Von der Reiskleie zum Hightech-Produkt – die Geschichte des SonnenschutzesDie Sonne brennt in diesen Tagen, da gehört die Sonnencrème in jede Tasche. Seit wann ist das so? Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sich unsere Beziehung zur Sonne im Laufe der Zeit verändert hat.23.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenJe gebräunter, desto besser. Frauen sonnen sich auf der Insel Capri in Italien, 1974.Slim Aarons / Getty«Du bist aber braun geworden!» Es ist ein Satz, den viele nach den Ferien gerne hören. Er steht sinnbildlich für Erholung und Gesundheit, für einen gelungenen Urlaub – zumindest in unserem Kulturkreis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das war nicht immer so. Die sonnengebräunte Haut und unser Umgang mit der Sonne hat in der Geschichte einen grossen Wandel durchlebt. Noch vor Jahrhunderten wäre eine Bemerkung zur gebräunten Haut einer Beleidigung gleichgekommen. Auch heute sollte man sich eigentlich nicht darüber freuen.Die heutigen Gründe sind allerdings anders. Der Wandel verdeutlicht, wie eng Status, Medizin und Wissenschaft in der Geschichte des Sonnenschutzes miteinander verwoben sind – und wieso es heute um mehr geht als nur um den Teint.Wie sich Menschen früher vor der Sonne schütztenIm alten Ägypten gilt die helle Haut als Schönheitsideal, als Zeichen eines höheren sozialen Ranges. Die Ägypter entwickeln deshalb eine Art Sonnenschutz, indem sie Extrakte aus Reiskleie, Jasmin und Lupine auf ihre Haut auftragen. Der Gebrauch hat ausschliesslich ästhetische Gründe: Die Zutaten verhindern eine Bräunung durch die Sonne und hellen den Teint auf. Viel später zeigten Forscher: Reiskleie absorbiert ultraviolettes Licht, das für Bräunung und Sonnenbrand verantwortlich ist.Auch die alten Griechen benutzen einen Sonnenschutz - wenngleich er für heutige Verhältnisse ungenügend war. Sie schmieren ihre Haut mit Olivenöl ein – moderne Tests bestätigen einen Lichtschutzfaktor von 8. Davon wissen die Menschen damals noch nichts. Ultraviolettes Licht und Lichtschutzfaktor sind Begriffe, die erst Tausende Jahre später auftauchen sollen.Mit der Zeit kommt ein hellerer Teint vielerorts in Mode: Ab dem Jahr 600 hellen Frauen in Japan ihre Gesichter mit blei- oder quecksilberhaltigen Pudern auf. In Europa verhindern die Frauen um 1600 mit Gesichtsschleiern, dass die Haut von der Sonne gebräunt wird. Um dieselbe Zeit erreicht die klassische Astronomie ihre Blüte, die Sonne wird vorerst allerdings nur als Himmelskörper studiert.Die Entdeckung der schädlichen SonnenstrahlungDie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sonnenstrahlung und ihren Konsequenzen für die Haut beginnt erst zwei Jahrhunderte später. Eingeläutet wird sie vom britischen Arzt Robert Willan. 1798 beschreibt er erstmals eine Hauterkrankung namens Eczema solare oder Lichtempfindlichkeit der Haut.Wenig später entdeckt der Deutsche Johann Wilhelm Ritter als Erster die ultraviolette Strahlung (kurz: UV-Strahlung) – ein Bereich des Lichtspektrums, der für das menschliche Auge unsichtbar ist. Über das bahnbrechende Experiment schreibt er 1801 fasziniert: «Dieser Versuch sieht einem Zauber ähnlich, indem hier Finsterniß selbst Licht zu erzeugen scheint.» Dass die UV-Strahlung Hautrötungen und Verbrennungen verursacht, können Wissenschafter 90 Jahre später nachweisen. 