Entsteht gerade eine «islamische Nato»? Saudiarabien, die Türkei und Pakistan schliessen einen VerteidigungspaktDas hochrangige Treffen in Mekka zeigt, wohin sich der Nahe Osten sicherheitspolitisch bewegt. Doch es bleibt fraglich, wie weit die Kooperation der drei muslimischen Länder geht.07.08.2026, 15.44 Uhr4 LeseminutenPakistans Premierminister Shehbaz wird am Donnerstag vom Vizegouverneur der Provinz Mekka in Saudiarabien begrüsst.Saudi Press Agency / Handout via ReutersDie Nachkriegsordnung am Golf nimmt Gestalt an. Am Freitag haben der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, Pakistans Regierungschef Shehbaz Sharif sowie der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsbündnis geschlossen. Das teilte das pakistanische Aussenministerium am Freitag mit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Pakistan und Saudiarabien gingen bereits im vergangenen September eine Verteidigungsallianz ein. Dieses Abkommen sieht vor, dass jeder Angriff auf eines der Länder als Attacke auf beide Staaten gilt. Nun tritt Ankara dem als «Mekka-Verteidigungsbündnis» betitelten Pakt bei.Für die Türkei und Pakistan dürften vor allem finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, während Saudiarabien nach Alternativen zum Schutz der USA sucht. Manche Beobachter in der Region feiern die Kooperation bereits als «islamische Nato». Doch es bleibt fraglich, wie weit das Verteidigungsbündnis wirklich reicht.Riad und Ankara finden wieder zusammenDerzeit überlappen die Interessen der drei Staaten, doch gerade die Beziehungen zwischen Ankara und Riad waren lange Jahre frostig. Zu Beginn des Arabischen Frühlings fanden sich die Regionalmächte auf unterschiedlichen Seiten wieder. Während die Türkei in Ägypten die Muslimbrüder unterstützte, fürchtete Riad um die eigene Stabilität. Spätestens als 2013 der ägyptische General Abdelfatah al-Sisi mit saudischer Unterstützung gegen den Muslimbruder Mohammed Mursi putschte, nahm die Konfrontation zu.Als Saudiarabien 2017 gemeinsam mit anderen Golfstaaten gegen den kleinen Nachbarn Katar eine Seeblockade verhängte, stellte sich Ankara auf die Seite Dohas. Die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul wurde von Erdogan als Provokation gewertet.Doch diese Differenzen gehören vorerst der Vergangenheit an. «Saudiarabien hat das Gefühl, dass sich die Amerikaner langfristig aus der Region zurückziehen werden, und sucht daher nach möglichen neuen Partnern», sagt Sascha Bruchmann vom Nahost-Büro des International Institute for Strategic Studies (IISS) im Gespräch. «Der Türkei fehlt es im Gegenzug an Energie und Kapital. Das ist etwas, das Saudiarabien liefern kann.»Eine Normalisierung mit Israel wird unwahrscheinlicherRiad braucht die türkische Unterstützung auch, da es nicht nur von Iran ins Visier genommen wurde, sondern immer intensiver mit den jemenitischen Huthi kämpft. Am Donnerstag wurden elf Personen im Süden des Golfstaates durch einen Raketenangriff der islamistischen Miliz verletzt.Für Ankara eröffnet die engere Sicherheitskooperation mit Saudiarabien eine Möglichkeit, ihren regionalen Einfluss auszuweiten, der nach dem Fall des Asad-Regimes in Syrien zugenommen hat. Die Türkei unterstützte den heutigen syrischen Präsidenten und früheren Milizenführer Ahmed al-Sharaa lange Jahre während des Bürgerkriegs.Gleichzeitig verschärft Ankara seine Rhetorik gegenüber Israel und hat sogar Interesse bekundet, Truppen nach Südlibanon zu schicken, wenn Ende Jahr das Mandat der Uno-Schutztruppe Unifil ausläuft. Für die Entscheidungsträger in Jerusalem dürften türkische Truppen direkt an der israelischen Grenze ein rotes Tuch sein.Falls die Türkei ihre geopolitischen Ambitionen umsetzen will, benötigt sie die diplomatische und vor allem die finanzielle Unterstützung des mächtigsten Golfstaates. Saudiarabien scheint ebenfalls daran interessiert zu sein, ein Gegengewicht zu Israel zu bilden – vor allem weil die mit Riad rivalisierenden Vereinigten Arabischen Emirate enger mit dem jüdischen Staat kooperieren.Die Verteidigungskooperation mit der Türkei ist somit auch ein Zeichen dafür, dass eine mögliche Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudiarabien in noch weitere Ferne rückt. «Der Pakt nimmt der Idee der Amerikaner, Saudiarabien F-35-Kampfjets im Gegenzug für eine Normalisierung mit Israel zu liefern, den Wind aus den Segeln», sagt Bruchmann. So laufen hinter den Kulissen bereits Gespräche über eine saudische Kooperation bei der Entwicklung der neuen Generation des türkischen Kampfjets Kaan.Wie weit reicht der Verteidigungspakt?Was für die Türkei gilt, trifft in grösserem Masse auch auf Pakistan zu: Islamabad ist von saudischem Geld abhängig, das Riad direkt in die Zentralbank des maroden Staats in Südasien pumpt. Das bevölkerungsreiche Pakistan bringt jedoch die militärische Manpower mit, an der es vielen Golfstaaten fehlt. «Bei dem Pakt kommen saudisches Kapital, türkische Qualität und pakistanische Quantität zusammen», sagt Sascha Bruchmann von der Denkfabrik für Militärpolitik IISS. Das Nato-Land Türkei verfügt über eine grosse Verteidigungsindustrie und technisches Wissen, von dem Saudiarabien profitieren möchte.So ist künftig damit zu rechnen, dass die drei Länder im Sicherheitsbereich eng kooperieren werden. Doch ein gegenseitiger Beistandspakt nach dem Vorbild von Artikel Fünf des Nato-Vertrags ist das Bündnis noch lange nicht.Im Iran-Krieg wurde klar, dass Pakistan nicht gewillt ist, aufseiten Saudiarabiens einzugreifen, nachdem Teheran saudisches Territorium beschossen hatte. «Ich bin skeptisch, ob es ein Verteidigungspakt ist, der über gemeinsames Training, politische Abstimmung, Investitionen in die Verteidigungsindustrie und geteilte Feindbilder hinausgeht», meint der Militärexperte Bruchmann. «Wenn es darum geht, wirklich gemeinsam zu kämpfen und füreinander zu bluten, wird es schwierig werden.»An Letzterem wäre vor allem Saudiarabien interessiert, nachdem die eigene Verwundbarkeit in den vergangenen Monaten offensichtlich wurde. Doch Pakistan und die Türkei dürften eine handfeste militärische Auseinandersetzung mit dem Nachbarland Iran scheuen. Die Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten verändert sich – aber eine «islamische Nato», die Teheran abschreckt, ist noch nicht entstanden.Passend zum Artikel