Im Juli 2025 schwärmte der Chef des baden-württembergischen Landeskriminalamts, Andreas Stenger, vom „Gamechanger Palantir“, er gab sich optimistisch, seinen Ermittlern die Software schon in wenigen Wochen freischalten zu können. Mittlerweile ist ein Jahr vergangen, und noch kein Polizist in Baden-Württemberg hat die Software auf seinem Rechner. Es hakt politisch und technisch.Die Mitglieder des grünen Landesverbands stimmten gerade mit einer Mehrheit von 92 Prozent der abgegebenen Stimmen in einer Urabstimmung dafür, die Nutzung von Palantir zu stoppen. Begründet wird das mit Sicherheitslücken und mit der Ablehnung demokratischer Prinzipien, die von den Mitgründern des amerikanischen Softwarekonzerns, Peter Thiel und Alex Karp, immer wieder geäußert worden ist. Aber auch technisch gestaltet sich die Implementierung von Palantir schwieriger als gedacht.Kein fester Termin geplantDas baden-württembergische Innenministerium nennt derzeit keinen festen Termin für die Inbetriebnahme von Palantir. Optimisten halten eine Freischaltung des Systems Ende des Jahres für machbar; Pessimisten rechnen frühestens im Sommer 2027 damit. Gesteuert wird Palantir im „Hessischen Zentrum für Datenverarbeitung“ (HZD). Dazu waren komplizierte Hardware-Nachrüstungen notwendig, auch musste erst eine stabile und sichere Netzanbindung installiert werden.Zum Stand der Implementierung von Palantir heißt es aus dem Innenministerium in Stuttgart: „Die Software der Palantir Technologies GmbH (Palantir) befindet sich bei der Polizei Baden-Württemberg noch in der Systemintegration.“ Diesen Prozess habe man nicht abschließen können. Er sei „technisch hochkomplex“, insbesondere die „Leitungsanbindung“, die „Installation von Verschlüsselungskomponenten“ sowie die „aufwendige Abstimmung mit den beteiligten Partnern“ müssten technisch bewältigt werden. Zudem seien die hohen Anforderungen für den Datenschutz zu erfüllen, sie seien von „essenzieller Bedeutung“.Stuttgart sucht jetzt nach europäischen AlternativenAls die bayerische Staatsregierung 2021 die Ausschreibung für die neue polizeiliche Recherche- und Fahndungssoftware machte – sie soll die Datensilos verknüpfen –, hatte sich neben Palantir Technologies dem Vernehmen nach auch das deutsche Unternehmen SAP beworben. Den Zuschlag bekam das amerikanische Unternehmen. Das lag nicht daran, dass SAP (oder auch andere europäische Hersteller) eine solche Software technologisch nicht entwickeln.Entscheidend war, dass die Politik eine sofort einsatzfähige Lösung aus dem Regal verlangte, weil sie es versäumt hatte, rechtzeitig auf europäischer Ebene ein entsprechendes Projekt zu initiieren und vorzufinanzieren. So stellen es jedenfalls die Fachleute der Branche dar. Die derzeitige technologische Abhängigkeit von Palantir ist auch ein Ergebnis langfristiger politischer Fehler in den Ländern und im Bund, was sich zum Beispiel auch daran zeigt, dass das „Polizeiprojekt 2020“ zur Vernetzung der 16 Länderpolizeien, der Bundespolizei sowie des Bundeskriminalamtes (BKA) bis heute nicht abgeschlossen ist und mittlerweile in „Polizei 20“ umbenannt wurde.Der technologische Vorsprung von Palantir, berichten erfahrene Ermittler, beruhe auf der „Ontologie“ des Programms, also dem historischen Regelwerk des Programms. Weil es schon seit vielen Jahren eingesetzt wird, konnten die Rechenprozesse so optimiert werden, dass in wenigen Minuten in unterschiedlichen Datenbanken und unter Berücksichtigung unterschiedlichster Datentypen alle Erkenntnisse zu einer verdächtigen Person abgerufen werden können. Für viele Kriminalpolizisten ist es ein „magisches Programm“.Der Innenminister will den Vertrag nicht verlängernDer baden-württembergische Innenminister Manuel Hagel (CDU) will den Vertrag mit Palantir nicht verlängern und sucht nach einer europäischen Alternative. Die Firmen Airbus Defence und Schwarz Digits in Heilbronn haben den Auftrag, kooperativ eine europäische Analysesoftwareplattform zu entwickeln. Außerdem wird im Bund-Länder-Programm P20 an eigenständigen Lösungen gearbeitet.Und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) arbeitet mittlerweile mit der vergleichbaren Software des französischen Herstellers Chapsvision. Die Geschäftsgrundlage für den Vertragsabschluss 2025 in Stuttgart erodiert folglich gerade. Heute würden die „Palantir-Länder“ Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sich vermutlich kein zweites Mal für Palantir entscheiden. Je später Palantir nun zur Aufklärung von Staatsschutz- und Terrorismusverfahren auf die Rechner des Landeskriminalamtes aufgeschaltet wird, desto teurer wird diese Lösung. Am Ende könnte es sein, dass die Software nur drei oder zwei Jahre im Einsatz sein wird.Von der Opposition kommt deutliche Kritik. Der SPD-Innenexperte Boris Weirauch kritisiert vor allem den von Hagels Vorgänger Thomas Strobl und seinem damaligen Staatssekretär Thomas Blenke (beide CDU) getätigten Vertragsschluss mit der amerikanischen Softwarefirma: „Die Landesregierung hat im Jahr 2025 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion für 25 Millionen Euro einen fünfjährigen Vertrag mit der Firma Palantir über die Nutzung der Datenanalyse-Software geschlossen, ohne eine aktuelle Markterkundung durchzuführen. Das war nicht nur ein strategischer Fehler, der den Steuerzahler teuer zu stehen kommt, sondern die Nutzung der Palantir-Software stellt zudem ein Risiko für die Sicherheitsinteressen unseres Landes und den Abfluss sensibler Daten dar“, sagte Weirauch der F.A.Z.Anders als bei Software-Aufträgen der öffentlichen Hand normalerweise üblich, enthält der Vertrag mit Palantir weder eine Ausstiegs- noch eine Revisionsklausel.
Palantir: Warum Baden-Württembergs Polizei es nicht hat
Mit Palantir wollten mehrere Bundesländer der Polizei ein starkes Fahndungsinstrument in die Hände geben. In Baden-Württemberg sieht man, woran es hakt.