1894 beschreibt der deutsche Dermatologe Paul Unna erstmals einen Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung und Hautkrebs.Sonneneinstrahlung kann aber auch gut sein, wie andere Forscher zur selben Zeit entdecken. Sie hilft unter anderem bei der Behandlung von Rachitis, einer Knochenkrankheit bei Kindern und Jugendlichen, die hauptsächlich wegen Vitamin-D-Mangel entsteht.Die Erfindung der ersten SonnencrèmeDas Wissen über die Vor- und Nachteile der Sonnenstrahlen entwickelt sich gleichzeitig mit dem neuen Ideal der gebräunten Haut. 1923 soll sich die Stilikone Coco Chanel auf einer Kreuzfahrt nach Cannes in der Sonne verbrannt und damit einen neuen Trend ausgelöst haben. Zumindest in der westlichen Welt beginnt sich gebräunte Haut zum Zeichen eines gesunden und privilegierten Lebensstils zu etablieren.Coco Chanel soll selbst Sonnenbrand modisch gemacht haben.Hulton Deutsch / Corbis Historical / GettyWie Sonnenbrand genau entsteht, können 1935 die Deutschen Wilhelm Hausser und Eugen Vahle nachweisen. Sie analysieren verschiedene Wellenlängen und finden heraus, dass insbesondere UVB-Strahlung Sonnenbrand verursacht. Im Rahmen ihrer Experimente entwickeln die beiden eine eigene Lichtschutzsalbe. Mit dieser schützen sie während der Experimente ihre Haut vor UV-Strahlung. Erste Sonnenschutzmittel sind bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in Apotheken erhältlich und richten sich an Personen mit Hauterkrankungen.Ab 1935 werden Sonnenschutzmittel erstmals für die breite Bevölkerung produziert. Der französische Chemiker und L'Orèal-Gründer Eugène Schueller bringt das Produkt Ambre Solaire auf den Markt. Das Öl wird primär als Bräunungsbeschleuniger vermarktet, das mit chemischen UV-Filtern vor Sonnenbrand schützt.Möglichst braun, aber ohne Sonnenbrand. Das war das Ziel der Produkte ab den 1930er Jahren.PDNicht geschützt ist der Chemiker Franz Greiter, als er 1938 den Piz Buin in den Alpen besteigt. Er holt sich einen schlimmen Sonnenbrand, der ihn zur Entwicklung eines eigenen Sonnenschutzmittels inspiriert. 1946 kommt das Produkt auf den Markt, Greiter nennt es «Gletscher Crème». Später entsteht daraus die Marke Piz Buin, die bis heute Sonnenschutzmittel verkauft.In den USA tüftelt die Army Air Force während des Zweiten Weltkrieges an einem Sonnenschutz für ihre Soldaten. Auf dieser Basis entwickelt ein Apotheker ein Produkt, das 1944 unter der Marke Coppertone auf den US-amerikanischen Markt kommt. Der Hype um gebräunte Haut hält noch immer an, auch dieses Produkt wird als Bräunungsbeschleuniger beworben. Ikonisch ist die Werbung aus den 1960er Jahren mit dem Coppertone Girl. Ein Hund reisst an der Badehose des Mädchens und entblösst ihren weissen Po. Coppertone ist heute noch erhältlich und die führende Sonnenschutzmarke in den USA.Die Sonnencrème wird populärDas Coppertone Girl steht in den 1960er Jahren sinnbildlich für den Wandel der Zielgruppe von Sonnenschutzprodukten. Waren die Produkte zunächst vor allem an Bergsteiger, Soldaten und reiche Menschen gerichtet, ändert sich dies mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Strandferien werden für viele Menschen erschwinglich und die Nachfrage nach Sonnenschutz wächst.«Bräune dich, verbrenne dich nicht», heisst es auf der Werbetafel. «Sei kein Bleichgesicht.»Robert Landau / Corbis Historical / GettyWie gut dieser Schutz ist, weiss niemand. Diverse Forschende arbeiten seit Jahrzehnten an Berechnungen, um UV-Schutz messbar zu machen. Greiter, der Erfinder der Gletscher-Crème, standardisiert 1962 schliesslich den Lichtschutzfaktor (LSF). Dieser ermöglicht erstmals eine quantitative Einschätzung des Schutzes gegen UVB-Strahlung. Das Konzept ist simpel: Der LSF vervielfacht die Eigenschutzzeit der Haut, bevor sie