InterviewEdgar HerbstWir halten sie für Deko. Dabei formten Blumen die Welt – sie waren lange vor uns da und werden lange nach uns blühen.09.08.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenHeiss ist es einmal mehr an diesem Julinachmittag, bis zu 36 Grad soll es werden. Während uns die Hitze zu schaffen macht, überstehen Blumen seit 130 Millionen Jahren ganz andere Extreme. Doch so zäh, klug und anpassungsfähig sie sind, meist gelten sie bloss als hübsche Deko der Evolution: schön, aber simpel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gegen dieses Klischee tritt der Mann an, der jetzt auf dem Bildschirm erscheint: David George Haskell, 57, britisch-amerikanischer Bestseller-Autor und Biologe. «Hello!», ruft er, frisch wie der Morgentau. Es ist ja auch erst acht Uhr morgens in Atlanta, wo er an der Emory University als Honorarprofessor tätig ist. Seinen grauen Stoppelbart kombiniert er mit einem bunt gemusterten Hemd voller Blumen, was denn sonst?Weltweit bekannt wurde Haskell mit einem radikalen Experiment: Ein Jahr lang beobachtete er einen einzigen Quadratmeter Waldboden. Sein Buch darüber, «The Forest Unseen», wurde 2012 zum Bestseller und befeuerte die weltweite Faszination für den Wald. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel «Das verborgene Leben des Waldes».Nun meldet sich Haskell mit seinem fünften Buch zurück: «Die schöpferische Kraft der Blumen». Es ist ein florales Manifest, das Blütenpflanzen dorthin rückt, wo sie hingehören: ins Zentrum der Erzählung darüber, wie unsere Welt entstanden ist. Seine Reise beginnt direkt vor seinem Schreibtischfenster, bei den Magnolien, die ihn betören und inspirieren.Katherine Lehman / Penguin Random HouseHerr Haskell, für alle, die im Biologieunterricht geschlafen haben: Wie haben Magnolien Sex?David George Haskell: Auf eine sehr ursprüngliche Weise: Männliche Staubblätter geben Pollen ab, die weiblichen Narben nehmen fremden Pollen auf und bilden im Fruchtknoten Samen. Besuchen Insekten die Blüten, nehmen sie nicht nur Pollen mit, sondern liefern zugleich den Blütenstaub einer anderen Pflanze ab. Magnolien sind zweigeschlechtlich, seit fast 100 Millionen Jahren.Das klingt nach maximaler Effizienz.Bei älteren Samenpflanzen waren die Geschlechter meist getrennt. Manche wuchsen wie Ginkgos als rein weibliche oder rein männliche Bäume heran. Andere teilten ihre Fortpflanzungsorgane auf verschiedene Pflanzenteile auf, wie Kiefern: Die weiblichen Zapfen hängen höher in den Kronen, um Pollen einzufangen, welchen die männlichen Zapfen weiter unten an den Wind abgeben.Das klingt deutlich weniger effizient.Indem moderne Blütenpflanzen beide Geschlechter in einer Blüte vereinen, können sie Insekten für sich einspannen. Bisexualität ist eine Schlüsseleigenschaft ihrer Fortpflanzung – und der Anfang einer floralen Revolution.Blütenpflanzen brachten Farbe und Düfte in eine Landschaft, die zuvor nur grün oder braun gewesen war.Edgar HerbstWie sah die Welt davor aus?Als vor rund 450 Millionen Jahren die ersten Pflanzen aus dem Wasser an Land kamen, gab es weder Regenwälder noch Laubhaine oder Mangroven an den Küsten. Die ersten Landschaften waren von Moosen geprägt, später auch von Farnen und Schachtelhalmen. Im Drama des