Neulich, nachts, auf dem Rückweg. An einer Ecke wird gerade jemand festgenommen, zwei Polizisten, blaues Licht, niemand schaut hin. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe von Frauen, zu der viele hinschauen. Als ich die Zeil erreiche, ist noch viel los.Man sagt, die Zeil, Frankfurts tagsüber so belebte Einkaufsstraße, sei nachts kein Ort, an dem man sich aufhalten sollte. Um drei Uhr morgens ist hier einiges los. Ich sehe Menschen, die Musik aus dem Handy spielen und tanzen, als hätten sie den Platz gebucht. Gruppen, die aus dem Gibson kommen und eigentlich nach Hause wollen. Sie bleiben stehen, weil ihnen hier noch etwas geboten wird. Andere hatten nie geplant, in einen Club zu gehen. Sie sind einfach da. Die Zeil ist nachts keine Einkaufsstraße mehr. Sie ist eine Bühne ohne Veranstalter.Frankfurt bei Nacht ist ähnlich belebt wie am Tage. Nur die Protagonisten haben gewechselt. Da ist der Fahrer, der um vier Uhr morgens seinen Wagen durch die Innenstadt lenkt und dabei mehr Geschichten hört, als er wahrscheinlich erzählen dürfte. Da ist die Frau, die den Kiosk geöffnet hält, obwohl sich der Umsatz in Einzelflaschen messen lässt.Eine Heimat für diejenigen, die noch suchenDa sind die Betrunkenen, die niemandem wehtun und einfach nur zu laut lachen. Und andere, bei denen man sofort auf Abstand geht.Und irgendwann landen fast alle am selben Ort. Und das aus einem einfachen Grund: Er ist noch geöffnet. Der Dönerladen gibt denen eine Heimat, die noch suchen. Nach etwas Fettigem zu essen, dem Rest Energie, um den Heimweg antreten zu können, Menschen, die vielleicht doch noch weiterziehen wollen. Sie alle treffen sich unter denselben Leuchtstoffröhren.Der Laden ist voll. Kein einziger Tisch, an den man sich zurückziehen könnte. Ich finde einen freien Platz, sitze neben einer Frau, die ich nicht kenne. Der Mann ihr gegenüber scheint sie kennenlernen zu wollen, wirkt aber verunsichert. Gerade war alles noch Musik, Nebel, Bewegung. Jetzt sitzt man beieinander und wartet auf Döner mit Knoblauchsoße.Batuhan Ergün schreibt für die Kolumne „Durch die Nacht“.Ben KilbEin paar Tische weiter sitzen zwei beieinander, die sich offensichtlich erst in der Nacht begegnet sind. Irgendwann in einem der Clubs der Stadt. Jetzt sind sie gemeinsam hier. Noch etwas vorsichtig im Umgang, noch nicht ganz vertraut, aber mit dieser Spannung zwischen sich, die man aus drei Metern Entfernung spüren kann. Hinter ihnen wachen die Freundinnen der Frau. Nah genug, um sie nicht allein zu lassen. Weit genug, um nicht zu stören.Während all das um mich herum passiert, beginnt für den Mann hinter dem Tresen die nächste ganz gewöhnliche Nacht. Er wird jede Woche Zeuge sich immer wieder ähnelnder Geschichten. Erste Küsse, Streitereien, Menschen, die sich wiederfinden, Menschen, die sich verlieren. Er erlebt mehr Frankfurter Nächte als die meisten von uns – und bleibt trotzdem der Unsichtbarste im Raum. Ich schaue mich um. Alle essen. Alle sind müde. Alle sind ein bisschen ehrlicher als noch vor drei Stunden.Im Club zeigt man, wer man sein möchte. Im Dönerladen sieht man, wer man gerade ist. Die Haare sitzen nicht mehr. Die Stimme ist heiser. Wer den ganzen Abend auf seine Wirkung bedacht war, steht jetzt mit Soße am Mundwinkel vor jemandem, den er schon den ganzen Abend beeindrucken will.Während ein Streifenwagen langsam am Fenster vorbeirollt, wird mir bewusst, dass die Stadt nach Mitternacht von vielen verschiedenen Institutionen und Menschen zusammengehalten wird. Vom Kiosk, der niemals schließt, vom Dönerladen, der auffängt, was der Club loslässt. Von Fahrern, die warten. Von Menschen, die bleiben. Es ist eine andere Welt als am Tage, aber eine, die in vielen Bereichen genauso selbstverständlich funktioniert.Draußen wird es langsam hell. Die Zeil ist jetzt fast leer. Der Mann, der den Mut nicht gefunden hat, um meine Sitznachbarin anzusprechen, steht auf und geht. Allein. Die Frau schaut kurz hoch. Dann wieder auf ihren Teller. Drinnen bestellt jemand den letzten Döner der Nacht. Manche Liebesgeschichten beginnen nicht bei Kerzenlicht, sondern zwischen Knoblauchsoße und „Döner mit allem“ – und manche beginnen nie.Batuhan Ergün schreibt in der Kolumne „Durch die Nacht“ regelmäßig über Beobachtungen und Besonderheiten aus dem Frankfurter Nachtleben. Auf seinem Instagram-Account „nightlifeinfrankfurt“ spricht er mit Vertretern der Szene und der Politik über Themen, die Frankfurt nachts bewegen.