Der bisher nur inoffiziell angekündigte Staatsbesuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Serbien, der am Donnerstag dieser Woche hätte stattfinden sollen, ist zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. So versichern es zumindest gut vernetzte Quellen in Belgrad. Aus offenkundigen Gründen werden Reisen Selenskyjs nicht vorab angekündigt. Die nun einstweilen vertagte Reise könne jedoch, sofern es die Lage in der Ukraine zulasse, schon im Juni nachgeholt werden, heißt es in Belgrad.Der Kontakt zwischen Selenskyj und dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić ist enger, als sich aus den öffentlich bekannten Treffen der beiden Politiker ablesen lässt. Dass Serbien für die Ukraine wichtig ist, ergibt sich auch aus der Wahl des neuen Botschafters, den Kiew Ende 2025 nach Belgrad entsandt hat. Zuvor war Oleksandr Lytwynenko Leiter des ukrainischen Auslandsnachrichtendienstes und Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine.Der russische Geheimdienst hat Belgrad im vergangenen Jahr zweimal öffentlich scharf dafür kritisiert, über „Mittlerstaaten“ Waffen und Munition an die Ukraine zu verkaufen. Wer aus dem Lebenslauf von Botschafter Lytwynenko Rückschlüsse darauf zieht, wie wichtig Serbien weiterhin für die Unterstützung der ukrainischen Verteidigung gegen Russland ist, liegt schwerlich falsch. Lytwynenko versucht in Serbien auch, öffentlich gegen Moskaus Propagandanarrative anzugehen. Das grenzt an eine Sisyphusarbeit. Russland hat das weitaus größere Kapital, etwa über die aufwendig angelegte serbischsprachige Ausgabe des Propagandaportals „Sputnik“.Der ukrainische Botschafter und die russische PropagandaAuch in der Sicht der serbischen Bevölkerung ist die Ukraine im Nachteil. Russland gilt als der traditionelle große slawische Bruder, Serbien nahestehend durch die orthodoxe Religion, eine ähnliche Sprache, ein nahezu identisches Alphabet, historische Bindungen. Dass auch die Ukrainer mehrheitlich orthodox sind und eine eng verwandte Sprache sprechen, die in einem sehr ähnlichen Alphabet geschrieben wird, dringt dagegen kaum ins serbische Bewusstsein. In der öffentlichen Wahrnehmung und den Sympathien der Serben steht die Ukraine klar im Schatten Russlands. Russland ist der große Bruder, die Ukrainer allenfalls der kleine große Bruder, der zudem im Verdacht steht, zu westlich zu sein.Dabei hat auch die Ukraine die kosovarische Unabhängigkeitserklärung von 2008 nie anerkannt. Wenig bekannt ist zudem, dass Kiew sich 1999, während der fast dreimonatigen Bombardierung Serbiens durch die NATO, zwar nicht für den damaligen serbischen Gewaltherrscher Slobodan Milošević, aber strikt gegen die militärischen Angriffe ausgesprochen hat. Die Ukraine war sogar das erste Land, das unmittelbar nach Beginn der Bombardierungen im März 1999 einen Vermittlungsversuch startete.Der damalige ukrainische Außenminister Boris Tarasjuk reiste wenige Tage nach Kriegsbeginn zu Gesprächen mit Milošević nach Belgrad. Es sei im Interesse der Ukraine, „sowohl eine Konfrontation zwischen den USA und Russland als auch eine Fortsetzung der NATO-Bombardements sowie einen panslawischen Kreuzzug zur Verteidigung unserer slawischen Brüder zu verhindern“, sagte Tarasjuk damals. Ein Jahrzehnt später erinnerte er sich in einem BBC-Interview: „Es ging darum, dass die Ukraine den Bombardierungen nicht tatenlos zusehen konnte.“Die Ukraine war 1999 gegen die Bombardierung SerbiensDoch der Zeitpunkt und das geringe politische Gewicht der Ukraine standen einem Erfolg der Mission im Wege. „Wir kamen an und hatten ein mehr als anderthalbstündiges Gespräch mit Milošević. Dabei verstand ich, dass es keinen Sinn hatte, zu reden oder irgendeine Kompromissvariante zu suchen: Ich zog den Schluss, dass dieser Mensch in einer anderen Welt lebt und die Realität nicht versteht“, so Tarasjuk im Rückblick. Die Sorgen des ukrainischen Ministers galten jedoch nicht nur Jugoslawien, sondern auch dem Ruf der NATO in der Ukraine. Der Angriff habe damals dem Ansehen der Allianz bei den Ukrainern „einen spürbaren Schlag versetzt“, konstatiert Tarasjuk. Tatsächlich blieb die Einstellung der Ukrainer zu einem möglichen NATO-Beitritt ihres Landes über Jahre hinweg negativ.Das zeigte sich auch an einem innenpolitischen Streit um die Entsendung von 1300 ukrainischen Soldaten für die internationale Friedenstruppe im Kosovo im Sommer 1999. Die Ukraine hatte sich bereit erklärt, Einheiten für eine Friedenstruppe im Kosovo zu stellen. Doch es kam zu ernsthaften Verstimmungen mit Washington, zu denen auch der damalige Sprecher des State Department beitrug, James Rubin. In einer Grobheit, die an heutige amerikanische Umgangsformen erinnert, hatte Rubin gespottet, eine „Bande von Ukrainern, die mit Gewehren herumfuchteln“, reiche nicht aus, um die im Krieg geflohenen Kosovo-Albaner zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen.Kiew protestierte heftig, Rubin entschuldigte sich, doch im ukrainischen Parlament kamen angesichts des Kosovokrieges sogar Forderungen nach einer atomaren Wiederbewaffnung des Landes auf. Aus heutiger Sicht werden viele in Kiew bedauern, dass es bei einer Idee blieb.Der ukrainische Präsident Leonid Kutschma wollte eine Truppenbeteiligung im Kosovo, brauchte dafür aber die Billigung des Parlaments. Das hielt in einer Erklärung fest, ein ukrainisches Bataillon im Kosovo dürfe keinesfalls der NATO unterstellt werden, da diese „einen verbrecherischen Krieg“ am Balkan entfesselt habe. Das entspricht exakt der Darstellung, die Serbiens Staatsmedien gern verbreiten. Es gebe also auch für die jetzige Belgrader Regierung historische Anknüpfungspunkte, um eine ukrainisch-serbische Freundschaft zu begründen – und sei es durch Geschichtsklitterung.