GastkommentarKlaus ZiererKI wirkt in der Schule entlastend, doch ohne Sinn für Gemeinschaft und Willen zur Anstrengung muss Bildung scheiternWie in vielen anderen Gesellschaftsbereichen greift KI auch in den Schulen um sich. Zwar wird KI nicht als Heilsbringer begrüsst, gilt aber für Schüler als lernfördernd und für Lehrer als arbeitsentlastend. Indes verkümmert Bildung, wo sie zum autonomen Nachvollzug wird.07.08.2026, 05.28 Uhr5 LeseminutenBei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass Schüler bei der Verwendung von digitaler Technologie lediglich im Vollzugsmodus sind.Georgios Kefalas / KeystoneImmer mehr Schulen wollen mittels KI das Lernen revolutionieren. Dabei ist ihnen mediale Aufmerksamkeit gewiss, versprechen sie doch, den Ballast eines in die Jahre gekommenen und sich im Sinkflug befindenden Bildungswesens hinter sich zu lassen. Der Schlüssel des Erfolges wird im technischen Fortschritt in Form von digitalen Medien gesehen, die heute besser sind als jemals zuvor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber wie so oft, wenn etwas euphorisch gefeiert wird, ist nicht alles Gold, was glänzt. Allein ein Blick auf die Akteure und die ihnen zugesagten Versprechen offenbart: KI-Schulen sind keine Heilsbringer, was nicht am Lernerfolg, sondern am Bildungsverständnis liegt.Aufseiten der Schüler lautet das Zauberwort «Individualisierung». In der Tat kann mithilfe von KI an dieser Stelle viel erreicht werden. So vermag es eine kluge Programmierung, stets diejenigen Aufgaben aus einem Pool herauszugreifen, die für den Schüler nicht zu schwer und nicht zu leicht sind, sondern sich immerzu im Bereich der Herausforderung bewegen. Die KI erstellt einen Lernpfad, der durch die Aufgaben führt, und koordiniert gleichzeitig das Timing, gibt Feedback, überwacht den Lernprozess.Im VollzugsmodusLernerfolg ist damit scheinbar garantiert, aber bildet sich der Schüler auch? Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass Schüler im Vollzugsmodus sind, wie es der Soziologe Hartmut Rosa charakterisiert: Sie führen aus, was vorgegeben wird, erarbeiten die vordefinierten Ziele entlang der Inhalte, reichen die zu erledigenden Aufgaben ein, kontrollieren sie nach vorgegebenen Mustern, und wenn etwas fehlen sollte, dann weist die Maschine darauf hin – Freiheit sieht anders aus.Ein guter Lehrer sucht herauszufinden, was der Schüler warum falsch gemacht hat. Wie soll eine KI das wissen?Wer all das über sich ergehen lässt und gewissenhaft sein Pensum abarbeitet, der wird am Ende des Tages auf viele Häkchen, manchmal sogar Konfetti, die über den Bildschirm flattern, blicken können. Aber mit Bildung hat das wenig zu tun. Denn Bildung meint im Kern die verantwortungsvolle Übernahme der Autorschaft des eigenen Lebens. Sie erfordert Entscheidungen, schliesst Umwege und Irrwege mit ein, braucht Begegnungen.Individualisierung hat bei aller Bedeutsamkeit den Nachteil, dass Lernen vor allem allein stattfindet. In KI-Schulen ist das schön zu beobachten, weil jeder Schüler seinen Arbeitsplatz hat und vor einem digitalen Endgerät sitzt, wie im Büro. Damit wird aber die soziale Komponente aus den Augen verloren.Das Gespräch zwischen Menschen lässt sich nicht durch Maschinen, Avatare und dergleichen ersetzen. Wenn Menschen sich in einem Raum befinden und gemeinsam etwas erarbeiten, dann lässt sich sogar in den Hirnen eine neuronale Synchronisierung feststellen. Diese wirkt emotional und motivierend und schafft vor allem ein Miteinander, das für Bildung wesentlich ist. Die Autorschaft des eigenen Lebens beschränkt sich nicht nur auf den Einzelnen, sondern übernimmt immerzu auch Verantwortung für den Nächsten. Deshalb ist Schule neben der Familie die wichtigste Sozialisationsinstanz einer Gesellschaft.Was sich der Messbarkeit entziehtAm Ende bildet eine Individualisierung mittels KI nur das ab, was messbar ist. Aber der Schüler ist mehr als das. Allein die Frage nach dem Sinn entzieht sich einer Messung, ist sie doch von jedem Menschen selbst zu beantworten. Wie sich ein Schüler fühlt, was ihn erfreut und was ihn bedrückt, was er mit bestimmten Inhalten verbindet und welche Ideen sie in ihm erzeugen, all das sind keine Hirngespinste. Es sind die Fragen, aus denen Bildung der Lebensgestaltung dient.Aufseiten der Lehrer lautet das