Angelina Jolie: Die Herrscherin der BlickeMit ihrem neuen Film «Couture» lässt Angelina Jolie ihre privaten Dramen hinter sich – und zeigt, was sie wirklich ist: eine grosse Kinokünstlerin.Daniel Haas09.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAngelina Jolie verfährt als Schauspielerin mit ihrer Schönheit diskret.PDSzene eins: Sie sitzt breitbeinig auf einem Stuhl. Selbst Männern ohne Anstandsgefühl wäre diese Art, die Beine zu spreizen, peinlich. Ihre Haare sind strähnig, kein Make-up, kein Schmuck. Sie biegt den Oberkörper zurück, eine Dehnübung, die Gelangweiltsein, Anspannung und Groll zum Ausdruck bringt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Szene zwei: Sie sitzt in einem Büro, aufrecht. Die Frisur, das Outfit, alles ist perfekt und geschmackvoll. Ihr Blick ruht auf dem Gegenüber, konzentriert. Man könnte meinen, dass irgendwo in ihrem Gesicht, dessen Schönheit nur klassisch zu nennen ist, dass irgendwo in dieser Physiognomie ein Lächeln wartet. Aber es kommt nicht. Nur dieser freundliche Blick, der etwas versiegelt. Schmerz vielleicht. Wut.Zwei Filme, zwei Szenen, zweimal Angelina Jolie. Mit 24 spielt sie in «Girl, Interrupted» eine Psychiatriepatientin, die gegen das Gesundheitssystem rebelliert. Die Szene, in der sie genervt dasitzt wie ein Bauarbeiter, bringt ihren Charakter auf den Punkt: eine junge Frau, die sich nicht kleinmacht, die Raum einnimmt, egal, was die Gesellschaft von ihr denkt. Der Moment im Büro gehört in ihren neuen Film «Couture». Hier ist sie eine Filmregisseurin, die nach Paris gereist ist. Ein von ihr gedrehtes Video wird das Defilee einer Modenschau eröffnen.27 Jahre liegen zwischen diesen beiden Filmen, und vielleicht ist das die Zeit, die eine Künstlerin braucht, um von der sogenannten Entdeckung zur Ikone zu werden. Sieht man beide Filme nacheinander, erübrigt sich vieles: Das Mäkeln über zweit- und drittklassige Filme, die sie in den Jahren dazwischen drehte. Die romantischen Eskapaden, vor allem die gescheiterte Ehe mit Brad Pitt, von dem man sagen könnte, er sei eine männliche Jolie. Wie sie wurde er in einer kleinen Rolle entdeckt und zum Weltstar (im Film «Thelma & Louise» stahl er als Lover der Heldin in ein paar Minuten allen die Show). Auch das auf den ersten Blick narzisstisch wirkende Adoptionstheater (drei Kinder in fünf Jahren), mit dem Jolie die Weltpresse gegen sich aufbrachte, erscheint in Anbetracht ihrer Könnerschaft trivial, letztlich unwichtig. Hätte sie nur diese beiden Filme gedreht, wäre es dennoch erwiesen: Angelina Jolie ist eine der grössten Darstellerinnen ihrer Generation.Introspektion und ErmutigungsfanalDie Konkurrenz in dieser Altersgruppe ist enorm: Reese Witherspoon, Renée Zellweger, Nicole Kidman, Laura Dern, Laura Linney, Robin Wright. Viele von ihnen sind Oscarpreisträgerinnen, alle sind in den letzten zwanzig Jahren in grossen Kinowerken aufgetreten. Jolie hat sehr viel weniger gedreht und sehr viel mehr Aufsehen durch ihr Privatleben erregt. Die grosse PR-Schlacht mit/gegen Jennifer Aniston, der früheren Ehefrau von Brad Pitt. Der Scheidungskrieg mit Pitt, ein Medienzirkus, der einen eigenen Film wert wäre, insofern man vom Drama der Medienberühmtheit mit den Mitteln einer zynischen Kolportage erzählen wollte. Und dann ihre Entscheidung für eine Mastektomie im Jahr 2013. Jolie hatte herausgefunden, dass sie wie ihre Mutter an einer Genmutation leidet, die ihr Brustkrebsrisiko um ein x-Faches erhöht. Sie liess sich präventiv beide Brüste und die Gebärmutter entfernen, und weil sie öffentlich über die Sache sprach, wurde daraus eine Gesundheitsdebatte von globalem Ausmass.«Couture» ist in dieser Perspektive mehr als ein exzellent inszeniertes Drama. Es ist ein filmisches Bekenntnis, eine Introspektion und ein Ermutigungsfanal für Frauen zugleich. Jolie spielt Maxine Walker, eine amerikanische Arthouse-Regisseurin. Für ein grosses Modehaus soll sie den Auftaktfilm für die neue Saison drehen; sie ist nach Paris gereist, will dort arbeiten und dann weiterreisen, zum nächsten, noch grösseren Projekt. Keine zehn Filmminuten sind vergangen, da erhält sie den Anruf, der alles verändern wird: Ihr Arzt teilt ihr mit, dass der Befund einer Brustuntersuchung kritisch sei. Sie müsse sofort einen Spezialisten in Paris aufsuchen. Die Diagnose, vorgetragen von einem Onkologen, den Vincent Lindon mit einer furiosen Mischung aus Abgezocktheit und Mitgefühl spielt, lautet Brustkrebs. Man müsse schnellstens operieren, dann