Hybrider Krieg: Was wir von Polen und Balten lernen könnenNach dem Fund einer Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig werden die grossen Lücken bei der Abwehr verdeckter, mutmasslich russischer Angriffe in Deutschland und anderswo in Westeuropa offensichtlich.Paul Flückiger09.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin Sprengstoffspezialist der deutschen Polizei entfernt den Zünder der Drohne auf der Südpiste des Flughafens Leipzig.ImagoIm kleinen Baltenstaat Estland ging es zack, zack. Ende März war eine Drohne in den Kamin des Elektrizitätswerks Auvere zwei Kilometer westlich der russischen Grenze gestürzt. Gut zwei Monate später hatte der Grenzschutz ein Drohnenerkennungssystem installiert. Auch im Dreiländereck Estland-Lettland-Russland wurde gleich das erste Anti-Drohnen-System in Betrieb genommen. Bis Ende Jahr soll die ganze estnische Grenze zu Russland so abgesichert werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Drohnenabwehrsystem am Flughafen Leipzig, der nach Frankfurt grössten Frachtdrehscheibe in Deutschland: ein aufmerksamer Busfahrer, der Dienstagnacht dieser Woche eine knapp über dem Boden fliegende Drohne in der Nähe einer parkierten Maschine bemerkt, aussteigt und dem Fluggerät einen Tritt mit dem Fuss verpasst. Der Mann wäre tot, hätte der Zündmechanismus am Sprengsatz der Drohne funktioniert.Noch scheut sich die deutsche Regierung, Russland als Urheber dieses offensichtlichen Anschlagsversuchs zu benennen. Doch der Drohnenangriff reiht sich ein in die Serie von Sabotageakten, Mordkomplotten gegen Rüstungsunternehmer, Spionageflügen über Militär- und Industrieanlagen in Deutschland seit dem Beginn des Ukraine-Krieges 2022. Die kleinen baltischen Staaten reagierten rasch und versuchen, die hybriden Angriffe Russlands oder auch Weissrusslands abzuwehren. Nicht so Deutschland oder andere westeuropäische Staaten, die Schweiz eingeschlossen. Je grösser das Land, desto langsamer mahlen die Mühlen bei der Beschaffung der Abwehrtechnik.Der Flughafen Frankfurt hat bereits ein System zum Aufspüren von Drohnen, für den Flughafen München konnte im Juni die Ausschreibung zur Anschaffung eines Abwehrsystems «gemäss der Planung» abgeschlossen werden, wie das Innenministerium dem Redaktionsnetzwerk Deutschland mitteilte. Für die anderen Flughäfen im Land laufen die Vergabeverfahren noch.Der estnische Innenminister Igor Taro indessen fackelte nicht lange: «Die ersten Systeme sind installiert und arbeiten nun», liess er bei einem Besuch an der Grenze knapp verlauten. Tallinn stellte auch kurzerhand 500 Millionen Euro im Verteidigungsbudget bis zum Jahr 2030 für Abfangdrohnen und eigene Kampfdrohnen ab.Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Weg. Das demonstriert dieser Tage auch Lettland, wo die meisten von Russland mutmasslich umgeleiteten ukrainischen Drohnen abstürzen oder von Nato-Kampfjets abgeschossen werden. Zwei davon fielen im Mai in ein glücklicherweise gerade leeres Öltanklager in Rezekne.«Bis Ende September ist geplant, die ganze Ostgrenze Lettlands mit automatischen Anti-Drohnen-Systemen auszustatten», kündigte Verteidigungsminister Raivis Melnis Ende Juli an. Der 49-jährige ehemalige Verteidigungsattaché in Afghanistan würde nach den Parlamentswahlen von Anfang Oktober gerne weitermachen. Sein Vorgänger Andris Spruds war im Mai über die Drohneneinfälle gestolpert und musste den Hut nehmen, kurz bevor ihm die ganze Regierung folgte.Ballone abgeschossenIn Litauen, dem grössten Baltenstaat, verhängte die Regierung im Dezember kurzerhand den Ausnahmezustand, nachdem Wetterballone aus Weissrussland mehrmals eine Schliessung des Flughafens von Vilnius erzwungen hatten. Die