Als Sofija Ilterjakowa Ende Mai auf die Matte federte bei den Europameisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik im bulgarischen Varna, fiel nicht nur ihr Oberteil mit Pailletten in Schwarz, Rosa, Gold und Silber ins Auge, sondern auch die weiß-blau-roten Farbstreifen, die auf Ilterjakowas Oberarm klebten. Und im Publikum: Da wippten russische Flaggen auf und ab, ertönten Jubelschreie, die noch lauter klangen, als Ilterjakowa ihre Reifenkür beendet hatte, ohne Makel. Platz eins, die Goldmedaille; später erklang für die 15-Jährige bei der Siegerehrung die russische Hymne.Die EM in Bulgarien war eines der bislang griffigsten Beispiele für die Botschaft, dass Russlands Rückkehr im Weltsport in diesem Sommer voranschreitet – ehe das Internationale Olympische Komitee (IOC) diese Dynamik vor einem Monat massiv verstärkte. Da hob es die Restriktionen, die es den Sportfachverbänden zuvor rund vier Jahre lang empfohlen hatte, provisorisch auf. Athleten aus Russland und Belarus sollte nun etwa nicht mehr darauf durchleuchtet werden, ob sie den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützen, auch nationale Symbole wie Hymne und Flaggen sind zumindest nicht mehr explizit unerwünscht.Internationales Olympisches Komitee:Der nächste Sieg für den KremlDas IOC beschließt Russlands Rückkehr in den Weltsport und ermöglicht russischen Sportlern die Qualifikation für Olympische Spiele. Dabei offenbart sich in der Begründung manch Widersprüchliches.Nun allerdings kommt ein Beispiel auf, das auf andere Weise seine Kreise ziehen könnte. Bei den Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik, die am kommenden Mittwoch in Frankfurt/Main anbrechen, müssen die Athletinnen, die bei der EM im Mai noch auf einer blau-weiß-roten Welle ritten, wieder unter neutralem Banner antreten.Der Deutsche Turnerbund (DTB) bestätigte am Donnerstag auf SZ-Anfrage, dass Athleten aus Russland und Belarus in Frankfurt „ohne nationale Symbole“ antreten werden, also ohne Flagge und Hymne. Zwar werden beide Delegationen in den Ergebnislisten offenbar weiter unter ihren Ländernamen geführt, sollte eine Athletin aus diesen Delegationen aber eine Medaille gewinnen oder einen WM-Titel, werde man die Flagge des Weltverbands zeigen, begleitet von neutraler Musik, schrieb der DTB: Dieser Status wurde zwischen World Gymnastics, dem Deutschen Turner-Bund, dem Deutschen Olympischen Sportbund gemeinsam mit der Bundesregierung vereinbart. Was ungefähr auf so vielen Ebenen beachtlich ist, wie Parteien involviert sind.Formal darf jeder olympische Fachverband selbst entscheiden, wie er die neuen Vorgaben des IOC in die Praxis überführt. Die Frage, ob und wie er dabei Hymnen und Flaggen zulässt, hat das IOC sogar ausdrücklich den Verbänden überlassen. Historisch versteht der Dachverband seine Richtschnur aber durchaus als Aufforderung, zumal das IOC seinen Beschluss Anfang Juli mit einer programmatischen Begründung angereichert hatte: Athleten dürften nicht für die Handlungen ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden, das IOC müsse neutral agieren, allen Athleten dieselbe Bühne gewähren.Abgesehen davon, wie praxistauglich solche Vorgaben sind, folgten viele Weltverbände diesem Impetus. Der Turn-Weltverband (World Gymnastics) unter Präsident Morinari Watanabe aus Japan hatte dem sogar um fast zwei Monate vorgegriffen. Sein Exekutivkomitee hatte am 18. Mai beschlossen, alle Restriktionen aufzuheben – „im Einklang mit den Prinzipien der gleichen Behandlung für alle Teilnehmer, unabhängig von deren Nationalität“. Als