München. Tablette statt Spritze: Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk bringt seine Wegovy-Abnehmpille am 1. September in Deutschland auf den Markt. „Es gibt bereits Wartelisten, unsere Lastwagen stehen bereit“, sagt Emil Larsen, Vizepräsident für internationale Geschäfte bei Novo Nordisk, im Interview mit dem Handelsblatt.Für das Unternehmen, das mehrere Jahre Europas höchste Marktkapitalisierung hatte, steht viel auf dem Spiel. Denn im lukrativen Geschäft mit Abnehmmedikamenten hat Novo Nordisk gegenüber dem US-Rivalen Eli Lilly deutliche Marktanteile verloren.Die Abnehmpille soll die Wende bringen. Doch trotz eines Rekordstarts etwa in den USA konnte sie bislang Analysten und Investoren nicht überzeugen.In Deutschland erwarten Branchenexperten dennoch einen Ansturm. Beim ärztlich begleiteten Gesundheitsanbieter Voy aus Berlin haben sich nach Angaben des Unternehmens bereits 15.000 Menschen für die Pille registriert. Telemedizinanbieter und Ärzte erfassen Körpergröße und Gewicht, um die medizinische Eignung für eine Behandlung mit der Abnehmpille bereits vorab zu prüfen.Bisher werden die modernen GLP-1-Abnehmmittel als Spritzen verabreicht. In anderen großen Märkten ist die Wegovy-Pille schon länger erhältlich und gilt gemessen an der Zahl der Verschreibungen als erfolgreichster Arzneistart der Geschichte. Mehr als fünf Millionen Verschreibungen wurden bisher ausgestellt. Grundlage für den Marktstart in Deutschland ist die Zulassung des Medikaments durch die EU im Juli 2026. Die Abnehmpille von Eli Lilly wurde noch nicht zugelassen. Diese soll frühestens Anfang nächsten Jahres nach Europa kommen.Marktdurchdringung ist noch niedrigDie täglich einzunehmende Pille enthält Semaglutid, denselben Wirkstoff wie die Abnehmspritze des Konzerns. Der Gewichtsverlust durch eine Behandlung liegt bei 17 Prozent und ist damit mit dem der Spritze vergleichbar. Der Preis soll der Abnehmspritze ähneln. Diese kostet je nach Dosierung zwischen 173 und 278 Euro pro Monat.Insight Innovation Die Wunderpille gegen Übergewicht kommt – ein Machtkampf um den Milliardenmarkt Das Marktpotenzial in Deutschland halten Experten für groß. Hierzulande leben 17 Millionen Menschen mit Adipositas. Das entspricht rund 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. In Dänemark nehmen bis zu zehn Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter Abnehmmittel, in Deutschland dagegen nur zwei Prozent. Das zeigen Daten des Marktforschungsunternehmens IQVIA vom April 2026.REUTERS/Tom Little Foto: REUTERSAnalysten der Forschungsabteilung der US-Investmentbank JP Morgan erwarten, dass der globale Markt für Medikamente zur Gewichtsreduktion bis 2030 ein Volumen von 200 Milliarden Dollar erreichen wird. Einen erheblichen Anteil sollen davon die Abnehmpillen ausmachen. Andere Analysten sind hingegen zurückhaltender. Die britische Investmentbank Jefferies schätzt, dass der Markt bei 80 Milliarden Dollar seinen Höchststand erreichen wird.Zwar kam der dänische Konzern als Erster mit einer Tablette auf den Markt, doch langfristig könnte Eli Lilly den größeren Marktanteil gewinnen. Analysten gehen derzeit davon aus, dass Eli Lilly langfristig rund 70 Prozent des Marktes erreichen könnte, Novo Nordisk etwa 30 Prozent. Gründe sind demnach unter anderem stärkeres Marketing, eine bessere Strategie und mehr Produktionskapazitäten. Schon bei der Abnehmspritze konnte Eli Lilly die Dänen trotz späterem Start überholen.Um weiter zu wachsen, will Novo Nordisk Menschen, die bislang die Abnehmspritze nutzen, zum Wechsel auf die Pille bewegen. „Mit der Pille sehen sich die Menschen gewissermaßen weniger als Patienten“, sagt Larsen. Die Behandlung sei nicht mit der Hürde einer Injektion verbunden. Vorteil gegenüber dem Präparat von Eli Lilly sei, dass es keine Probleme mit Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gebe. Frauen, die Verhütungsmittel einnehmen, könnten die Abnehmpille daher ebenfalls nutzen, sagte Larsen.Für die geplante Expansion sieht sich Novo Nordisk bei der Produktion ausreichend gerüstet. Welche Länder als Nächstes folgen, gab das Unternehmen nicht bekannt. Bis zum Jahresende soll die Pille jedoch in einigen weiteren ausgewählten Ländern auf den Markt kommen.Start in weiteren europäischen Märkten geplantIn Deutschland ist Novo Nordisk Marktführer im hart umkämpften Geschäft mit GLP-1-Medikamenten, vor Eli Lilly. Diesen Vorsprung wollen die Dänen jetzt nutzen, um neue Patientengruppen zu gewinnen.Dafür sei sein Unternehmen in Gesprächen mit der Bundesregierung, sagte Larsen. Die Hoffnung sei, dass die Abnehmmittel langfristig von der Krankenkasse übernommen würden. In der Schweiz und in den USA werden Medikamente zur Gewichtsreduktion bereits erstattet. Auch Frankreich hat erst kürzlich die Kostenübernahme für bestimmte Patientengruppen genehmigt.