KommentarDas Chaos um das neue Modell von Anthropic zeigt: Der KI-Wettlauf braucht globale Leitplanken statt nationaler BlockadenDie US-Regierung blockiert die mächtigste KI: ein fatales Signal. Firmen brauchen Vorhersehbarkeit. Den Risiken künstlicher Intelligenz sollte die Welt gemeinsam begegnen.18.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDario Amodei warnt schon lange vor mächtiger KI. Plötzlich nimmt man ihn allzu ernst.Chance Yeh / GettyOft hatte die KI-Firma Anthropic vor übermächtiger künstlicher Intelligenz (KI) gewarnt. Lange wurde das beiseitegeschoben. Doch als Anthropic letzte Woche sein KI-Modell Mythos mit Sicherheitsschranken unter dem Namen Fable veröffentlichte, griff die US-Regierung nur drei Tage später durch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Handelsminister verbot Dario Amodei in einem Brief, ausländischen Personen «unabhängig von deren Standort» Zugang zu dem Modell zu geben. Andernfalls drohten «unverzüglich straf- und zivilrechtliche Sanktionen.» Da selbst die Gründer von Anthropic nicht alle Amerikaner sind, sperrte das Unternehmen den Zugang komplett.Dieser Eingriff der US-Regierung ist fatal für die Wirtschaft. Er nimmt KI-Unternehmen wie Anthropic jede Planungssicherheit, und deren Kunden ebenfalls. Er kann aber ein Weckruf sein – eine Chance, um global über KI-Risiken zu reden.Ausländer auszuschliessen, bringt wenig für die SicherheitWie kann man verhindern, dass KI für Cyberangriffe oder biologische Waffen missbraucht wird? Die Herausforderung ist, trotz KI-Wettlauf eine Antwort auf diese Frage zu finden.Die amerikanische Regierung ging den falschen Weg, als sie über Exportkontrollen sicherstellen wollte, dass nur Amerikaner Zugriff auf die momentan beste KI haben. Denn die Kontrolle der Staatsbürgerschaft ist offensichtlich kein geeignetes Kriterium, um zu verhindern, dass KI für kriminelle Zwecke genutzt wird.Erstens sind ein Grossteil der Angestellten in allen KI-Firmen Ausländer. Wollen die USA ihren technischen Vorsprung behalten, brauchen sie diese Leute. Zweitens können Terroristen und Erpresser die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Zudem bieten Phishing-Angriffe auf amerikanische Nutzer Hackern jederzeit Hintertüren zur Technologie.Wenn man die Warnungen vor dem Gefahrenpotenzial neuster KI ernst nimmt, reicht es nicht aus, Ausländer auszuschliessen, um gut zu schlafen.Weder die USA noch China profitieren von Cyberchaos und TerrorVernünftiger war die Strategie, die sich Anthropic selbst ausgedacht hat. Es gewährte ausgewählten Firmen vorab Zugang zu seinen Modellen. Sie sollten so einen Vorsprung haben, um sich zu schützen, bevor Angreifer auf die neuen KI-Fähigkeiten Zugriff erhielten.Problematisch war, dass Anthropic entschied, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht. Hier braucht es transparente Regeln. Und auch wenn man keine weltumspannenden Regeln für KI erwarten kann: Es liegt durchaus im Interesse der einzelnen Staaten, sich bei dem Hemmen von KI-Gefahren abzustimmen.Jedes Land wird seine mächtigsten KI-Werkzeuge selbst nutzen, etwa für Geheimdienste, die Cyberfähigkeiten nutzen können, um Feinde auszuspionieren. Aber es gibt auch gemeinsame Interessen: Weder die USA noch China haben etwas davon, wenn Internetservices grossflächig abstürzen oder Terroristen an Biowaffen gelangen.Bei einer Schusswaffe ist die Gefährlichkeit an klaren Kriterien abzulesen: Automatik, Platz im Magazin oder Antriebsenergie. Bei KI-Modellen weiss noch keiner, welche Kriterien gelten sollten. Ab wann droht durch sie Gefahr? Welche Fähigkeiten würden Schurkenstaaten schwer zu kontrollierende Macht geben? Was ist dran an Warnungen vor KI, die ausser Kontrolle gerät? Zu diesen Fragen sollte die Welt die Kräfte bündeln.Der KI-Wettlauf setzt alle unter Druck – auch die USADie USA sind in Sachen KI die führende Nation. Trotzdem stehen auch sie unter Druck. Wenn Claude Fable für alle Nutzer blockiert bleibt, ist das ein fatales Signal an die KI-Szene. Es würde bedeuten, dass sich Investitionen in bessere KI nicht mehr auszahlen. Das könnte die Tech-Aktien abstürzen lassen – denn die preisen Fortschritte in Sachen KI bereits ein. Zugleich holt China stetig auf.Die Dynamik des KI-Wettlaufs hat die ganze Welt im Griff. Sie erschwert es allen Ländern, Regeln zu formulieren und durchzusetzen. Da nun auch Amerika über über KI-Risiken nachdenkt, ist die Zeit reif für mehr Austausch und Zusammenarbeit. Nur wer die Gefahren der KI beherrscht, sichert den Fortschritt.Passend zum Artikel