Der andere Blick mit DatenDeutschland gibt weniger Geld für Gender-Projekte aus. Doch links ist in der Entwicklungshilfe noch lange nicht vorbeiDie deutsche Regierung will die Entwicklungshilfe stärker an strategischen Interessen ausrichten. Doch eine NZZ-Datenanalyse und ein internes Papier zeigen: Das Ministerium verfolgt weiterhin ideologische Ziele.08.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDeutschland will seine Entwicklungshilfe im Sinne der Zeitenwende reformieren. Die Zeiten, in denen das Land den Weltverbesserer gab, sollen vorbei sein. Stattdessen geht es nun um deutsche Interessen. Die Entwicklungshilfeministerin Reem Alabali Radovan von der SPD formulierte es im Januar so: «Entwicklungszusammenarbeit ist kein moralischer Luxus, sondern strategische Notwendigkeit.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hat das Ministerium diesen Kurswechsel wirklich vollzogen? Die NZZ hat sich die Mittelabflüsse für ein Entwicklungsziel angeschaut, das viel Spielraum für weltanschaulich geprägte Projekte lässt: die Gleichstellung der Geschlechter.Das Ergebnis: Projekte mit diesem Hauptziel haben 2025 gegenüber dem Vorjahr zwar etwas an Stellenwert verloren. Aber von der angekündigten Wende in der deutschen Entwicklungspolitik ist bis jetzt wenig zu sehen. Wie kann das sein?Die Daten stammen aus dem Transparenzportal des Entwicklungshilfeministeriums. Es ging 2023 online und sollte die Arbeit des Ministeriums, wie der Name suggeriert, transparenter machen. Dieses Versprechen erfüllt das Portal jedoch nur bedingt.Zahlungen höher als in jedem Jahr vor 2024Ein Punkt erschwert die Auswertung besonders: Ein Projekt kann mehrere Haupt- und Nebenziele haben. 2025 hatte rund die Hälfte der Gleichstellungsprojekte mindestens ein weiteres Hauptziel, knapp 10 Prozent hatten insgesamt drei oder mehr. Wie viel des Projektbudgets in die einzelnen Ziele fliesst, wird nicht erfasst.Trotz diesen Unschärfen lassen sich Trends in der Arbeit des Ministeriums erkennen. Die Auszahlungen und Ausgaben für Gleichstellungsprojekte sind, wie die Grafik zeigt, im vergangenen Jahr gesunken. 2024 wurden für Projekte mit diesem Hauptziel 704 Millionen Euro verbucht. 2025, im Jahr des Regierungswechsels, waren es noch 612 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang um 13 Prozent. Damit lagen die Zahlungen allerdings weiterhin höher als in jedem Jahr vor 2024.Auch die Auszahlungen insgesamt gingen zurück. Einsparungen im Entwicklungsbereich hatten CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart. Der Anteil der Gleichstellungsprojekte an der Gesamtsumme sank jedoch nur leicht von 5,6 auf 5,4 Prozent. Darin lässt sich noch kein echter Kurswechsel erkennen.Regierung hält an Ziel der Ampelkoalition festDie jährlichen Ausgaben allein reichen jedoch nicht, um die gegenwärtige Politik der Regierung zu bewerten. Projekte in der Entwicklungshilfe laufen oftmals über mehrere Jahre. Aussagekräftiger für kurzfristige Kurswechsel sind deshalb die finanziellen Zusagen im ersten Amtsjahr der Ministerin ab Mai 2025, verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.Blickt man nur auf die absoluten Beträge, könnte man annehmen, bei der Gleichstellung herrsche seit dem Amtsantritt von Alabali Radovan Kahlschlag. Im Vorjahreszeitraum sagte die Bundesregierung noch 687 Millionen Euro für Projekte mit diesem Ziel zu. Im ersten Amtsjahr der neuen Ministerin waren es nur noch 479 Millionen Euro.Setzt man diese Werte ins Verhältnis zu allen im Portal erfassten Zusagen, sank der Anteil der Gleichstellungsprojekte zwar ebenfalls: von rund 8 auf knapp 5 Prozent; auch im Gesamtjahr 2025 und im ersten Halbjahr 2026 bewegte er sich auf diesem Niveau. Doch damit liegt er weiterhin höher als in jedem Jahr vor Amtsantritt der Ampelregierung.Ein echter Kurswechsel sieht anders aus. Und das ist auch so gewollt. Ein Sprecher des Ministeriums teilt mit, dass man weiter an der Zielvorgabe der Vorgängerregierung festhalte. Diese hatte sich zum Ziel gesetzt, dass ab 2025 93 Prozent aller neuen Projekte einen Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter leisten müssten. Das Ministerium rechnet jedoch auch Projekte dazu, bei denen Gleichstellung nur ein Nebenziel ist. Die Zuordnung unterliege strengen, international geregelten Vorgaben und folge den Kodizes der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).1,1 Millionen Euro für ein LGBTQ-PortalNun lässt sich die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit im Ausland auch strategisch begründen. Wenn Frauen ihre Rechte wahrnehmen und am Erwerbsleben teilnehmen können, schafft das