Ballone waren angeblich zu Schmuggelzwecken über die nahe Grenze geschickt worden, doch war schnell klar, dass es sich auch hier um ein Element der hybriden Kriegsführung von Wladimir Putins engstem Verbündeten handeln musste. Die Wetterballone konnten danach von der Armee abgeschossen werden, das Problem wurde weitgehend behoben.Nicht dass man in Westeuropa die hybriden, unterhalb eines offen deklarierten militärischen Konflikts liegenden Angriffe durch Russland entspannter sähe. Die Unruhe nach dem Vorfall in Leipzig ist gross, Kanzler Merz berief am Freitag per Video den Nationalen Sicherheitsrat ein – und noch am selben Tag gab es neue Drohnensichtungen, dieses Mal wieder über einer Anlage der Bundeswehr in Mechernich, wo Patriot-Abwehrsysteme gewartet werden. Doch alles geht langsam.Ähnlich läuft es aber auch in Polen, das doch um vieles mehr direkt vom Angriff der russischen Armee auf das Nachbarland Ukraine betroffen ist. In Polen, dem fünftgrössten EU-Land und einem der truppenstärksten Nato-Mitglieder, ist bis jetzt nur der Passagier- und Frachtflughafen Warschau mit einem Anti-Drohnen-System gesichert. Und dies laut Insidern auch nur halbwegs. Das halbe Dutzend weiterer internationaler Flughäfen steckt noch mitten in der Auswertungs- und Beschaffungsphase.Bis Ende 2027 soll die ganze Ostgrenze mit einem umfassenden Drohnenabwehrsystem namens «San», bestehend aus 18 mobilen Batterien und über 700 Militärfahrzeugen, gesichert werden. Bis Ende dieses Jahres sollen die ersten Batterien ans Heer übergeben werden. Polen zieht damit eine Lehre aus dem Einfall von über zwanzig Drohnen aus Russland und Weissrussland im September 2025. Diese konnten damals nur mit teuren Trägerraketen an F-35-Kampfjets bekämpft werden.Weitgehend schutzlos ist Polen indes immer noch Marschflugkörpern ausgesetzt, die sich ab und an in den polnischen Luftraum verirren. Die letzte russische Rakete vom Typ CH-101, immerhin 7,5 Meter lang, 2,5 Tonnen schwer und mit Sprengstoff munitioniert, flog Ende Juli bei der ostpolnischen Stadt Lublin innert sechs Minuten 100 Kilometer ins Landesinnere und schlug in einen Acker ein. In der Nacht zum 30. Juli hatte Russland eine grosse Raketen- und Drohnenattacke auf die Ukraine geritten. Dabei soll sich die russische Rakete in den polnischen Luftraum verirrt haben. Sie hätte auch ein bewohntes Haus treffen können.Rumänien und Bulgarien, wo am Samstag erstmals eine Drohne eindrang und in der Nähe der Kompressorstation einer Gaspipeline explodierte, sind ähnlich unvorbereitet wie die Westeuropäer.Elektronisch gesicherte ZäuneDoch neben den Drohnen, die bald schon kritische Infrastruktur im Baltikum und in Polen angreifen könnten, gibt es eine Vielzahl weiterer hybrider Attacken. Polen, Litauen und Lettland sind an den Grenzen zu Weissrussland seit 2021 von Minsk und Moskau instrumentalisierten Migranten ausgesetzt. Die drei Länder haben seitdem hohe elektronisch gesicherte Zäune zum Osten hin gebaut.Doch immer wieder werden von Flüchtlingen unter tatkräftiger Mithilfe weissrussischer Grenzer Tunnel gegraben. Erst am Donnerstag hatte der litauische Grenzschutz bei Druskininkai einen derartigen Tunnel entdeckt, bereits der dritte in diesem Jahr.Dank guter Arbeit seines Inlandgeheimdienstes ABW hat Polen auch eine Welle von Brandstiftungen an Einkaufszentren und Sabotageakte gegen Bahnstrecken, die in die Ukraine führen, einstweilen unterbunden. Verhaftet wurden vor allem Ukrainer und Weissrussen, die im Auftrag russischer Dienste arbeiteten. Im Osten der EU weiss man: Russlands hybrider Krieg läuft längst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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