drei Viertel der männlichen Erwerbstätigen. Trotzdem stiegen die Umsätze der Warenhäuser in Preußen (für Gesamtdeutschland gibt es keine Zahlen) weiter – inflationsbereinigt auf das Doppelte gegenüber 1913. „Der Krieg war insofern durchaus keine schlechte Zeit für die Geschäfte der Warenhäuser“, schließt Plumpe. Wäsche und Oberbekleidung machten stabil etwa drei Fünftel des Geschäftes aus, Lebensmittel blieben bei zehn Prozent, trotz der Hungerwellen, die vor allem die unteren Schichten der Großstadtbewohner trafen. Möbel verdoppelten sich umsatzseitig fast, während Geschenkartikel an Bedeutung stark verloren.Viele Stellen eingezogener Männer mussten nun Frauen übernehmen; die Hermann Tietz OHG beschäftigte in ihren Warenhäusern Fahrstuhlführerinnen. Das Kaufpublikum war nun noch häufiger weiblich als in Friedenszeiten, was kaum erstaunen konnte.Lesen Sie auchAusgeprägt schwächer als das normale Geschäft von Hermann Tietz entwickelten sich allerdings die Umsätze im Luxussegment. Das traf vor allem die Konkurrenz von Wertheim und in Berlin das KaDeWe. 1907 von Adolf Jandorf gegründet, um auch „die verwöhnten Ansprüche der oberen Zehntausend, der obersten Eintausend, der allerobersten Fünfhundert“ nach den Prinzipien des Warenhauses zu befriedigen, mangelte es dem Haus nun am notwendigen Publikum und auch dem stark international geprägten Angebot. Die erst demokratische, dann allerdings zunehmend kommunistisch dominierte Revolution 1918/19 machte den Warenhäusern in unterschiedlichem Maße Probleme. Dass das Haus Tietz am Alexanderplatz „besonders in Mitleidenschaft gezogen“ worden sei, hält Plumpe für übertrieben, obwohl es tatsächlich Plünderungen gab. Selbst in der galoppierenden Inflation von 1920 bis 1923 hielt sich die Branche erstaunlich gut. Anders in der Zeit von 1924 bis 1929, gemeinhin bekannt als „Goldene Zwanziger“. Gewiss kulturell ein Höhepunkt, handelte es sich ökonomisch aber eher um eine Durststrecke. Das renditestarke Luxusgeschäft erholte sich nicht – auch nicht, nachdem die Hermann Tietz OHG zum Jahreswechsel 1926/27 das KaDeWe übernommen hatte. Den Konzern wie seine Konkurrenz von Leonhard Tietz und Karstadt rettete der „Massenkonsum zu billigen Preisen“, den die Warenhäuser durch ihre inzwischen perfekt eingespielte Kombination von Großeinkauf, Logistik und schnellem Abverkauf ermöglichten.Der Konzern Hermann Tietz besaß um 1930 insgesamt 19 eigene Warenhäuser, davon die Hälfte in Berlin, drei in München und je eines in Hamburg, Stuttgart und Karlsruhe sowie in Gera, Plauen und Weimar; allein in diesen Filialen arbeiteten rund 18.000 Angestellte. Mittelbar über die Einkaufsgemeinschaft angeschlossen waren 61 weitere Warenhäuser anderer Eigentümer. Hinzu kamen eigene Produktionsfirmen in verschiedenen Branchen, Einkaufsagenten im Ausland (damals eine exklusive Besonderheit) und zahlreiche Tochterfirmen. Damit war das Unternehmen mit Abstand der größte Handelskonzern Deutschlands.Im März 1932 konnte die Firma ihr 50. Jubiläum feiern. Doch das Geschäft der zurückliegenden Jahre und die Weltwirtschaftskrise, die in Deutschland ab 1930 durchschlug, hatten die Verbindlichkeiten der Tietz OHG in die Höhe getrieben. Das wurde zum Einfallstor für die Nationalsozialisten, die in Zusammenarbeit mit den Banken die deutsch-jüdischen Eigentümer herausdrängten.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.