der europäische Turnverband sich dem kurz darauf anschloss, ging bei der EM Ende Mai in Bulgarien, das Russland traditionell nahe steht, alles seinen Gang – mit der beachtlichen Note, dass ukrainische Sportlerinnen sich Augen zuhielten und Ohrenstöpsel trugen, wenn sie einer Siegerehrung mit russischer Beteiligung beiwohnten.Die Bundesregierung wollte die WM offenbar nicht als „Propagandaraum für Putin oder Russland“ öffnenDann richtete die rumänische Stadt Cluj-Napoca kurz darauf einen Weltcup aus, also unter dem Dach des Weltverbands – und Emil Boc, der Bürgermeister der Stadt, stellte sich einfach quer: Er wolle nicht, „dass politische Symbole eines Aggressors in Europa, in einem Land der Europäischen Union gezeigt werden“, sagte er in einem Video in den sozialen Netzwerken. Die russische Delegation reiste ab, aus Protest.Ende Juli vollführte die Exekutive des Weltverbands also einen Schlenker, notgedrungen. Denn auch aus Kroatien drohte jetzt Ungemach: Die Regierung des Gastgebers der EM der Geräteturner, die am kommenden Mittwoch in Zagreb beginnt, überlegte, russischen Athleten die Einreise zu verweigern. So sehr man daran festhalte, grundsätzlich alle Athleten unter gleichen Bedingungen starten zu lassen, müsse man „potenzielle Restriktionen von Regierungen“ beachten, teilte der Weltverband mit. Bis auf Weiteres sei ein „gewisser Grad an Flexibilität“ gefragt – aber bloß für Veranstaltungen, die vor Mai 2026 vergeben worden waren, als auch im Weltverband die neutralen Richtlinien galten. In diesem Sommer sind das etwa die EM und die WM der Geräteturner im Oktober in Rotterdam – und die WM der Sportgymnastik in Frankfurt.Mit Blick auf die Frankfurter WM sah die Flexibilität nun so aus: Die Bundesregierung erteilt Athleten aus Russland und Belarus zwar Visa, setzte sich aber offenbar mit der Haltung durch, die DTB-Präsident Alfons Hölzl in der FAZ zuletzt so formuliert hatte: Die Bundesregierung wolle diese WM „nicht als Propagandaraum für Putin oder Russland“ öffnen. Immerhin habe der Bund für die WM rund 2,5 Millionen Euro an Unterstützung zugesagt.Das könnte zumindest in den kommenden Monaten in der olympischen Welt noch zu heftigen Spagatübungen führen. Zwar pochen Sportverbände darauf, dass bei ihren Großereignissen auch ihr Regelwerk gilt, andererseits zeigte sich schon der Sport in der Russlandfrage zuletzt doch noch recht durcheinander. Die Leichtathletik ignoriert die IOC-Empfehlung weiterhin, bei den nahenden Europameisterschaften in Birmingham sind Athleten aus Russland und Belarus komplett verbannt. Bei der Ruder-WM Ende August in Amsterdam dürfen Athleten aus Russland und Belarus weiter nur als neutrale Athleten starten. Der Welt-Schwimmverband indes hat, wie die Turner, alle Restriktionen aufgehoben, dort war es aber der europäische Verband, der sich eine Übergangsfrist erbat. Bei der EM in Paris laufen in diesen Tagen also Athleten als „Neutral Athletes A“ und „Neutral Athletes B“ ein.Das dürften auch viele lokale Politiker und Regierungen wahrnehmen. Und selbst wenn etwa der Turn-Weltverband seine Haltung nun mit einer Übergangsregelung begründet, so hatte er sich auf diese ja überhaupt erst eingelassen, nachdem Verbände und Politiker Druck ausgeübt hatten. Für die WM der Geräteturner im Oktober in Rotterdam kann deshalb auch die niederländische Regierung auf eine gewisse „Flexibilität“ seitens des Weltverbands pochen. Aber weshalb sollte sich manche Regierungen danach nicht darauf besinnen, dass eine vollständige Rückkehr Russlands in jedem Fall noch zu früh kommt?