Im Rausch des «T»: wie Testosteron den beschädigten Mann repariertDas männliche Sexualhormon wird als Heilmittel begehrt. Mit den Muskeln wächst das Selbstbewusstsein. Die heutige Obsession von Männern mit Testosteron verweist auch auf die Ära Trump.07.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWas ist ein Mann? 1940 bestand kein Zweifel daran, dass Muskelkraft dazugehört.GettyWenn der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth über seine Streitkräfte spricht, geht es ihm nicht nur um Cybersicherheit oder den sinkenden Bestand von Abfangraketen wegen des Iran-Kriegs. Sondern er möchte seine Truppe auch mit Testosteron aufrüsten. Die männlichen Soldaten sollen wieder mehr Stärke und Kampfkraft ausstrahlen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deshalb hat Hegseth vorgeschlagen, alle Soldaten über dreissig darauf testen zu lassen, ob ihr Körper genügend des männlichen Sexualhormons aufweist. Bei einem Testosteronmangel steht es ihnen frei, sich das Hormon künstlich zu verabreichen.Medikalisierung von MännlichkeitWas Hegseth seinen Soldaten empfiehlt, befolgen viele junge Männer von sich aus. Auf Reddit und anderen sozialen Plattformen tauschen Männer ihre hormonellen Messwerte und ihre Erfahrungen mit der Testosteron-Einnahme aus. Nicht immer verfügen sie über eine ärztliche Verordnung, dass eine Therapie angezeigt wäre.Wer auf die einschlägigen Influencer hört, sieht bereits Handlungsbedarf, wenn morgens die Erektion ausbleibt. Das behauptet zumindest einer auf Tiktok, der seinen 100 000 Followern erklärt, was einen richtigen Mann ausmacht und wie er dafür leben muss: Krafttraining, Eisbäder, rohes Fleisch, Alkoholverzicht, früh zu Bett.Testosteron ist von einem Gesundheitsthema zur kulturellen Chiffre für Männlichkeit geworden. Dabei ist bei seinem Absinken der Arztbesuch durchaus angezeigt. Sobald der Körper zu wenig Testosteron produziert, kann das zu einer sexuellen Funktionsstörung führen. Längerfristig schwindet Muskelmasse, die Knochendichte nimmt ab, dafür wächst das Fettgewebe rund um den Bauch. Antriebslosigkeit, fehlende Lust auf Sex.Ärzte sind zurückhaltendDass ein Mann mit 20 einen höheren Testosteronspiegel hat als mit 50, ist allerdings normal: Dieser sinkt mit zunehmendem Alter. So erklären es Urologen den Männern, die sich testen lassen wollen in der Hoffnung, dass ihnen Testosteron verschrieben wird.Eine depressive Stimmung könne auch an einer lieblosen Beziehung liegen, hat der Zürcher Urologe Michael Kurz in einem Interview mit der NZZ gesagt: an Überforderung bei der Arbeit, einer Midlife-Crisis und überhöhten Ansprüchen an sich selbst, auch im Bett jederzeit performen zu müssen.Doch das hilft vielen Männern nicht weiter, die ständig hören, was für Wunder Testosteron im Leben eines Mannes bewirkt. Wie bei jedem Lifestyle-Medikament, zu dem auch das Hormon geworden ist, findet man Wege, es sich auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen. Man bestellt es im Darknet oder erhält es im Fitnessstudio. Die Dunkelziffer für den Gebrauch liegt entsprechend hoch.«The big T» in der ManosphereEs ist kein Zufall, dass Testosteron gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit erhält. Je intensiver die Debatte um die Krise des Mannes geführt wird, desto begehrter ist das Hormon, als liesse sich damit die beschädigte Männlichkeit reparieren. Oder die Unsicherheit beheben, die der Geschlechterdiskurs bei jungen Männern auslöst.Podcaster der sogenannten Manosphere haben bezüglich «big T» ihren Moment. Dies vor allem in den USA, wo Testosteron viel offensiver beworben wird und sich Men’s-Health-Kliniken auf Testosterontherapien spezialisiert haben. Das Hormon umtreibt selbst die Politik, und zwar nicht nur Verteidigungsminister Hegseth.Wenn Präsident Donald Trump Amerika wieder gross machen will, so meint er damit auch die Muskeln des amerikanischen Mannes. «Männergesundheit» wurde zu einem Anliegen seiner Administration, während die feministisch geprägte Kultur der letzten Jahrzehnte den Mann in seinem Mannsein abwertete und vernachlässigte.Fan von Testosteron ist Robert F. Kennedy Jr., der Gesundheitsminister, der auch einmal in Jeans und mit nacktem Oberkörper Gewichte hebt im Fitnessstudio, damit sein Sixpack zur Geltung kommt. So sieht man ihn in Videos, die der 72-Jährige von sich postet.Seinem Chef attestierte Kennedy «die Konstitution eines Gottes». Das sagte er in einem Podcast: Trump habe laut dessen Arzt «den höchsten Testosteronspiegel», den dieser bei einem über 70-Jährigen je gemessen habe.Eine «lebensverändernde» KraftIm amerikanischen Gesundheitsministerium geben die Spitzenpolitiker freimütig zu, dass sie Testosteron zur Selbstoptimierung nutzen. Kennedy nannte es Teil seines Anti-Aging-Programms, als er sich 2023 um die Präsidentschaft bewarb.Das Magazin der «New York Times» zitiert in einer Recherche über Testosteron Kennedys Staatssekretär für Gesundheit, Brian Christine, einen Urologen. Dieser macht seit zehn Jahren eine Testosterontherapie. Dank ihr könne er sein anspruchsvolles Amt unter Präsident Trump ausführen, sagt der 62-Jährige. Dem Hormon schreibt