KommentarKünstliche Intelligenz ist für Entwicklungsländer eine historische ChanceIm reichen Westen dominiert zunehmend die Angst vor Jobverlusten und irrlichternden Agenten. Für ärmere Länder birgt KI hingegen ein enormes Potenzial. Das muss auch für die Entwicklungshilfe Folgen haben.07.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMit künstlicher Intelligenz erstellte Wetterprognosen führen laut der Weltbank zu grossen Einsparungen bei Kleinbauern.Bhawika Chhabra / ReutersBei der Lektüre von Nachrichten zur künstlichen Intelligenz (KI) stellt sich dieser Tage schnell ein Gefühl der Schwermut ein. Nicht nur soll die neue Technologie viele Jobs obsolet machen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben. Den Zauberlehrlingen im Silicon Valley scheint auch zunehmend die Kontrolle über die von ihnen gerufenen Geister zu entgleiten. Mancher KI-Agent legt ein gefährliches Eigenleben an den Tag, das sich den Absichten seiner Schöpfer störrisch widersetzt. Was einst als Verheissung galt, erscheint immer mehr als Bedrohung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weniger stark von Stellenverlusten betroffenVielleicht sagt dieser Pessimismus weniger über die Technologie aus als über den eurozentrischen Blick der Kritiker. Dieser Gedanke drängt sich beim Lesen des World Development Report der Weltbank auf. Darin analysiert die weltgrösste Entwicklungsorganisation auf 380 Seiten die künstliche Intelligenz aus der Perspektive ärmerer Regionen. Und sie fällt dabei ein sehr optimistisches Urteil: «Die Entwicklungsländer haben heute mehr von der KI zu gewinnen und weniger von ihr zu befürchten als die reicheren Länder», schreibt Indermit Gill, Chefökonom der Weltbank.Die Weltbank ist überzeugt: Die künstliche Intelligenz wirft den Entwicklungsländern einen Rettungsring zu. Staaten mit schwachem Wirtschaftswachstum hätten nun die Chance, innerhalb eines Jahrzehnts Fortschritte zu erzielen, für die bisher ein Jahrhundert nötig gewesen wäre. Sich den Kopf zu zerbrechen, ob KI eines Tages das Ende der Menschheit bedeute, könne man getrost der reichen Welt überlassen, meint Gill lapidar. Wichtiger sei nun, diese technologische Revolution zu nutzen, um das Leben von Millionen Menschen zu verbessern.Für die Zuversicht der Weltbank gibt es gute Gründe. Denn nicht alle KI-Sorgen reicher Staaten sind für Entwicklungsländer ebenso relevant. In den stark von Agrar- und Kleinbetrieben geprägten Volkswirtschaften des Südens lassen sich beispielsweise weniger Jobs durch KI ersetzen. Die Weltbank schätzt, dass weniger als ein Zehntel der Stellen von einer Automatisierung durch KI bedroht ist – verglichen mit über einem Drittel in Ländern mit hohem Einkommen. KI werde den Arbeitern des Südens daher eher unter die Arme greifen, als sie arbeitslos zu machen.Fortschritte in Landwirtschaft, Medizin und BildungEin weiterer Vorteil sind die relativ tiefen Kosten von KI-Werkzeugen. Entwicklungsländer müssen nicht teure Datenzentren erstellen oder Sprachmodelle entwickeln. Sie können sich abstützen auf verfügbare Lösungen wie Small Language Models, die aufgrund ihrer Einfachheit auch mit begrenzter Rechenleistung oder wackliger Internetverbindung funktionieren. Um die Abhängigkeit von KI-Anbietern wie China oder den USA zu mindern, braucht es keine eigenen KI-Systeme. Günstiger ist es, entsprechende Dienste aus verschiedenen Ländern zu beziehen.Es ist nicht blosser Zweckoptimismus, der die Hoffnung der Weltbank nährt. Vielmehr gibt es zahlreiche Erfolgsbeispiele: Kenyas Justiz konnte etwa die Zahl unbearbeiteter Gerichtsfälle dank KI stark reduzieren. Bangladesh erzielte mit KI-basierter Bildgebung grosse Fortschritte im Kampf gegen Diabetes-bedingte Sehstörungen. Und im indischen Telangana führten mit KI erstellte Wetterprognosen zu Einsparungen von bis zu 560 Dollar pro Kleinbauer. Weitere Beispiele gibt es zuhauf, etwa mit Blick auf KI-Hilfen für Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung.Manches Problem, für dessen Lösung bisher teure Experten aus Geberländern eingeflogen werden mussten, lässt sich heute mit künstlicher Intelligenz deutlich günstiger angehen. Das macht die Entwicklungshilfe ungeachtet ihrer wachstumspolitisch eher bescheidenen Erfolgsbilanz zwar nicht überflüssig, zumal KI auf eine gut funktionierende Infrastruktur angewiesen ist. Das Potenzial entsprechender Einsparungen muss aber stärker genutzt werden. Dass dies möglich ist, legt die wegweisende Analyse der Weltbank nahe.Passend zum Artikel
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