Hinter der HeadlineDie Zahlen zum zweiten Quartal zeigen Licht und Schatten: Amrize hebt auch dank des Rechenzentrenbooms in den USA die Umsatzprognose an, senkt zugleich aber die Gewinnprognose. Höhere ölpreisbedingte Kosten für Fracht, Treibstoff und Rohmaterialien drücken auf die Profitabilität.Amrize-CEO Jan Jenisch ist dafür bekannt, zu Jahresbeginn eher vorsichtige Ziele zu setzen und damit Spielraum für spätere Prognoseanhebungen zu lassen. Dieses Muster ist den Marktteilnehmern bekannt und dürfte zumindest teilweise eingepreist sein. Umso heftiger fällt die Reaktion aus, wenn die Guidance wie mit den Zahlen zum zweiten Quartal nicht bestätigt oder angehoben, sondern gesenkt wird: Die Aktien verlieren am Freitag in der Spitze mehr als 10%.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Amrize erwartet für 2026 neu einen bereinigten Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) von 3,1 bis 3,2 Mrd. $, nach zuvor 3,25 bis 3,34 Mrd. $. Als Grund nennt der Konzern vor allem die ölpreisbedingte Kosteninflation bei Fracht, Treibstoff und Rohmaterialien. Aus der neuen Prognose sinkt die implizite Ebitda-Marge von 26,6 auf 25% für das Gesamtjahr. Das Ausmass des Kostendrucks überrascht Ken Wong, Portfoliomanager des IFS Swiss Small & Mid Cap Equity Funds. «Dies nicht zuletzt, weil bisher der Eindruck vermittelt wurde, dass man die höheren Kosten mit Transportzuschlägen kompensieren könne.»Höhere Dieselpreise verteuern sowohl eigene Transporte als auch externe Speditionsleistungen. Besonders stark schlägt dies bei Zuschlagstoffen durch: Als schwere Schüttgüter mit geringem Warenwert pro Tonne sind sie sehr teuer im Transport, weshalb der Weg vom Steinbruch zur Baustelle oder zum Betonwerk einen grossen Teil der Kosten ausmacht.Im zweiten Quartal hinterliess der durch Krieg am Persischen Golf ausgelöste Kostendruck Spuren. Der bereinigte Ebitda stieg gegenüber dem Vorjahr zwar um 5,8%, verfehlte den Konsens aber. Konzernweit sank die entsprechende Marge um 80 Basispunkte auf 28,2%.Im ersten Halbjahr lag die adjustierte Ebitda-Marge bei lediglich 20,8%. Die neue Jahresprognose impliziert damit zwar weiterhin eine deutliche Margenerholung im zweiten Halbjahr, wie Marco Estermann, Analyst bei der Luzerner Kantonalbank, betont. Sie fällt jedoch schwächer aus als vom Markt erwartet. «Die Modelle der Analysten hatten für das zweite Halbjahr mit einer deutlich schnelleren Erholung der Ebitda-Marge gerechnet. Sie gingen wahrscheinlich davon aus, dass die Preiserhöhungen im April die Kosten im zweiten Halbjahr weitgehend neutralisieren würden», sagt Estermann.Zusätzlicher Gegenwind kommt von der höheren prognostizierten Steuerquote: Sie wurde für 2026 auf 23 bis 25% (bisher 21% bis 23%) angehoben und schmälert den potenziellen Gewinn.Starkes Umsatzwachstum als LichtblickAuf der Erlösseite präsentiert sich Amrize dagegen robust. Im zweiten Quartal steigt der Umsatz um 8,6% auf 3,49 Mrd. $, organisch um 6,7%. Damit übertraf der Konzern den Konsens. Rückenwind liefern vor allem Grossprojekte in den Bereichen Rechenzentren, Energie und Infrastruktur sowie Preiserhöhungen.Building Materials mit Zement, Gesteinskörnungen, Beton und Asphalt steht für knapp 70% des Umsatzes, Building Envelope mit Dach- und Fassadensystemen sowie Isolationslösungen für den Rest. Beide Sparten entwickelten sich dynamisch: Building Materials steigerte den Umsatz um 8,2% auf 2,45 Mrd. $, Building Envelope um 9,4% auf 1,05 Mrd. $.Besonders stark bleibt die Nachfrage von gewerblichen Kunden, auf die 51% des Umsatzes entfallen. Bei Rechenzentren hat Amrize mehr als 120 Projekte abgeschlossen oder in Arbeit. Von über 300 geplanten Standorten in Nordamerika kann das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 90% bedienen. Auch das Infrastrukturgeschäft mit 28% Umsatzanteil profitiert von staatlichen Fördermitteln und mehrjährigen Projekten.Gegenwind kommt weiterhin aus dem Wohnungsbau, der 21% des Erlöses ausmacht. Der Neubau bleibt