er eine «lebensverändernde» Kraft zu.So berichten es auch zahlreiche Männer, die für den Artikel interviewt wurden. Sie fühlten plötzlich wieder Zuversicht am Morgen beim Aufstehen. Trotz phlegmatischer Veranlagung hatten sie Energie, zu trainieren. Der Sexualtrieb erwachte aus dem Koma. Einer sagte, er packe jetzt sogar im Haushalt mit an.Kaum jemand erzählt davon, dass ihm die Testosterontherapie nicht guttue, bei der das Hormon als Gel über die Haut oder durch eine Spritze in den Muskel verabreicht wird. Dabei sind es gerade die Risiken und Nebenwirkungen bei der Erforschung von Testosteron, die seine wechselhafte Geschichte begleiten.Elixier aus tierischen HodenDank kastrierten Nutztieren fanden Wissenschafter gegen Ende des 19. Jahrhunderts heraus, dass Hoden eine Substanz enthalten, die für die Manneskraft verantwortlich ist. Manche Ärzte experimentierten an sich selbst herum und spritzten sich die Substanz aus Hoden von Hunden oder Meerschweinchen. In fortgeschrittenem Alter konnten sie einen Booster selber gut gebrauchen. Die Verjüngungskur liessen sie fortan auch ihren Patienten zukommen – als Mittel gegen jegliches Männerleiden.1935 wurde Testosteron erstmals synthetisiert, was den beteiligten Chemikern den Nobelpreis eintrug. In jenen euphorischen Jahren, die mit der heutigen Begeisterung vergleichbar sind, wurde bereits viel in das Hormon hineingedeutet. Testosteron sollte weibliche Charaktereigenschaften des Mannes unterdrücken oder Homosexuelle heilen.Das Gerücht von ProstatakrebsGebremst wurde die Begeisterung ab den frühen 1940er Jahren, als es plötzlich hiess, die Testosterontherapie verursache Prostatakrebs. Es war mehr ein Gerücht, das sich bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts hielt: Eine wissenschaftliche Arbeit wurde falsch interpretiert. Gleichzeitig brachten Dopingskandale Testosteron in Verruf, da Leistungssportler und Bodybuilder es zum schnelleren Muskelwachstum nutzten.Bis vor wenigen Jahren hiess es zudem, die Einnahme von Testosteron erhöhe das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Nachdem 2023 die grösste Studie zur Sicherheit der Testosterontherapie erschienen war, war das Hormon rehabilitiert. Richtiggestellt wurde auch: Es steigert tatsächlich die Libido, ist aber, was die Erektionsfähigkeit betrifft, nicht Viagra.Noch etwas unterschlagen Influencer und Telemediziner, die an der Werbung für Testosteron gut verdienen: Das künstlich zugeführte Hormon kann Männer unfruchtbar machen.Draufgängertum ist etwas GutesHeute wird Testosteron vor allem für schädlich gehalten, weil es angeblich gewisse Ideologien transportiert. Im gegenwärtigen Kulturkampf wird Männlichkeit fast nur noch problematisiert. Wer Testosteron propagiert, steht unter Verdacht, im Mann das überlegene Geschlecht zu sehen. Das T steht auch für toxisch.Aber mit Testosteron verbunden sind genauso Tatkraft, Entschlossenheit, Freude am Wettbewerb, Selbstvertrauen. Die amerikanische Evolutionsbiologin Carole Hooven beschreibt in ihrem Buch «T wie Testosteron», wie wichtig das Hormon bei der Partnersuche, beim Sex oder im Sport ist als biologische Grundlage des Draufgängertums. Deshalb neigten Männer aber auch eher zu körperlicher Gewalt.Testosteron macht den Geschlechterunterschied. Davon zeugen Transmänner, die ähnlich begeistert sind von Testosteron wie die Angehörigen der Manosphere. Sie erzählten Hooven, wie viel raumeinnehmender sie sich in einer Menschenmenge plötzlich bewegten und wie ihr Blick auf dem Gesicht von Frauen verharrte, ohne zu fliehen. Auch dachten sie viel häufiger an Sex. So weit die Bestätigung des Klischees.Biologische Frauen, die eine Geschlechtsangleichung zum Mann machen, erhalten vergleichsweise einfach eine Testosterontherapie bewilligt. Über diese Bevorzugung zeigen sich im «New York Times Magazine» viele der zitierten Männer verärgert. Sie beklagen die Zurückhaltung der Ärzte ihnen gegenüber: Lieber würden sie einem leidenden, verunsicherten Mann ein Antidepressivum verschreiben als Testosteron.Auch Frauen wollen wieder wollenTatsächlich weisen Männer heute im Durchschnitt niedrigere Testosteronwerte auf als Männer gleichen Alters vor vierzig Jahren. Als Ursachen gelten Übergewicht, Stress oder Bewegungsmangel. Hegseths Sorge ist also nicht völlig unbegründet.Man muss Testosteron nicht ideologisieren, nur weil es von Manosphere-Influencern vereinnahmt wird. Testosteron ist in erster Linie ein Hormon, das der männliche Körper von Natur aus produziert und das einen Mann zum Mann macht. Das spürt er vor allem dann, wenn es fehlt. Natürlich gehört zum Mannsein noch mehr dazu.Auch der weibliche Körper produziert Testosteron, nur in viel kleineren Mengen. Den Hype um das Hormon machen die Frauen heute genauso mit. In der Menopause versprechen sie sich von einer Testosterontherapie wieder mehr Energie, sie möchten begehren und begehrt werden und haben nichts dagegen, auch etwas aggressiver aufzutreten.Soll noch einer sagen, Frauen und Männer wollten nicht dasselbe. Testosteron trennt nicht nur. Testosteron verbindet.Passend zum Artikel
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