Die deutsche Entwicklungshilfe hat sich überlebtDie Bundesrepublik ist mittlerweile grösster Geldgeber für Entwicklungshilfe. Diese ist allerdings wenig wirksam und kostspielig. Es ist höchste Zeit, hier den Rotstift anzusetzen.28.05.2026, 02.30 Uhr3 LeseminutenDas Konzept der Entwicklungshilfe nicht nur für Afrika muss neu überdacht werden.ReutersSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Oliver Maksan, Stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der ehemalige deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat angesichts des neuen Ebola-Ausbruchs in Teilen Zentralafrikas gefordert, den deutschen Entwicklungshilfeetat zu erhöhen. Eine bemerkenswert realitätsfremde Forderung angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Lage des Landes.Strassen, Brücken und Bahnstrecken verfallen, die Wirtschaft stagniert, die Sozialausgaben steigen von Jahr zu Jahr, und die Staatsverschuldung erreicht immer neue Grössenordnungen. Geht es nach dem Sozialdemokraten Lauterbach, soll die Entwicklungshilfe dennoch steigen.Tatsächlich kann es im Interesse Deutschlands liegen, Menschen in akuten Notlagen zu helfen – etwa bei Seuchen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen. Wenn Staaten kollabieren und Krankheiten ausser Kontrolle geraten, bleibt das auf Dauer meist auch für Europa nicht folgenlos. Humanitäre Soforthilfe steht deshalb kaum grundsätzlich zur Debatte. Selbst die AfD lehnt akute Nothilfe nicht vollständig ab.Hilfe oder Helferindustrie?Doch aus der Entwicklungspolitik ist über Jahrzehnte eine schwer durchschaubare Helferindustrie entstanden. Milliarden fliessen in Ministerien, Hilfswerke, NGO, Beratungsfirmen und immer neue Förderprogramme. Zugleich lässt sich oft kaum noch nachvollziehen, welche Projekte den Menschen vor Ort tatsächlich helfen und welche vor allem den eigenen Betrieb erhalten.Deutschland gab 2025 nach OECD-Kriterien mehr für Entwicklungshilfe aus als jede andere Industrienation. In diese Statistik fliessen zwar auch EU-Beiträge, multilaterale Fonds und Teile der Flüchtlingskosten im Inland ein. Am Kern des Problems ändert das aber nichts.Deutschland kann sich diese ausufernde und ineffiziente Entwicklungspolitik schlicht nicht mehr leisten. Der Zinsdienst belastet den Haushalt immer stärker, die Bundeswehr benötigt Milliardeninvestitionen, die Sozialkassen geraten immer stärker unter Druck. Allein für Migration und Flüchtlinge gibt der deutsche Staat jüngst rund 25 Milliarden Euro aus, wobei sich ein Teil dieser Kosten mit der Entwicklungshilfestatistik überschneidet.Der Rotstift muss angesetzt werdenZwar soll das Entwicklungsministerium sparen. Doch die geplanten Einschnitte fallen moderat aus. Gerade hier liessen sich ohne grössere Folgen Milliarden einsparen. Kaum ein anderer Politikbereich arbeitet derart unübersichtlich, ineffizient und zugleich so weit entfernt von einer ernsthaften Erfolgskontrolle.Zudem verfolgt die Entwicklungspolitik vielfach ideologisch geprägte Projekte. Statt sich auf Armutsbekämpfung und konkrete Hilfe zu konzentrieren, finanziert Deutschland Programme, mit denen westliche Gesellschaftsmodelle exportiert werden sollen.Dass mit deutschem Steuergeld Fahrradwege in Peru finanziert wurden, führte der breiteren Öffentlichkeit zumindest kurz die Absurdität vieler entwicklungspolitischer Projekte vor Augen. Das allerdings ist nur die Spitze des Eisbergs. Sportplätze gelten plötzlich als Mittel gegen Fluchtursachen, und Landwirtschaftsprogramme sollen gesellschaftliche Veränderungen anstossen. Mit Entwicklungshilfe hat das nichts mehr zu tun.Hinzu kommt die mangelnde Kontrolle. Bei der Bundeswehr muss praktisch jede grössere Anschaffung ab 25 Millionen Euro dem Haushaltsausschuss des Bundestags vorgelegt werden. Die Entwicklungspolitik unterliegt dagegen kaum einer vergleichbaren parlamentarischen Kontrolle. Milliarden fliessen in ein schwer durchschaubares Geflecht aus NGO und internationalen Organisationen.Kaum eine Einrichtung steht so sehr für diese Entwicklungspolitik wie die bundeseigene Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ. Über sie wickelt die Bundesrepublik weltweit Tausende Projekte ab – von Verwaltungsberatung über Klimaprogramme bis hin zu Landwirtschafts- und Bildungsprojekten. Mit rund 26 000 Mitarbeitern und Aktivitäten in mehr als hundert Ländern ist daraus ein gewaltiger Apparat entstanden.Ehemalige Mitarbeiter beschrieben die Organisation jüngst als eine Art Reisebüro für Akademiker. Hohe Zulagen, steuerliche Vorteile und internationale Karrieren machen die Arbeit attraktiv. Der Anreiz, den milliardenschweren Betrieb immer weiter auszubauen, liegt auf der Hand.Besonders deutlich zeigt sich die Ineffizienz deutscher Entwicklungshilfe in Afrika. Der ehemalige deutsche Botschafter Volker Seitz, der viele Jahre auf dem Kontinent tätig war, wies darauf hin, dass die Hilfszahlungen wenig bis nichts bewirkt haben.Deutschland wird seine Entwicklungspolitik deshalb grundlegend überdenken müssen. Wechselseitiges Interesse sollte im Mittelpunkt stehen. Das ist nachhaltiger als das gegenwärtige Giesskannenprinzip.Passend zum Artikel
Die deutsche Entwicklungshilfe passt nicht mehr in die Zeit
Die Bundesrepublik ist mittlerweile grösster Geldgeber für Entwicklungshilfe. Diese ist allerdings wenig wirksam und kostspielig. Es ist höchste Zeit, hier den Rotstift anzusetzen.










