Die Spekulationen nehmen auch nach einer Woche kein Ende. Fragt man Einwohner von Ceuta, wer für den Ansturm verantwortlich sei, kommt meist schnell die Antwort: Marokko. In Spanien fand ein Video weite Verbreitung, das angeblich zeigt, wie ein marokkanischer Polizist Dutzenden Männern von der Ladefläche eines großen Lastwagens hilft. Wann und wo es aufgenommen wurde, bleibt im Ungewissen.Bei Marokko bleibt es jedoch nicht: Das Land tue nichts gegen den Willen der USA, heißt es. Einige gehen noch weiter. Marokko sei nicht nur verantwortlich, sondern „ein loyaler Verbündeter der Vereinigten Staaten und Israels“, stellt die linke Partei Izquierda Unida fest, die dem Sumar-Bündnis angehört, das Koalitionspartner von Ministerpräsident Pedro Sánchez ist.

Mit den Toten und den verheerenden Bildern aus Ceuta wollten Donald Trump und Benjamin Netanjahu den Sozialisten Sánchez „bestrafen“, lautet die Verschwörungstheorie. Der weigert sich, das Fünf-Prozent-Ziel der NATO bei den Militärausgaben einzuhalten, und lehnte den Gaza- wie den Irankrieg ab.Vor und nach dem Ansturm auf Ceuta spielten Falschmeldungen in den sozialen Medien eine wichtige Rolle. So baute sich eine Flüchtlingswelle auf, und als diese nicht mehr aufzuhalten war, verhielten sich die marokkanischen Sicherheitskräfte zunächst passiv.Schlepper spielten offenbar keine große RolleJunge Marokkaner informieren sich praktisch nur über soziale Medien. Alles wird in Windeseile geteilt. Im vergangenen Herbst organisierte ein anonymes Protestkollektiv auf der Gaming-Plattform Discord die größten Demonstrationen seit dem Arabischen Frühling. Dieses Mal begann es offenbar mit der Berichterstattung größerer Nachrichtenportale über das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofs in Spanien, laut dem Migranten, die nach Ceuta schwimmen, nicht sofort wieder abgeschoben werden dürfen.Bei Facebook, Instagram und in zahllosen Whatsapp-Gruppen wurde daraus schnell ein Asylanspruch in Spanien – versehen mit praktischen Tipps, wie man am besten dorthin kommt. Kriminelle Schlepper spielten keine große Rolle. Es ging um Plastiktüten für Handys und Schwimmhilfen.Nach dem Scheitern der schwimmenden Migranten haben dieselben Netze, die zur Flucht aufgerufen hatten, eine neue Funktion. Sie sind auf einmal voll von Fotos von den Vermissten in Ceuta, verzweifelten Suchaufrufen und Nachrufen auf Ertrunkene. Seit für den 15. August in den marokkanischen Netzen ein neuer Ansturm auf Ceuta angekündigt wurde, werden diese von der EU genau beobachtet.„Wir bleiben vor, während und nach dem 15. August in höchster Alarmbereitschaft“, sagte am Donnerstag ein Kommissionssprecher in Brüssel. Er erwähnte noch einen weiteren ausländischen Akteur: Russland. Dort wird in Desinformationsnetzen über Ceuta berichtet. Die Migrationskrise gilt als neuer Beweis für die Schwäche der EU. (hcr.)