Stabilität und im besten Falle auch Wachstum. Deutschland erhält im Gegenzug verlässliche Handelspartner und bekämpft die Ursachen von Migration.Wenn man sich durch die Beschreibungen im Transparenzportal klickt, fällt allerdings auf: Unter den Gleichstellungsprojekten finden sich auch nach Antritt der neuen Regierung weiterhin Projekte mit fragwürdigem strategischem Nutzen für Deutschland.Das Ministerium fördert etwa in diesem Jahr die ILGA World, den Weltdachverband von LGBTQ-Organisationen, mit 1,1 Millionen Euro. Das Geld soll laut dem Portal für die «weltweit grösste Zusammenstellung von über 3500 Gesetzen zu sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, -ausdruck und Geschlechtsmerkmalen» genutzt werden.Ökofeministische Ansätze für IndonesienDas Projekt liegt nicht nur ausserhalb des Aufgabenfeldes klassischer Entwicklungszusammenarbeit. Auch der Umgang des Verbandes mit Israel wirft Fragen auf. Die Führung schloss eine israelische Organisation für ein Jahr aus, weil diese vorgeschlagen hatte, die Weltkonferenz des Verbandes in Tel Aviv auszurichten. Diese Erwägung stehe «im Widerspruch zur uneingeschränkten Solidarität mit dem palästinensischen Volk», so begründete die ILGA World ihre Entscheidung.Ein weiteres Projekt auf den Philippinen klingt ebenfalls eher nach Aktivismus als nach Entwicklungszusammenarbeit. Laut der Projektbeschreibung mangelt es dort «an einer jungen, engagierten Generation indigener Frauen», die fähig, resilient und bereit seien, Verantwortung in «Basisorganisationen» zu übernehmen. Über die Evangelische Zentralstelle für globale Entwicklung fliessen 370 000 Euro in ein Programm, das solche Aktivistinnen in Führungskompetenz und Resilienz schulen soll.In Indonesien fördert das Ministerium die «systematische Einbindung ökofeministischer Ansätze in lokale Politiken» mit 392 000 Euro. Die indonesische Regierung wolle das Land wirtschaftlich voranbringen, Investoren anlocken und Kritik über ihre Politik eindämmen, heisst es in der Projektbeschreibung der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe. Das habe Folgen für «marginalisierte Gemeinden und Aktivist*innen». Das Ministerium fördert bei genauerer Betrachtung Lobbyarbeit, die die Entwicklungsansätze der lokalen Regierung negativ bewertet.«Gender ist gelebte Realität»Es gibt also trotz den Einschnitten und dem versprochenen Kurswechsel noch immer Geld für Projekte, die sich eher der Verbreitung einer spezifisch linken Vorstellung von Gender und Aktivismus widmen. Das wirft die Frage auf: Wo liegen die Beharrungskräfte?Offenbar im Ministerium selbst. Der NZZ liegt ein internes Dokument vor. Es wurde vom Referat G11 für feministische Entwicklungspolitik verfasst. Das Papier trägt den Titel «Anti-gender unpacked: How to counter narratives and infiltration». Es enthält eine «Pro-Gender-Argumentationsmatrix», die Mitarbeiter im Kampf gegen die «regressive Agenda» antidemokratischer und ultrakonservativer Akteure wappnen soll.Eine binäre Vorstellung der Geschlechter wird darin als «Warnsignal» bezeichnet. Geschlecht sei wissenschaftlich erwiesen ein Spektrum. «Gender ist gelebte Realität.»Das Dilemma der deutschen EntwicklungspolitikDer Begriff «Gender-Ideologie» gehöre zu einem rechtspopulistischen Narrativ. Die Verfasser des Papiers schreiben weiter, die Verteidigung der «heteronormativen Kernfamilie» sei zentral für die Anti-Rights-Bewegung. Die Idee der natürlichen Familie sei geschichtlich konstruiert und oft mit kolonialer Herrschaft verknüpft.Die Version des Papiers, die der NZZ vorliegt, stammt aus dem März 2026 – entstanden also lange nach Amtsantritt der Regierung. Für ein Ministerium unter Führung einer Koalition, deren konservativer Partner das «Leitbild von Ehe und Familie» im Parteiprogramm stehen hat, ist diese interne Linie bemerkenswert.Bei dem Dokument handelt es sich laut einem Sprecher des Ministeriums «um ein rein internes, auf Arbeitsebene erstelltes und verantwortetes faktenbasiertes Argumentarium zur Verteidigung internationaler Menschenrechts-Standards». Die Hausleitung sei damit nicht befasst worden. Inhalte rein interner Arbeitsdokumente würden nicht kommentiert.Die Auswertung der Daten und das Dokument werfen ein Schlaglicht auf das grundlegende Dilemma der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Die Regierung will diese zwar stärker mit ihrer neuen interessengeleiteten Aussen- und Sicherheitspolitik verzahnen. Gleichzeitig hält sie jedoch an Vorgaben und Zielen fest, die noch aus einer Zeit stammen, in der sich das Land stärker an Werten orientierte. So bleibt der Kurswechsel schwierig.Passend zum Artikel