Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird am Samstag zu einem Staatsbesuch in Serbien erwartet. Dies teilten die Regierungen Serbiens und der Ukraine am Donnerstagabend gleichzeitig mit. Lange war unklar gewesen, ob es tatsächlich zu dem politisch heiklen Termin in Belgrad kommt, und zwar nicht nur aufgrund des unberechenbaren Kriegsgeschehens in der Ukraine. Nach Angaben aus diplomatischen Kreisen gibt es in Kiew zudem eine Lobby, die den Besuch Selenskyjs in dem russophilen Balkanstaat prinzipiell ablehnt.Vorbereitung unter größter GeheimhaltungDie Vorbereitungen des Besuchs fanden unter größtmöglicher Geheimhaltung statt. Allerdings hatte sich der Kreis der Mitwisser in den vergangenen Tagen schon aus praktischen Gründen – etwa durch die Ankunft von ukrainischen Sicherheitskräften und Protokollbeamten – so weit vergrößert, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die Nachricht an die Öffentlichkeit dringen würde.Die Reise ist vor allem ein politisches Signal, auch wenn bei den Gesprächen in der serbischen Hauptstadt Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Mittelpunkt stehen sollen. Dies gilt, auch wenn es dazu keine offizielle Bestätigung gibt, nicht zuletzt für den Verteidigungsbereich, einschließlich einer möglichen gemeinsamen Drohnenproduktion. Dazu könnte es durch eine trilaterale Kooperation zwischen Serbien als Standort, der Ukraine als führendem Land im Drohneneinsatz und den Vereinigten Arabischen Emiraten als Kapitalgeber kommen.Politisch heikel ist der Besuch auch deshalb, weil laut Umfragen die Sympathien der Bevölkerung für den russischen Präsidenten Wladimir Putin in keinem anderen Staat Europas stärker ausgeprägt sind als in Serbien. Entsprechend negativ gefärbt ist das Bild Selenskyjs und der Ukraine. Dass Putins ärgster Widersacher nun zu offiziellen Gesprächen in Belgrad erwartet wird, lässt auch Rückschlüsse auf serbische Erwartungen zum weiteren Verlauf der russischen Aggression gegen die Ukraine zu.Die Führung in Belgrad hat offenkundig nicht den Eindruck, dass Putins Truppen kurzfristig vor einem entscheidenden Sieg gegen die Ukraine stehen. Entsprechend werden die Kontakte zur Ukraine ausgebaut, ohne jene zu Russland abzubrechen. Serbien gehört zu den wenigen Staaten Europas, die keine Sanktionen gegen Russland eingeführt haben.US-Diplomat: Die USA kauften serbische Waffen für die UkraineDie Ukrainer sind dem Vernehmen nach vor allem an der Produktion von Waffen und Munition in Serbien interessiert, und das schon seit geraumer Zeit. Eine wichtige Rolle bei der Vernetzung von Kiew und Belgrad spielte der amerikanische Diplomat Chris Hill. Hill gehört zu den amerikanischen Diplomaten mit der größten Balkanerfahrung. Er war auf amerikanischer Seite maßgeblich an der Aushandlung des Dayton-Abkommens beteiligt, mit dem 1995 der Krieg in Bosnien-Hercegovina beendet wurde. Während des Luftkriegs der NATO gegen Serbien um das Kosovo (1999) war er Sondergesandter des US-Präsidenten Bill Clinton und von dessen Außenministerin Madeleine Albright für das Kosovo, verhandelte damals mehrfach mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević.Eigentlich schon aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden, wurde er zur Zeit des US-Präsidenten Joe Biden reaktiviert und war von 2022 bis 2025 amerikanischer Botschafter in Serbien. In einem Gespräch mit der F.A.Z., das mit Blick auf Selenskyjs nahenden Besuch am Mittwoch geführt wurde, berichtet er über die Bemühungen in seinen Jahren als Botschafter in Belgrad, die militärische Kooperation zwischen Serbien und der Ukraine zu unterstützen.„Zu Beginn meiner Amtszeit in Belgrad kam der ukrainische Botschafter mit einer Liste von Rüstungsgütern zu mir, die die Ukraine auf dem Schlachtfeld dringend benötigte. Mein Botschaftsteam prüfte, ob die Serben in der Lage waren, diese Anfragen zu erfüllen – und sie waren es“, erinnert sich Hill in Telefongespräch und erläutert die weiteren Schritte: „Die USA begannen, den Kauf erheblicher Mengen serbischer Munition zu unterstützen, von der wir wussten, dass sie in der Ukraine dringend benötigt wurde.