Lebens waren Blütenpflanzen Spätzünderinnen, sie traten erst vor etwa 130 Millionen Jahren auf, zu Zeiten der Dinosaurier. Aber dann haben sie alle fundamentalen Lebensräume geschaffen, ohne die es weder Bienen noch Vögel noch uns Menschen gäbe.Wie haben Blütenpflanzen die Welt umgekrempelt?Indem sie ihre Feinde zu Verbündeten machten. Tiere waren ursprünglich eine reine Bedrohung für Pflanzen: Sie fielen über sie her, saugten ihren Saft oder frassen ihre Samen. Blumen haben diesen jahrmillionenlangen Krieg beendet – nicht mit Gewalt, sondern mit Schönheit: Sie brachten Farben und Düfte in eine Natur, die zuvor nur grün oder braun war und nach Schlamm oder Pilzen roch.Allen voran die Magnolien?Sie zählen zwar nicht zu den allerältesten Blumen, das wären eher die Vorfahren der Seerosen, aber trotzdem gelten sie als Urblüten: Ihre Anatomie kommt jener der ersten Blütenpflanzen am nächsten: die simple Schale aus Blättern, die gut sichtbaren Sexualorgane. Mit ihrem Aroma locken sie Bestäuber so raffiniert an, dass diese sogar gegen den Wind fliegen, dem Duft entgegen, wie Fische, die flussaufwärts schwimmen.Magnolien duften nach Rosen oder Mandarinen und präsentieren ihre grossen Blütenblätter wie Elchbullen ihre Geweihe.Und sie können wie viele Blumen noch viel mehr: die Temperatur ihrer Blüten erhöhen, um es für Käfer kuscheliger zu machen. Oder diese eine Weile lang gefangen nehmen, indem sie ihre Blüten schliessen.Das klingt mehr nach Bestechung und Ausbeutung als nach Schönheit und Kooperation.Natürlich ist es beides. Eine koevolutionäre Abmachung, von der beide profitieren. Blumen boten Bestäubern eine neue Nahrungsgrundlage, ohne die es heute weder Bienen noch Schmetterlinge gäbe. Insekten und Vögel wurden durch den Nektar immer artenreicher, während sie gleichzeitig den Pollen der Blumen in neue Lebensräume trugen. Genau wie viel später Weidetiere ihre Früchte. Aber diese Beziehungen sind nicht alle kooperativ: Blumen können meisterhaft betrügen, täuschen oder gar töten.Welche Art ist besonders durchtrieben?Orchideen. Manche Ragwurzen imitieren das Aussehen und den Duft paarungsbereiter Weibchen bestimmter Bienenarten so gut, dass Männchen versuchen, sich mit der Blüte zu paaren. Bei solchen Pseudokopulationen bestäuben sie die Orchideen zwar, bekommen selbst aber keinen Nektar, keine Nahrung, nichts. Andere Arten locken Bestäuber mit falschem Pollen an, lassen sie aber leer ausgehen. Der Europäische Frauenschuh zum Beispiel sperrt Insekten so lange ein, bis sie den Pollen übertragen haben.Manche Orchideenarten sperren Bestäuber ein, andere locken sie in den Tod.Edgar HerbstGanz schön fies.Ebenso fies ist der Dreiblättrige Feuerkolben aus der Familie der Aronstabgewächse: Er lockt Trauermücken mit dem Geruch verwesender Pilze an; diese rutschen an den glitschigen Wänden in die Blüte und sterben nach dem Abliefern des Pollens, weil es keinen Ausgang gibt. Und einige Pflanzen imitieren gar den Gestank von verrottendem Fleisch, um Aasfliegen anzulocken, die in der Hoffnung auf reiche Beute ihre Eier in der Blüte ablegen. Dort gibt es aber gar nichts zu fressen, also werden ihre Larven verhungern.Haben alle Blumenarten solche Tricks auf Lager?Ja, aber nicht alle dieselben. Ob Lilien, Tulpen