Heilsversprechen «Arbeitserleichterung». So wird beispielsweise damit Werbung gemacht, dass KI für jede Unterrichtseinheit einen Stundenentwurf parat hat – von lehrerzentriert bis schülerzentriert. Offenbar vorbei ist der mühsame Weg der Planung. Unterricht ist aber keine Karaokeveranstaltung, und vorgefertigte Stundenentwürfe führen erneut in den Vollzug: Lehrer führen aus, was die Maschine errechnet hat, ob es zu ihnen passt oder nicht, ob es zu den Schülern passt oder nicht. Handlungsspielräume, die wesentlich für eine pädagogische Interaktion sind und Authentizität ermöglichen, finden keine Berücksichtigung.Auch die Idee, dass KI mithilfe aller Daten, die sie zur Verfügung hat, ein Elterngespräch vorstrukturiert, geht in diese Richtung: Der Lehrer vollzieht das Skript der Maschine, er handelt nicht mehr. Verstehen ist auf diesem Weg nicht möglich, weil es nicht planbar ist, situativ vonstattengeht.Und was ist mit den Korrekturen, die die KI in Sekundenschnelle durchführt? Der berechtigte Einwand, dass KI nach wie vor viele Fehler macht, provoziert nur das Gegenargument, dass dieser Makel bald beseitigt sei. Wichtiger ist daher Folgendes: Ein guter Lehrer korrigiert eine Schülerarbeit, um zu verstehen. Er ist auf Fehlersuche und versucht herauszufinden, wo der Schüler warum geirrt hat, aber auch, was er selber im Unterricht falsch gemacht hat.Wie soll eine KI das wissen? Sie kann nicht verstehen, hat kein Verständnis für Sinn und Bedeutung, sondern arbeitet nur mit Algorithmen. So beeindruckend daher eine Korrektur mittels KI auch sein mag, die Notwendigkeit des Verstehens bleibt und ist das, was im Schulalltag Arbeit macht. Damit zeigt sich ein weiterer Trugschluss im Umgang mit KI in der Schule: Je mehr Daten man habe, desto besser könne man einen Schüler unterstützen. Beim Verstehen kommt es aber gerade darauf an, das, was man nicht messen kann, zu berücksichtigen. Besinnliches Denken nennt das der Philosoph Martin Heidegger und grenzt es vom rechnenden Denken ab. KI-Schulen sind auf diesem Auge blind.Kinder sind keine SchwerverbrecherUnd aufseiten der Eltern? Deren Wunsch nach Kontrolle ist gross und hat in den letzten Jahren bereits überhandgenommen. Er zeigt sich etwa an Spielplätzen, die mehr dem Versicherungsschutz Rechnung tragen als dem kindlichen Spieltrieb, oder an Tracker-Geräten, mit denen Eltern zu jeder Zeit und überall wissen, wo die Kinder gerade sind. Sicherlich ist die Lebenswelt nicht ohne Gefahren, aber das alles ist kein Grund, Kinder wie Schwerverbrecher zu behandeln. Das Vertrauen in die Welt ist für Bildung wesentlich. KI-Schulen untergraben genau das, weil minuziös sichtbar wird, was ein Schüler den Tag über macht – oder eben nicht macht. Damit wird das Recht auf Intransparenz, so bezeichnet es der Pädagoge Roland Reichenbach, gebrochen.Natürlich kann technischer Fortschritt zum Bildungsinhalt werden und auch den Bildungsprozess beeinflussen, steuern und regulieren. Das ist per se nicht falsch. Problematisch wird es aber, wenn Bildung sich vollends am technischen Fortschritt ausrichtet. KI-Schulen machen häufig genau das und versetzen alle Akteure in den Vollzugsmodus.Das Mass aller Dinge für Bildung kann aber nur der Mensch sein. Zur Freiheit verurteilt, muss er sich entscheiden, muss sich anstrengen, um Erfolg zu haben, und muss auch scheitern. Der Mensch kann gar nicht anders, und jeder technische Fortschritt, der ihm diese Handlungsspielräume nimmt, beraubt ihn seiner Existenz und ist damit inhuman.Die Schule der Zukunft sollte nicht blindlings dem Glauben an die Allmacht der KI verfallen und die digitalen Medien zum Leitmotiv deklarieren. Stattdessen sind mehr denn je Schule und Unterricht auf den Menschen auszurichten. Um es in Anlehnung an Friedrich Schiller zu formulieren: Der Mensch bildet sich nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist.Klaus Zierer ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.Passend zum Artikel
Zweifellos wirkt KI in der Schule entlastend, nur Bildung entwächst daraus nicht
Wie in vielen anderen Gesellschaftsbereichen greift KI auch in den Schulen um sich. Zwar wird KI nicht als Heilsbringer begrüsst, gilt aber für Schüler als lernfördernd und für Lehrer als arbeitsentlastend. Indes verkümmert Bildung, wo sie zum autonomen Nachvollzug wird.








