Den Sommer verbringt man neuerdings lieber unter dem Sonnenschirm als unter Palmen. Unsplash Noch vor einem Jahr sorgte das Sonnensegel in der Seebadi für Diskussionen. Schatten oder kein Schatten? Diesen Sommer ziehen alle daran.So harmonisch wie in diesem Sommer war die Stimmung in der Zürcher Seebadi Enge noch nie. Wo sonst jeder freie Quadratzentimeter Liegefläche zum Sonnenbaden genutzt wird, herrschte plötzlich Einigkeit: Schatten muss her. Das grosse Sonnensegel wird gezogen.Dabei ist es noch gar nicht lange her, eigentlich erst einen Sommer, da bot genau dieses Stück Stoff reichlich Potenzial für Provokation. Wer daran zog, nahm den anderen die Sonne weg. Mehr als einmal erntete ich missbilligende Blicke, manchmal auch eine Bemerkung oder gar Protest. In diesem Juni, Juli, August aber reklamierte niemand. Wir brauchten alle den Schatten. Und das am liebsten schon am Vormittag.Es ist nur eine Szene, nur ein Ort am Zürichsee. Aber sie erzählt von einer Veränderung, die in diesen Tagen auch an jeder anderen Ecke der Stadt zu spüren ist: Der Schattenplatz ist der neue Lieblingsplatz. In den Zürcher Badis sind die Schattenplätze diesen Sommer stark umkämpft. Unsplash Schatten to goAuf Restaurantterrassen werden Stühle und Tische Zentimeter für Zentimeter Richtung Bordsteinkante gerückt. Dorthin, wo der Schatten des Nachbarhauses gerade noch hinfällt. Im Quartier laufen die Menschen im Zickzack durch die Strassen. Sie wechseln das Trottoir, wenn auf der anderen Seite mehr Schatten liegt, um sich möglichst keinen Meter in der heissen Sonne fortbewegen zu müssen. Und auf den kleinen Stadtbalkonen, die knapp Platz für einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen bieten, stehen inzwischen zum Teil schon zwei Sonnenschirme. Einer allein reicht nicht mehr aus, um die Sonne den ganzen Tag von der Wohnung fernzuhalten.Überhaupt: Schirme sind plötzlich überall. Nicht nur auf Balkonen, in Badis, an Kinderwagen, sondern neuerdings auch wieder in den Händen. Der kleine Sonnenschirm, nicht grösser als ein Regenschirm, war hierzulande lange Jahre aus der Mode gekommen. Jetzt sieht man immer mehr Leute, die damit durch die Stadt spazieren. Wer keinen Schirm hat, setzt auf einen Hut mit extrabreiter Krempe. Hauptsache, der Schatten wird mobil und verlässt einen nicht mehr. Diesen Sommer gilt: Immer dem Schatten nach. Unsplash Nur keinen Südbalkon!Die Sonnenanbeter, die gibt es natürlich noch immer – auch in der Seebadi Enge. Aber sie scheinen nun in der Minderheit zu sein. Das hat mit der anhaltenden Hitze zu tun: Wochenlang Temperaturen über dreissig Grad, Tropennächte und Hitzewarnungen, das sind wir in der Schweiz nicht gewohnt. Deshalb halten wir es kaum aus an der prallen Sonne. Gleichzeitig spiegelt sich im neuen Verhalten auch ein verändertes Gesundheitsbewusstsein. Braunsein gilt zwar noch immer als attraktiv, aber nicht mehr um jeden Preis. Bis vor kurzem war das noch anders: Je brauner die Haut, desto besser schienen die Ferien gewesen zu sein. Nach der Rückkehr wurde als Erstes der Teint kommentiert; wer bleich blieb, musste sich beinahe rechtfertigen.So verändert sich in diesem Sommer einiges, was wir lange mit der schönsten Zeit des Jahres verbunden haben. Was wir anstrebten und wovon wir träumten. Früher drehten wir den Liegestuhl nach der Sonne. Mittlerweile versuchen wir, uns möglichst davor zu verstecken. Wer wünscht sich heute noch eine Wohnung mit Südwestbalkon oder einer Dachterrasse, wo die Sonne von morgens bis abends nach Feierabend hinbrennt? Die Nachbarin schwärmt vom grossen Baum vor ihrem Fenster. Er nehme ihr zwar Licht und mache das Wohnzimmer dunkler, sorge aber dafür, dass die Räume nachts angenehm kühl blieben. Und statt des Tischs mit der besten Aussicht wählen wir jenen in der dunkelsten Ecke. Ganz egal, ob ein bunt gestreifter Schirm die Sicht versperrt. Ist jemand zu Hause? Viele geschlossene Jalousien prägen das Strassenbild. Unsplash Der Sommer, ja vor allem die Hitze und mit ihr die Sonne ist uns etwas lästig geworden. Vor ein paar Tagen sass ich mit einer Freundin in einem Café an der Sonne. Sehnsüchtig schaute sie auf die Wetter-App. «In Kopenhagen wäre es jetzt schön», sagte sie. «23 Grad!» Kurz darauf wurde der Tisch neben uns frei. Der einzige Platz im Schatten. Wir schnappten ihn uns sofort. Augenblicklich fühlte sich die Nachmittagshitze leichter an. Fast ein bisschen wie im Norden. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Schattenplatz gesucht! Wie die Hitze unsere Vorstellung vom Sommer verändert
Noch vor einem Jahr sorgte das Sonnensegel in der Seebadi für Diskussionen. Schatten oder kein Schatten? Diesen Sommer ziehen alle daran.