oder Rosen, sie alle haben ihre eigenen Strategien entwickelt. Die Pflanzensexualität ist weit vielfältiger als unsere. Es gibt ja auch nur eine Menschenart, aber über 350 000 Blütenpflanzen. Fast allen gemeinsam ist die Zweigeschlechtlichkeit. Rund 90 Prozent aller Blütenpflanzen sind bisexuell.Dabei gelten Blumen in unserer Kultur doch als Sinnbild des Weiblichen.Das stimmt, sie werden als feminin wahrgenommen, während Bäume wie Eichen als maskulin gelten. Dabei ist auch die Eiche eine Sie-Er, wie die meisten Bäume, die ­– abgesehen von Nadelarten – ja auch zu den Blütenpflanzen zählen. Um diese Stereotypen zu durchbrechen, verwende ich beide Pronomen, sie und er, um sie zu beschreiben.Seit wann gelten Blumen als weiblich?Das ist ein relativ neues Phänomen. Im Mittelalter waren Lilien und Rosen Symbole der Könige von England und Frankreich. Noch am Hofe von Ludwig XIV. liebten die Männer florale Parfums, der König wurde «le roi le plus doux fleurant» genannt, der «am lieblichsten duftende König».Ein Macho mit Rosenparfum.Im Mittleren Osten haben die Männer bis heute keine Mühe damit. Wir Menschen projizieren Vorstellungen auf die Welt, die sich von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche unterscheiden. Dass Blumen heute für weiblich gehalten werden, zeigt doch, wie verarmt unser florales Wissen ist. Zumal Blumen ausgerechnet dann die süssesten Aromen verbreiten, wenn ihre männliche Seite Pollen produziert.Meine erste Erkenntnis bei der Lektüre Ihres Buches: Blumen sind die Frauen der Biologie – unterschätzt, auf ihr Aussehen reduziert und sexualisiert. Wie kam das?Als ihre Fortpflanzung in den Fokus der Botanik rückte, wurden sie zu einem Ventil für unterdrückte Phantasien. Im prüden 18. Jahrhundert galt schon ein öffentlicher Kuss als Skandal. Nackte Körper, entblösste Geschlechtsteile? Unvorstellbar. Sie sind ja auch bei Vögeln oder Säugetieren kaum sichtbar. Nur bei Blumen kann man buchstäblich zusehen, wie Bienen darin zugange sind, in den Pollen herumwühlen und ihn auf die Narbe übertragen.Den schwedischen Naturforscher Carl von Linné schien das ziemlich angeregt zu haben: Statt Pflanzen nüchtern zu beschreiben, bezeichnete er Blüten als Ehebetten, in denen Männer als männliche Staubblätter lagen und Frauen als weibliche Stempel.Bei Orchideen glaubte er gar, Ehemänner zu beobachten, die «von ihren Frauen krankhaft besessen sind», weil die männlichen und weiblichen Organe in der Blüte physisch verschmelzen. Und jene mit vielen Staubblättern beschrieb er als «zwanzig oder mehr Ehemänner mit einer einzigen Frau in einem Raum».Muss man Carl von Linné aus heutiger Sicht als Sexisten bezeichnen?Er war sicher von einer patriarchalischen Gesellschaft geprägt, die Frauen ebenso abwertete wie Pflanzen, zumal er seinen Töchtern nicht einmal eine Schulbildung erlaubte. Zudem wusste er, wie man Aufmerksamkeit generiert, und das musste er auch, da er nicht aus einer wohlhabenden Familie stammte und Autodidakt war.Die sexuellen Anspielungen funktionierten anscheinend hervorragend.So sehr, dass konservative Botaniker seine Klassifikation der Pflanzen als «abscheuliche Hurerei» bezeichneten. Die moralische Empörung hatte aber auch viel mit Eifersucht zu tun: Linnés System war schlicht viel einfacher und praktischer als die alten Methoden. Aber wissen Sie, was das Ironische daran ist?Sagen Sie es.Das Studium der vermeintlich anrüchigen Pflanzen war lange die einzige Wissenschaft, die auch Frauen offenstand, während Chemie oder Tierbiologie als männliche Domänen galten.Haben Sie von Holcoglossum amesianum gehört, einer chinesischen Orchideenart, die ihr Geschlechtsorgan um 360 Grad gegen die Schwerkraft drehen kann, um sich selbst zu befruchten?Es gibt eine Reihe von Blumen, die ihren eigenen Pollen auf dem weiblichen Teil der Blüte platzieren. Eine Back-up-Strategie, wenn keine Bestäuber vorhanden sind. Aber die Amesianum befruchtet sich ausschliesslich selbst, das ist riskant.Dann ist Selbstbefruchtung nur ein evolutionärer Notfallplan?Genau, denn es führt zu Nachkommen, die genetisch weniger vielfältig sind. Aber das ist immer noch besser als gar keine zu haben, oder? Stiefmütterchen, die bisweilen als Unkraut auf Feldern wachsen, haben sich inzwischen schon an das heutige Insektensterben angepasst: Ihre männlichen und weiblichen Blütenteile liegen näher beieinander, um Selbstbefruchtung zu erleichtern.Smart, flexibel, anpassungsfähig – folgt man Ihnen, müssten Blumen die wahren Helden der Evolution sein.Und trotzdem wird ihre evolutionäre Bedeutung in Lehrbüchern kaum thematisiert. Zentrale Kapitel der Evolutionsgeschichte sind nach Tieren benannt, dem Zeitalter der Säugetiere zum Beispiel. In Naturkundemuseen beherrschen Tierskelette das Narrativ. Blumen hinterlassen halt weniger beeindruckende Fossilien als Dinosaurier. Schon Höhlenmenschen waren pflanzenblind.Pflanzenblind?In altsteinzeitlichen Höhlenmalereien gibt es fast keine Darstellungen von Pflanzen, obwohl bereits Neandertaler sie assen und als Medizin nutzten. Menschen sind wie Tiere darauf gepolt, Gesichter zu lesen und sich mit ähnlichen Wesen zu identifizieren. Pflanzen hingegen sind völlig anders und schon rein visuell fremd. Das ist einer der Gründe, warum Tiere die Kunstgeschichte prägen, bis heute.Auch Sie haben sich zuerst den Bäumen gewidmet, bevor Sie die Blumen ins Zentrum gerückt haben.Tatsächlich habe ich Blumen zwar schon als Kind geliebt, jedoch erst später gelernt, wie fundamental sie für unser Leben sind. Insbesondere, als ich für mein erstes Buch ein Jahr lang dasselbe Waldstück beobachtete. Wenn im Frühling die Wildblumen blühen, erwacht alles Leben, die Ameisen, die Käfer, die Vögel. Dass wir auf einem klingenden Planeten leben, verdanken wir auch der evolutionären Kraft der Blumen.Nicht alles, was blüht, ist so bunt: Gräser zum Beispiel haben sehr unauffällige Blüten, sind aber überlebenswichtig.Edgar HerbstWelche Blütenpflanzen werden am meisten unterschätzt?Gräser. Hätten sie sich nicht entwickelt, wären wir möglicherweise immer noch das, was unsere Vorfahren waren: Primaten, die im Wald leben, kleine Gehirne haben und sich von Früchten ernähren.Gräser? Das hätte ich jetzt nicht erwartet.Alle denken bei Gras an Rasen und ökologische Einöde. Dabei haben sie rund ein Drittel unseres Planeten erobert.Wie haben sie das geschafft?Durch einen simplen Bauplan: Sie haben unauffällige Blüten, da sie nicht mehr mit Tieren kommunizieren. Ihre weiblichen Teile sind anders geformt und darauf spezialisiert, Pollen im Wind einzufangen. Sie bilden auch keine langen Stengel oder hohe Stämme aus, sondern lassen ihren Körper fast wie Schlangen über den Boden kriechen. So flach, dass sie Brände oder Tiere überleben, die sie abfressen. Das ist für unser Leben zentral: Rund 60 Prozent unserer Kalorien basieren auf Grasarten, insbesondere Weizen, Reis und Mais.Wir ernähren uns zu fast zwei Dritteln von Gras?Ob Sie in ein Brot beissen oder Nudeln essen, Sie essen die Samen von Grasblüten, die ihrem Nachwuchs eine riesige Vorratskammer aus Stärke und Proteinen mit auf den Weg geben, sie mit einem Nährgewebe umhüllen, von dem sich der Embryo ernähren kann. Denken Sie an Zucker, der meist aus Zuckerrohr stammt, das botanisch gesehen ein Gras ist. Denken Sie an die Gräser, die milchgebende Kühe fressen, die Hühner, die Eier legen, fressen, und alle anderen Tiere, die wir essen.Alles Fleisch ist Gras, hiess es doch in der Bibel.Ja, nur war es eine Metapher der Vergänglichkeit. Dabei ist es umgekehrt: Würden wir nach unserer primären Nahrungsquelle benannt, müssten wir Grasaffen heissen, Homo poaceae, nach dem wissenschaftlichen Namen der Grasfamilie. Poaceae ist vom griechischen Wort für «Futter» abgeleitet.Verschenken Sie eigentlich Blumen?Natürlich mache ich das. Und wir haben immer welche im Haus.In Ihrem Buch nennen Sie Blumensträusse «vergiftete Geschenke».Natürlich gibt es Blumen, die ich niemals kaufen würde, weil sie extrem belastet sind. In Schnittrosen etwa stecken beim Verkauf bis zu 14 verschiedene Pestizide. In Deutschland und Österreich hat eine Studie bei 72 Prozent der Schnittblumen gesundheitsschädliche Chemikalien nachgewiesen, von denen einige nicht einmal in Europa zugelassen waren.Schönheit mit Nebenwirkungen.Wirklich darunter leiden tun Floristen, die diese Giftstoffe über die Haut aufnehmen. Und Arbeiter, die sie auf riesigen Feldern und in Treibhäusern anbauen, in Ländern wie Ecuador und Kolumbien. Die Pestizidbelastung von Schnittblumen ist manchmal bis zu tausendmal so hoch wie das, was bei Nahrungspflanzen zulässig ist. Wer Lavendel im Gartencenter kauft, holt sich oft krebserregende Fungizide und Insektizide nach Hause, die noch nach einem Jahr in der Pflanze nachweisbar sind. Damit schaden wir genau den Bestäubern, auf die wir angewiesen sind.Achtung: Viele Gartenblumen sind so auf Schönheit gezüchtet, dass sie für Bestäuber nutzlos sind.Edgar HerbstWas raten Sie Hobbygärtnern?Auf Bio- und Fairtrade-Labels zu achten. Auch nicht zu empfehlen sind Blumen mit gefüllten Blüten wie Pfingstrosen. Ihnen sind – wie dem Rittersporn – die pollenproduzierenden Staubblätter weggezüchtet und in zusätzliche Blütenblätter verwandelt worden. Für das menschliche Auge sind sie wunderschön, für Bienen nichts anderes als tote Kulisse.Haben Sie aus Ihrem Garten alles verbannt, was nicht einheimisch ist?Nein, ich bin kein Fan von extremem Pflanzen-Puritanismus. Ich habe sowohl Exoten als auch Pfingstrosen in meinem Garten, obwohl sie für Bestäuber nutzlos sind. Es ist eine Frage der Balance. Sicher ist, dass einheimische Arten mehr Raupen und Insekten füttern, die wiederum die Nahrungsgrundlage für Vögel bilden. Das gilt es zu fördern. Bei mir blüht zum Beispiel gerade die Bergminze, eine wilde Art, die ein bisschen nach Gin riecht und mit ihren vielen kleinen Blüten ein echter Bienenmagnet ist.Was ist mit roten Geranien, die zur Schweiz gehören wie die Kühe auf der Weide? Gehören die auf den Index?Nein. Sie stammen zwar ursprünglich aus Südafrika und wurden auf besonders leuchtende Blüten gezüchtet, haben ihre ökologische Funktion aber nicht verloren. Die feinen Härchen ihrer Blätter verströmen dank aromatischen Ölen einen unverwechselbaren Duft, der dazu dient, gefrässige Insekten abzuhalten.Hierzulande werden sie von vielen als bünzlig abgetan.Zu Unrecht. In den USA sind Geranien sehr beliebt, insbesondere beim «companion planting»: Setzt man sie in Gemüsebeete, hält ihr Duft die Insekten davon ab, Pflanzen wie Kürbisse oder Zucchini anzugreifen. Letztere arbeiten übrigens ebenfalls mit Täuschung: Ihre weiblichen und männlichen Blüten sehen absolut identisch aus. Sonst würden Bienen die weiblichen nicht besuchen, weil es dort keinen Pollen zu holen gibt. Hummeln fallen darauf rein, Honigbienen hingegen sind intelligenter und meiden sie.Leiden die Pflanzen bei Ihnen im Garten momentan auch so unter der Hitze?Atlanta ist zwar für seine schwülheissen Sommer berüchtigt, so schlimm wie bei meinen Verwandten in Frankreich ist es jedoch nicht. Obwohl massive Hitze Pflanzen enorm stresst, haben viele Arten gelernt, mit solchen Extremen umzugehen. Sukkulenten zum Beispiel speichern Wasser in Stengeln oder Wurzeln, um Trockenzeiten zu überstehen. Nur ändert sich das Klima heute so schnell, dass die Evolution kaum hinterherkommt.Was braucht es, damit Blumen auch die künftigen Klimaextreme überstehen?Genetische Vielfalt ist der Schlüssel dafür. Indem wir artenreiche Lebensräume schützen, sichern wir die Bedingungen für die Anpassung.Wer überlebt, wer nicht?Am besten anpassen können sich kurzlebige Unkräuter, die selbst auf den giftigsten Mülldeponien gedeihen und in kurzer Zeit viele Generationen hervorbringen. Schwierig wird es für langlebige Arten wie Eichen. Da sie Hunderte von Jahren alt werden, dauert ihr Generationswechsel viel zu lange, ihre genetische Evolution kann mit dem Klimawandel nicht Schritt halten. Rund die Hälfte aller Orchideen- und Magnolienarten gilt als vom Aussterben bedroht.Wie bewahren Sie sich angesichts solcher Zahlen Ihre Zuversicht?Ich denke dann in Zeiträumen von Hunderttausenden oder Millionen Jahren. Die Probleme von heute werden morgen ganz andere sein. Das hilft. Was immer das Schicksal des Menschen sein mag: Die Blütenpflanzen werden bleiben. Im südlichen Afrika zum Beispiel oder im Südwesten Australiens, wo die Böden nährstoffarm sind und die Temperaturen extrem, überleben sie in sehr engen, kooperativen Allianzen mit Insekten, Vögeln und Säugern. Das Paradoxe ist: Die Blumen sind dort unglaublich gross und farbenprächtig. Wenn die Bedingungen hart werden, übersät die Evolution das Land mit Blumen.Eine romantische und zugleich traurige Vorstellung.Natürlich bedeutet das nicht, dass wir uns keine Sorgen um die Umwelt machen müssen und sie nicht schützen sollten. Es gibt zwar keinen Gott der Evolution, aber die biologische Realität zeigt uns, dass wir Teil einer viel grösseren Erzählung sind. Und die wird noch lange weitergehen.Passend zum Artikel