“Öffentliche Warnungen des russischen GeheimdienstesHill sagt, es sei der amerikanischen Seite wichtig gewesen, dass Serbiens Engagement nicht als Kriegsgewinnlertum wahrgenommen wurde, „sondern im Zusammenhang mit einer andauernden und dauerhaften Beziehung zwischen Serbien und der Ukraine, die auf den langfristigen gemeinsamen Interessen der beiden Länder beruhte“.Als Meilenstein auf diesem Weg beschreibt Hill ein Treffen zwischen Vučić und Selenskyj in Athen im August 2023, bei dem die beiden Präsidenten eine engere Zusammenarbeit vereinbart und dann auch ins Werk gesetzt hätten. Es sei, so Hill, auch darum gegangen, dass Serbien „auf der richtigen Seite der Geschichte“ stehe, „auch wenn es dafür kritisiert wurde, sich nicht den Sanktionen gegen Russland angeschlossen zu haben“. Hill hält die Kritik an Serbien wegen der Nichtbeteiligung an den Sanktionen für überzogen. Er habe als Botschafter die Ansicht vertreten, „dass Serbien andere, weitaus bedeutsamere Maßnahmen ergreifen konnte, statt lediglich eine Nebenrolle bei der Beteiligung an einem Sanktionsregime zu spielen – eine Rolle, die an der Gesamtlage kaum etwas geändert hätte“.Die Russen seien über die aufkeimenden ukrainisch-serbischen Beziehungen selbstredend „äußerst unglücklich“ gewesen, so Hill. Daher auch die öffentliche russische Kritik an Belgrad, deren Wirkung angesichts der Stimmungslage in Serbien nicht zu unterschätzen ist. „Ich war außerdem besorgt, dass Serbiens Kritiker dem Land vorwerfen könnten, Waffen an beide Seiten zu liefern“, so Hill.Lieferte Serbien auch Waffen an Russland?Tatsächlich kam bei einem privaten Abendessen in Wien, noch zu Hills Zeit als Botschafter in Belgrad, genau diese Frage auf: Was, wenn Serbien ein Doppelspiel treibt und auch Russland Waffen liefert? Hill sagte heute offen, was er bereits vor einigen Jahren in Wien in kleinem Kreise auf diese Frage geantwortet hatte – damals allerdings nicht zur Veröffentlichung bestimmt: Für die USA habe es hohe Priorität gehabt, „genau zu beobachten, ob Serbien in irgendeiner Weise mit den Russen zusammenarbeitete. Wir setzten erhebliche Ressourcen ein, um sicherzustellen, dass wir über die tatsächliche Lage Bescheid wussten.“Das Ergebnis: Es gab keine serbischen Waffenverkäufe an Russland, „zumindest nicht in einem nennenswerten Umfang.“ Im Rückblick, so Hill, bewerte er als äußerst positiv, „was das Team der US-Botschaft bei der Unterstützung der Beziehungen zwischen der Ukraine und Serbien erreicht hat.“ Er spricht von einem „Beispiel für strategische Zusammenarbeit“.Auch in Serbien spielte Kamyschin als Verbinder und Vernetzer im Hintergrund eine Rolle. Er soll in den vergangenen Jahren mehrfach in dem Balkanstaat gewesen sein und mit seinem Team mögliche Standorte für eine gemeinsame Drohnenproduktion besichtigt haben. Die Herstellung von Artilleriemunition soll laut kundigen Quellen ebenfalls ein Thema der Gespräche gewesen sein. Zu diesen Themen wird man von amerikanischer Seite aus naheliegenden Gründen leichter Auskunft bekommen als in Serbien, weil das Thema für den Balkanstaat aus mehreren Gründen heikel ist. Serbien ist auf russische Gaslieferungen angewiesen. Blieben diese aus, säße der Balkanstaat zwar nicht ohne Versorgung da, doch ein erheblicher Kostenvorteil des Investitionsstandorts, der in den vergangenen Jahren viele Investoren ins Land gebracht hat, wäre in Gefahr.Das Freihandelsabkommen lässt auf sich wartenBereitwilliger spricht die serbische Seite über die zivile wirtschaftliche Kooperation mit der Ukraine, wo sich einiges tut. Bereits bei dem kurzfristig abgesagten Besuch im Mai ging es um die Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens zwischen beiden Ländern. Der damalige stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Taras Katschka war im Mai zu Gesprächen darüber in Belgrad. Hieß es vor einigen Wochen noch, das Abkommen stehe kurz vor dem Abschluss, ist mittlerweile aus ukrainischen Quellen zu hören, dass es wohl noch einige Monate dauern werde, möglicherweise sogar bis Anfang 2027, bis das Abkommen unterschriftsreif sei. Der politische Wille sei jedoch auf beiden Seiten da, ist von ukrainischer Seite zu hören.„Sowohl die serbische als auch die ukrainische Wirtschaft haben Interesse an einem solchen Abkommen“, bestätigt Marko Čadež, Präsident der serbischen Außenhandelskammer, der vor und hinter den Kulissen viel für die wirtschaftliche Annäherung der beiden Staaten unternimmt. Čadež sieht nicht zuletzt in der IT-Branche ein großes Wachstumspotential für beide Länder: „Die Widerstandsfähigkeit der ukrainischen IT-Branche ist beeindruckend. Selbst unter Kriegsbedingungen gelang es ihr, ihre Exportleistung zu erhalten und während des Krieges den Rekordwert von 7,3 Milliarden US-Dollar an Exporten zu erreichen. Sie konnte den Ruf der Ukraine als eines der führenden europäischen Länder für IT-Dienstleistungen bewahren.“ Der serbische IT-Sektor wiederum gehöre zu den am schnellsten wachsenden in Europa. Hier gebe es Perspektiven für gemeinsames Wachstum.