verbrennt. Kann sich eine Person ungeschützt maximal 10 Minuten in der Sonne aufenthalten, ohne zu verbrennen, kann sie diese Zeit mit einem LSF 10 bis auf 100 Minuten verlängern.Der Schutz in damaligen Produkten ist erst rudimentär und bewegt sich zwischen einem LSF von 2 und 15. Der Fokus der Bevölkerung liegt noch immer auf der schnellen und «gesunden» Bräunung der Haut. Diese Sehnsucht führt 1978 zur Einführung der ersten Solarien. Schwitzen in der Sonne ist nicht mehr nötig, bereits zehn Minuten künstliche UVA-Bestrahlung reichen aus, um die Haut zu bräunen. Das Geschäft boomt.Braune Haut ist nicht gesundAb den 1980er Jahren erkennen die Wissenschafter allmählich die Gefahren, die von UVA-Strahlen ausgehen. Lange Zeit standen bloss UVB-Strahlen im Fokus – diejenigen Strahlen, die mit Sonnenbrand einen sofort sichtbaren Schaden auslösen. UVA-Strahlen hingegen dringen tiefer in die Haut ein und verursachen Schäden, die erst mit der Zeit sichtbar werden: Die Haut altert frühzeitig und entwickelt Pigmentstörungen, bei hoher UVA-Strahlung kann zudem das Hautkrebsrisko steigen. Forscherinnen und Forscher entdecken auch, dass gebräunte Haut keinesfalls ein Zeichen von Gesundheit ist. Stattdessen ist die erhöhte Melaninproduktion, die zur Bräune führt, eine Schutzreaktion. Die Haut versucht sich dadurch vor der UV-Strahlung zu schützen. Gebräunte Haut ist allerdings bereits geschädigte Haut.Erste Studien um die 1990er Jahre belegen, dass nebst Sonnenbränden bereits dauerhafte, alltägliche UV-Strahlung das Risiko für Hautveränderungen und bösartige Tumore erhöht. Diese Erkenntnisse führen zur Entwicklung von Sonnenschutz mit breitbandigen Filtern. Filter, die sowohl vor UVB- als auch vor UVA-Strahlen schützen.Das Risiko wird 1992 nationenübergreifend anerkannt, die Weltgesundheitsorganisation stuft die UV-Strahlung als wahrscheinlich krebserregend ein. Seit 2009 stuft die WHO alle Formen von UV Strahlung als krebserregend für den Menschen ein.Der Sonnenschutz hat auch SchattenseitenSonnenschutzmittel sind zwar hilfreich, bergen aber auch Probleme. Sie reduzieren die Aufnahme von Vitamin D. Ein Vitamin, das für die Knochengesundheit des Menschen zentral ist. Dermatologinnen und Dermatologen raten bei einem Mangel zu gezielten, zeitlich begrenzen Aufenthalten in der Sonne oder zu einer erhöhten Aufnahme durch Präparate.Ebenfalls bedenklich sind die Auswirkungen des Sonnenschutzes auf die Umwelt. Die Produkte verursachen Plastikabfall, zudem beinhalten sie teils problematische Inhaltsstoffe. Forschende konnten nachweisen, dass der Inhaltsstoff Benzophenon 3, sowie Titandioxid und Zinkoxid als Nanopartikel zum Korallensterben in den Weltmeeren beitragen.Doch mittlerweile ist Sonnenschutz so vielfältig wie nie zuvor: Es gibt ihn mit mineralischen oder organischen Filtern, als Gel, Öl, Crème, Spray oder Puder, für fettige, trockene oder sensible Haut und in wasserfester und eher umweltschonender Form. Mit ein wenig Recherche oder Beratung lässt sich das passende Produkt für die eigene Haut und den eigenen Lebensstil finden.Die wissenschaftliche Forschung ist weit fortgeschritten, dennoch gilt sonnengebräunte Haut vielerorts noch immer als gesund und attraktiv. Doch Dermatologinnen und Dermatologen sind sich einig: Keine Bräune ist die gesündeste Bräune. In gewisser Hinsicht müssen wir uns damit zurück auf die alten Ägypter berufen – wenn auch mit anderem Massstab. Heute geht es um mehr als den Teint. Ziel ist ein langes, gesundes Leben.Passend zum Artikel
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