Nach dem Start in eine als schwierig erachtete Saison schnauzte der Berliner Abwehrspieler Niklas Kolbe: „Drecksspiel!“ Das verhieß nichts Gutes. Der einstige Big-City-Club Hertha BSC startet bloß als Scheinriese in seine vierte Zweitliga-Spielzeit nacheinander und musste sich im ausverkauften Bochumer Ruhrstadion sogleich einer Art Kugelhagel erwehren. Doch als die Abwehrschlacht vorbei war, sangen 2700 mitgereiste Berliner Fans tatsächlich: „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“Wenn gerade mal das erste von insgesamt 306 Zweitliga-Saisonspielen absolviert wurde, ist es nicht allzu schwierig, selbst mit einem knappen 1:0-Sieg und womöglich auch nur über Nacht Spitzenreiter zu sein. Dass dies jedoch ausgerechnet der Berliner Hertha gelang, entpuppte sich als Auftaktpointe dieser 53. Zweitliga-Saison. Nach der wirtschaftlich bedingten Hergabe von gleich 13 teils hochrelevanten Spielern wird dem Hauptstadtverein eine komplizierte Saison prophezeit – doch nachdem man die Premierenpartie beim VfL Bochum durch ein Tor des Dänen Sebastian Grönning (39.) überraschend mit 1:0 gewonnen hatte, schwelgte der Trainer Stefan Leitl von einem „fantastischen Spiel“ und nannte die Leistung seines vermeintlich gebeutelten Kaders „kämpferisch überragend“. Etwas anderes hatte auch der Spieler Kolbe nicht suggerieren wollen, indem er das Spiel als dreckig bezeichnete.MeinungZweitliga-Start:Endlich wieder Fußball! (Ohne Fifa)Einer, der die präsaisonale Mär von der ach so gebrechlichen Alten Dame Hertha ohnehin nicht hatte glauben wollen, war der Bochumer Trainer Uwe Rösler. Der 57-Jährige hat schon in vielen Klubs und Ländern gearbeitet und mochte den Abgesang auf den ersten Saisongegner nicht mitmachen. „Wenn du die ersten 14,15 Spieler anschaust, dann ist die Hertha ein Topmannschaft“, hatte Rösler schon vor dem Saisonauftakt gesagt. Auch wenn sich die These von einer Topmannschaft erst noch erhärten muss, brachten die ersten 14,15 Berliner Spieler die Bochumer ganz schön in die Bredouille und zogen keck das Spiel.Bochum ist 2025 aus der Bundesliga abgestiegen, hat anschließend eine wechselhafte Zweitliga-Saison auf Platz neun beendet und würde nun gerne eine Spielzeit folgen lassen, in der sich eine positive tabellarische Tendenz zeigt. Einen „einstelligen Tabellenplatz mit der Möglichkeit, oben anzugreifen“, hat Rösler als Hinrundenziel ausgegeben – aber wenn der elementar von seiner Heimstärke zehrende Revierklub nicht mal sein Auftakt-Heimspiel gewinnt, dann wird‘s schwierig. Ende September beginnt auch noch ein auf drei Jahre angelegter sukzessiver Umbau des Ruhrstadions und eine damit einhergehende zwischenzeitliche Reduzierung der Zuschauerkapazität. Beim überdurchschnittlich von Furor und Folklore lebenden Fußballverein könnte die Dauerbaustelle zu Stimmungs- und Resultatseinbußen führen.Hertha hat erst einen neuen Spieler verpflichtet, der Klub will noch nachlegenObwohl die Deutsche Fußball-Liga auf ihrer Internetseite in dem Appetitmacher „Die Stars der zweiten Bundesliga“ unter 14 Stars keinen einzigen Spieler aus dem Eröffnungsspiel auflistete, hatte diese Partie Klassiker-Charakter. Unter den aktuellen 18 Zweitligisten rangieren in der ewigen Bundesliga-Tabelle die Hertha als Zwölfter und Bochum als Dreizehnter immer noch weit oben im deutschen Fußball-Gedächtnis. Da ist es fast schade, dass man in dieser Saison beiden Klubs die Rückkehr in die Bundesliga eher nicht zutrauen darf.Die Hertha hat bislang erst einen einzigen neuen Spieler für die neue Saison verpflichten können: den jungen Angreifer Oluwaseun Adewumi, 21, als Leihgabe vom englischen Zweitligisten FC Burnley. Bochums Trainer Rösler hat aber bereits spekuliert, dass in Berlin noch Verstärkungen anstehen. „Was man so hört, kommen die großen Neuzugänge dort noch“, sagte er über die Berliner Transferbemühungen. Das hat der Hertha-Trainer Leitl mehr oder weniger so bestätigt. Dass im aktuellen Kader bislang die Rückennummern 1 (Torwart), 9 (Mittelstürmer) und 10 (Spielmacher) noch nicht vergeben wurden, sind weitere Indizien.„Bei uns geht noch mehr“, sagte Leitl über die schon recht ordentliche Leistung zum Auftakt in Bochum. Der Siegtorschütze Grönning verriet, dass er vor zweieinhalb Monaten Vater eines Sohnes geworden ist und dass es mental hilft, wenn man sich daheim mit dem Kind beschäftigt statt nur über Fußball zu grübeln.Bloßer Überschwang herrschte im Ruhrstadion letztlich allerdings nicht. Als nach dem Eröffnungsspiel die Trainer in der Pressekonferenz ein bisschen zu überschwänglich gefragt wurden, ob dieses Auftaktspiel nicht der perfekte Saisonstart der besten zweiten Liga der Welt gewesen sei, antwortete Herthas Trainer Leitl trocken: „Ich würde lieber in der Bundesliga arbeiten.“
2. Liga: Hertha gewinnt das Auftaktspiel beim VfL Bochum
Obwohl Hertha BSC eine komplizierte Saison prophezeit wird, gewinnt der Klub überraschend das Zweitliga-Auftaktspiel in Bochum.












