„Am 21. