Tschüss Greta: Die neuen Umweltmagazine sind alles anderes als miesepetrig – aber trotzdem ganz schön verdächtigWo fast nichts mehr wächst, spriessen einige Öko-Formate besonders hartnäckig. Über die Kunst des Überlebens in Krisenzeiten.10.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKunst als Öko-Thema: Dieses Land-Art-Werk des Kollektivs D.A.ST. wird durch Wind und Erosion von der ägyptischen Wüste zurückerobert.Danae StratouWären Umweltmagazine Pflanzen, sie stünden auf der Roten Liste. Weil sie Geschichten erzählen, die niemand mehr hören will, hören kann, in dieser brutalen, angstmachenden Zeit. Klimawandel? Artensterben? Nicht auch noch das, bitte, die Welt ist so schon zu viel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und doch gibt es in den USA ziemlich toughe Gewächse, die wie Pionierpflanzen gedeihen, wo sonst nichts mehr wächst, in kargen Nischen und auf lebensfeindlichen Flächen. Sie heissen «Atmos» oder «Emergence» und sind robust wie Moose oder Flechten, bodenlockernd und humusbildend – und sie spriessen trotz Medienkrise, trotz allem.Wie ist das möglich?Lange vorbei sind doch die Zeiten, in denen vom Flugticket bis zur Fussball-WM in Katar alles als klimaneutral angepriesen wurde und selbst Donald Trump mit goldenen Gartenschaufeln hantierte – anlässlich des Earth Day 2020 im Garten des Weissen Hauses: «Wir tun heute etwas, was ich immer schon geliebt habe: Bäume pflanzen», sagte er, ja er, Donald Trump, und nannte die «One Trillion Trees»-Pflanz-Initiative von Regierungen, Firmen und NGO einen «very big deal» – ganz so, als hätte sich die Welt tatsächlich auf das Ziel geeinigt, das man in zwei Wörter fassen kann: netto null.Inzwischen scheinen Klimaziele ebenso verschwunden zu sein wie die damals so gehypten Umweltressorts und Grünmagazine. Aber nicht alle: «Atmos» aus New York zum Beispiel beweist seit 2019, dass Überleben kein Zufall ist – als multimediales Ökosystem, bestehend aus Print- und Digitalmagazin, mehreren Newslettern und einem Podcast, die sich alle gegenseitig bedingen und befruchten.«Wenn wir die Geschichte verändern wollen, müssen wir das Erzählen verändern», sagte die Mitgründerin und Chefredaktorin Willow Defebaugh der Modeplattform «Reformation». Der traditionelle Umweltjournalismus war ihr immer zu steril, zu datengetrieben, zumal Statistiken Menschen nicht berühren. Wenn etwas das kann, dann Geschichten, die wir teilen wie die Atmosphäre.Verdächtig schönDie neuste Printausgabe heisst «Pollinate», Bestäuben, und ist in acht Covers zu haben. Schwer zu sagen, welches schöner ist: das mit dem Kolibri in irisierenden Pfauenfarben? Oder das mit der Skulpturenlandschaft der amerikanischen Badlands, bei deren Anblick man sofort nach South Dakota reisen möchte?Im «Atmos»-Shop sind alle Ausgaben ausverkauft, in der Schweiz sind sie nirgends zu finden, bleibt nur die Bestellung bei Magazin-Boutiquen wie «Do you read me?» in Berlin – 29 Euro 50, Versandkosten 19 Euro 95. Ganz schön teuer für ein Heft, das mehr Nice-to-have als Must-have ist. Blüht und flirrt «Atmos» doch vor allem digital.Schön ist es überall, sinnlich schön, sehnsüchtig schön und darum ganz schön verdächtig. Geht visuelle Stärke doch oft mit inhaltlicher Schwäche einher, wie etwa bei jenen Magazinen, die vor rund zehn Jahren die Ära des «slow journalism» anbrechen liessen. Sie hatten beruhigende Namen wie «Oak», zelebrierten Tätigkeiten wie Brotbacken mit Mehl aus fast ausgestorbenen Getreidesorten und bedienten die wachsende Sehnsucht nach einer Welt, in der man verdammt noch mal seine Ruhe hat.Bei «Atmos» hingegen ist Ästhetik mehr Mittel als Zweck. Die Post-Greta-Generation will weg von miesepetrigem «How dare you»-Moralismus und Sich-auf-Strassen-Kleben, hin zu guten Ideen und Lösungen. Und sie begreift Umweltfragen als kreative Herausforderung, die nicht bloss Wissenschafterinnen oder Politiker, sondern auch Fotografinnen oder Künstler angeht.«Atmos» ist folglich mehr Kunstkatalog als Heft, mit dickem Papier und Fotoessays in matten Farben. Es kommt ähnlich daher wie die sogenannten Weltfluchtmagazine, ist im Gegensatz zu diesen aber nicht frei von der hässlichen Nachrichtenrealität, schon gar nicht im Newsletter. Oft werden Probleme jedoch als Lösungen thematisiert, mit dem Who’s who der englischsprachigen Denkerinnen und Forscher. Von der Essayistin Rebecca Solnit über die Mykologin Giuliana ­Furci bis zum Künstler Olafur Eliasson, der im neuen «Nature Of»-Podcast darüber spricht, wie Kunst uns fühlen lässt, was zu gross oder abstrakt ist, um es zu begreifen – einen schmelzenden Gletscher etwa stellt er mitten in eine Stadt, um ihn uns näherzubringen.Müsste man «Atmos» in ein Wort fassen, dann wäre es «verbinden»: uns wieder verbinden mit allem, was Natur genannt wird, verbinden mit Raben, die um ihre Angehörigen trauern – wie wir –, oder Kolibris, die als Bestäuber tagtäglich das Leben erhalten – für uns. Wenn die Welt etwas braucht, dann keine Beruhigungstabletten, sondern Stimmungsaufheller.So hat sich «Atmos» als «culture brand» etabliert – und gleichzeitig als NGO, die sich über Memberships und Spenden finanziert und 2024 laut Steuerdaten der USA mehr als 5,5 Millionen Dollar einnahm, ohne in Mailings ständig um Geld zu betteln.Das ist die Crux vieler werbefreier und vermeintlich unabhängiger Formate: Auch sie sind abhängig. Halt einfach anders. Und sie bestätigen die These, dass Umweltmedien heutzutage vor allem als Nonprofit mit Mission funktionieren: «Atmos» will inspirieren, transformieren, mitten ins Herz treffen, nach der einfachen Überzeugung der Umweltikone Jane Goodall, dass Menschen schützen, was sie lieben.Schade bloss, dass dabei jene kritische Distanz verlorengeht, die Journalismus ausmacht. Beim Interview über die Rechte der Natur zum Beispiel wartet man vergeblich auf Fragen wie: Warum sollten Flüsse mehr Rechte haben als Tiere? Oder: Wie viel bringen sie den bedrohten Ökosystemen tatsächlich?Kunst des ÜberlebensNoch so ein Multimediakosmos von Gleichgesinnten mit Gleichgesinnten für Gleichgesinnte ist «Emergence». Es ist mit nur einer Printausgabe (41 Franken) jährlich noch langsamer als «Atmos», noch literarischer, noch tiefer in der Deep Ecology des Norwegers Arne Naess verwurzelt. Er wollte den Anthropozentrismus schon in den siebziger Jahren überwinden und verstand den Menschen – wie die indigenen Kulturen vor ihm – nicht als Mittelpunkt der Welt, sondern als Teil von ihr.EmergenceGemacht wird «Emergence» von einem Filmemacher und Sufi-Lehrer. Das Geld stammt von der kalifornischen, rund 285 Millionen Dollar schweren Kalliopeia Foundation und fliesst auch in Events, Förderprogramme und Spiritual Ecology Retreats. Dort soll jener fundamentale Denkfehler korrigiert werden, der manchen als Ursache aller Umweltprobleme gilt: die Trennung zwischen dem Menschen und der Natur. Alles ist verbunden, nichts existiert allein.Auch das ist die Ironie des Überlebens: «Umweltjournalismus» funktioniert heute oft nur noch, indem er sein Wesen opfert, entweder die Welt nicht mehr objektiv beschreibt oder sie durch spirituelle Erleuchtung retten will – und damit seinen Anspruch auf Neutralität aufgibt.Und doch bereiten Formate wie «Emergence» oder «Atmos» als Pionierpflanzen den Boden für Arten, die dort gedeihen, wo andere die Vorarbeit geleistet haben. Das deutsche «Atmo» scheint so eine zu sein: Auferstanden aus dem «Greenpeace»-Magazin, das 2024 eingestampft wurde, will auch diese Publikation «Lust auf Zukunft machen». Konstruktiv sein. Zeigen, wofür es sich einzutreten lohnt. Was zu tun ist.atmoNZZAS – Magazin NZZaSEtwas beweisen all die raren Gewächse: In der kargen Medienlandschaft überlebt nicht, wer am lautesten schreit, sondern wer am tiefsten wurzelt. Die Welt mag brutal sein und Angst machen, zwischen den Zeilen aber wird die Luft wieder besser. Es grünt nicht nur. Es fängt gerade erst an, richtig zu blühen.Passend zum Artikel