Seinen eigenen Schatten immer dabei: Warum der tragbare Sonnenschirm wieder häufiger zu sehen ist.Die Hitzetage sorgen dafür, dass unsere Wege anders aussehen als zuvor. Man wählt nicht mehr nur die kürzeste Strecke. Sondern auch jene mit dem meisten Schatten. Wechselt vielleicht sogar die Strassenseite, um sich im kühleren Grau zu bewegen. Drückt sich an Hauswänden entlang. Handys werden nur noch unter Bäumen gecheckt, wo sich meist schon eine Gruppe Hitzemeidender versammelt hat. Was einst nur für die Badi galt, gilt nun überall: Schattenplätze sind die neuen Logenplätze, gleichen rettenden Inseln auf einem reissenden Fluss.Auf der Schattenseite des Lebens stehenKein Wunder, ist nun ein Accessoire zurück, das zumindest hierzulande schon in Vergessenheit geraten war: der Sonnenschirm. Gemeint ist damit die kleinere Variante, die man wie einen Regenschirm bei sich trägt und unter deren Schattenrund es sich entspannter flanieren lässt. Und eigenständiger. Nun ist man nicht mehr angewiesen auf ein gelungenes Zusammenspiel von Hausgiebel und Sonnenstand. Man ist frei. Wieder da: Der Sonnenschirm als Begleiter. Unsplash / Bien Arts Wichtig war er immer, der Sonnenschirm. Allerdings hatte er im Zuge des Trends zur gebräunten Haut seine Mobilität komplett verloren. Anstatt von um ihren Teint besorgten Damen durch Parks spazieren getragen zu werden, fristete er sein Dasein nun übergross auf Balkonen, in den Aussenbereichen von Restaurants und am Strand, fest in die Erde gesteckt oder von eigens geschaffenen Ständern gehalten.Zeichen von Musse und WohlstandDabei war er einst gewissermassen das Äquivalent zu dem, was in den 2000er Jahren eine It-Bag war: ein unentbehrliches Accessoire, das nicht nur die Haut vor der Bräune des einfachen Volkes bewahrte, sondern, handgefertigt und verziert, auch als Statussymbol diente, wie Modeillustrationen aus der Zeit um 1900 zeigen. Auch auf den impressionistischen Gemälden von Monet oder Renoir sind die Damen mit ihren Spitzen-Sonnenschirmen im Grünen nicht nur vor der Sonne geschützt, sie inszenieren auch eine kultivierte Distanz zur rauen Natur und zur arbeitenden Klasse. Der Schirm war ein Zeichen von Musse und Wohlstand. Der Sonnenschirm als Teil des Outfits aus «La Mode Illustrée», 1900. Getty Images Nicht nur der Trend zu gebräunter Haut liess ihn obsolet werden. Sondern auch sein chemisches Äquivalent, die Sonnencrèmes, welche geschützte Haut auch jenen garantierten, die sonst erröten würden. Nur in Kulturen wie Japan oder Südkorea, wo immer ein ungebräunter Teint als erstrebenswert galt, blieb der Sonnenschirm ein gängiges Accessoire. Hierzulande behalf man sich mit Crèmes, Brillen, maximal dem kleinen Schatten eines Hutes oder einer Dächlikappe. Xiaoyi Xie / Unsplash Dominic Kurniawan Suryaputra / Unsplash Egal ob Stadt oder Land: Der Sonnenschirm kommt mit. Hauptsache, mit UV-SchutzNun reicht das nicht mehr. Und die Schirme sind wieder auf der Strasse zu sehen. Meist sind es umfunktionierte Regenschirme, die tatsächlich auch schon oft mit UV-Schutz ausgerüstet sind. Aber auch auf Sonne spezialisierte Modelle sind bereits erhältlich. Denn ein Schirm kann nicht nur Schatten werfen. Er kann zudem die schädlichen UV-Strahlen herausfiltern. Handsonnenschirm mit SPF 50, verschiedene Farbkombinationen, 55 Franken, von Sunbrellaz, im NZZ Shop. PD Bietet sogar Platz für zwei: «XXL-Regenschirm U.900» mit UV-Schutz, 74 Franken, von Knirps. PD Was für Kinderwagen schon lange Standard ist, wird nun wohl auch normaler Bestandteil unserer Sommergarderobe. Noch ist man ein wenig allein auf weiter Flur, trägt man ein solches Accessoire mit sich. Man wird aber nicht mehr irritiert angeschaut. Sondern verständnisvoll und fast ein wenig neidisch. Aktuell ist der Schatten das Statussymbol. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.