eine Chemotherapie beginnen: «Sie brauchen jetzt Zeit, sich um sich selbst zu kümmern.»Es ist ein schrecklicher Moment in diesem an schrecklichen, das heisst schmerzvollen und bewegenden Momenten reichen Film. Jolie spielt die Frau, deren Leben bislang um Kunst und die Karriere kreiste und die nun alles aufgeben soll, ohne grosse Gestik, ohne zur Schau gestellte Erregung oder Verzweiflung. Sie kann in ihrem Blick so viel Kummer ansammeln und gleichzeitig mit Contenance verhärten, dass einem der Atem stockt. Wie sie den Übergang von der disziplinierten Karriereartistin zur tief verunsicherten Frau, deren Leben zu zerbrechen droht, darstellt, wie sie dieses sich über die Zeit formierende Bewusstsein der Katastrophe in Mimik, sprachlichen und gestischen Ausdruck übersetzt, das ergibt eines der besten Kinoporträts eines Menschen im Ausnahmezustand seit langem.Zarteste Anmache der jüngeren KinogeschichteEs hätte so gesehen leicht eine One-Woman-Show werden können: Angelina Jolie und ein paar Mitspielende, das Modedefilee, ein paar Probleme, am Ende irgendein herbeigeschriebenes Happy End. Aber die Regisseurin Alice Winocour widmet sich mit Hingabe drei weiteren Frauen: Ada (Anyier Anei), die aus Nigeria angereiste 18-Jährige, die in Paris ihr Laufstegdebüt geben wird und auch die Hauptrolle in Alices Modefilm spielt. Angèle (dargestellt von der Schweizerin Ella Rumpf), die Make-up-Spezialistin, die Schriftstellerin werden will. Christine (Garance Marillier), eine junge Schneiderin, die das Kleid für den Auftakt der Show näht, eine grosse Ehre und eine noch grössere Belastung, denn in der Couture sind Fehler unverzeihlich.Mit grosser Eleganz verwebt «Couture» vier Erzählfäden zu einem Filmstoff, dessen Grundthema die Selbstbehauptung und die Befreiung sind. Ada ist aus Afrika abgehauen, sie soll eigentlich studieren, will aber in Paris das Glück finden und reich werden. Angèle hastet zwischen Modejobs hin und her und findet nicht genug Zeit zum Schreiben, weiss aber, dass ihre Berufung zur Autorin eine Entscheidung erzwingt. Und Christine kämpft nicht nur mit den Ansprüchen der Couture, sondern auch gegen Selbstzweifel und Verzagtheit. Wer die wichtigste Robe einer Modesaison fertigt, muss tapfer sein und extrem belastbar.Man gönnt Louis Garrel und Angelina Jolie die Liebesnacht, die mit der zartesten Anmache der jüngeren Kinogeschichte eingeleitet wird.Es ist also kein Angelina-Jolie-Film, sondern ein Film mit Angelina Jolie in der Hauptrolle und drei grossen Nebenrollen, deren Gewicht und Bedeutung perfekt austariert sind. Die Kamera von André Chemetoff widmet sich den Gesichtern der vier Heldinnen in vielen Nahaufnahmen, ohne den Effekten der Werbefotografie aufzusitzen. Intimität ja, Aufdringlichkeit nein. Auch ein Mann wird im Fortgang der Geschichte wichtig: Anton (Louis Garrel), ein junger Aushilfsregisseur, der für Maxine die Dreharbeiten leitet. Am Anfang ist er von den Ansprüchen seiner Chefin genervt, dann erkennt er in ihr die Gleichgesinnte. Man gönnt ihnen die Liebesnacht, die Maxine/Jolie mit der zartesten Anmache der jüngeren Kinogeschichte einleitet. Manchmal ist der Satz «Ich möchte Sex mit dir haben» respektvoll und subtil.Die Schönheit der Jolie ist in einer Trillion Artikeln besungen worden, und die Darstellerin hat davon nicht unbedingt profitiert. Wie Charlize Theron, die sich für ihren Oscar-Film «Monster» eine Fratze aufschminken liess, sonst aber Werbung für L’Oréal-Kosmetik macht, muss Jolie gegen ihr Aussehen anspielen. In diesem Film erkennt man: Sie geht noch weiter, spielt nicht gegen ihre Anmut an, sondern an ihr vorbei. Das geht nur, weil sie mit ihrer Schönheit diskret verfährt. Ihre Art zu spielen wird durch jene Zurückhaltung bestimmt, die sich umso stärker mit Charisma auflädt, je straffer sie Gesten und mimische Regungen lenkt.Zwischen «Girl, Interrupted» und «Couture» liegt ein langer Weg. Er ist zum Glück noch nicht zu Ende. Mit diesem Film über eine krebskranke Regisseurin ist eine Etappe erreicht, kein Zielpunkt. Es wird weitergehen für Angelina Jolie. Und für uns, das staunende Publikum.Couture. USA 2026. 106 Min. Im Kino.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Mit ihrem neuen Film «Couture» lässt Angelina Jolie ihre privaten Dramen hinter sich – und zeigt, was für eine grosse Schauspielerin sie ist
Mit ihrem neuen Film «Couture» lässt Angelina Jolie ihre privaten Dramen hinter sich – und zeigt, was sie wirklich ist: eine grosse Kinokünstlerin.