schwach, allerdings gewinnt Amrize bei Wohnhausdächern Marktanteile und Volumen.Entsprechend der Entwicklung hebt Amrize die Umsatzprognose für 2026 auf 12,5 bis 12,7 Mrd. $ an, nach zuvor 12,3 bis 12,5 Mrd. $. In beiden Segmenten erwartet der Konzern im zweiten Halbjahr weiteres Volumenwachstum und zusätzliche Preiserhöhungen.Langfristig investiert Amrize gezielt in wachstumsstarke Regionen Nordamerikas. Dazu gehören die Zementwerke Midlothian in Texas, Exshaw bei Calgary und St. Constant in Québec. Eine neue Malarkey-Anlage erweitert zudem die Kapazitäten für Dachschindeln im Mittleren Westen und Nordosten der USA.Hinzu kommen Zukäufe. PB Materials stärkt mit 26 Standorten die Position in Westtexas und steuerte im zweiten Quartal 54 Mio. $ zum Umsatz bei. Ende Juli kam mit Rapid Redi-Mix ein schnell wachsender Betonhersteller im Grossraum Dallas-Fort Worth hinzu.Das stärkste Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaftsleistung wird in den USA insbesondere für den Süden (unter anderem Texas, Arizona, Georgia, Mississippi), den Mid-Atlantic (Virginia, North und South Carolina) sowie die Rockies (Colorado, Utah, Nevada) erwartet.Quelle: AmrizeDie Pipeline für Zukäufe ist gut gefüllt, wie CEO Jan Jenisch im Webcast zu den Zweitquartalszahlen betonte.Was für und gegen die Amrize-Aktie sprichtEntscheidend ist weniger die Nachfrage als die Profitabilität. Amrize plant weitere Preiserhöhungen, kurzfristig bleibt die Marge aber unter Druck, weil die Kosten schneller durchschlagen, als die Preise erhöht werden können. «Die Frachtkosten werden jeweils mit einer Verzögerung weitergegeben, da kommt dann die Margenerholung etwas später», sagt Ken Wong von IFS.Darin liegt zugleich Potenzial für 2027. «Wenn Amrize die angekündigten Preiserhöhungen im zweiten Halbjahr durchsetzt und die Öl- und Frachtkosten stabil bleiben oder sinken, könnte sich der heutige Gegenwind 2027 in deutlichen Rückenwind für die Ebitda-Marge verwandeln», sagt Estermann von der Luzerner Kantonalbank. Für ihn bleibt Amrize eine attraktive Wachstums- und Margenstory mit intakter Preissetzungsmacht und wertsteigernden Akquisitionen. Vontobel-Analyst Mark Diethelm mahnt allerdings zur Vorsicht: Entscheidend sei, wie viel der Kosteninflation dauerhaft hängen bleibe und wie schnell Amrize bei sinkenden Kosten die Preisaufschläge wieder zurücknehmen müsse.Die heftige Kursreaktion dürfte zudem nicht allein der tieferen Prognose geschuldet sein. Seit der Kotierung blieb Amrize in drei von vier Quartalen hinter den Erwartungen zurück. Selbst das einzige Quartal ohne klare negative Überraschung, das vierte Quartal 2025, war operativ nicht frei von Schwächen: Building Envelope litt unter Lagerabbau, während ein Aktienrückkauf die Wahrnehmung stützte. Für Diethelm wird damit zunehmend auch die Glaubwürdigkeit des Managements zum Thema.Dem stehen mehrere positive Faktoren gegenüber. Dazu zählen das starke Volumenwachstum und die gut gefüllte Projektpipeline. Auch das Sparprogramm Aspire soll 2026 Einsparungen von rund 80 Mio. $ bringen. Hinzu kommt die Kapitalrückführung: Amrize hat im Mai ein Aktienrückkaufprogramm über 1 Mrd. $ gestartet und im zweiten Quartal bereits Titel im Wert von 197 Mio. $ erworben. Das Management will das verbleibende Volumen vorzeitig ausschöpfen.Zusätzlichen Rückenwind könnte die erwartete Aufnahme in weitere US-Indizes liefern. Amrize ist bereits im S&P Total Market Index und im MSCI Global Standard Index vertreten. Als Nächstes dürfte ein Russell-Index folgen, bevor mit dem S&P 500 das wichtigste Ziel ansteht.«Insgesamt erachte ich die Bewertung als sehr attraktiv, man muss halt nur etwas Geduld mitbringen», sagt Wong.Die Gründe, weshalb The Market Amrize zu Jahresbeginn zu den Jahresfavoriten zählte, gelten angesichts des strukturellen Wachstumspotenzials und der nach wie vor attraktiven Bewertung weiterhin. Der Krieg am Persischen Golf und die dadurch ausgelöste Kosteninflation sorgen für Gegenwind, aber nur vorübergehend.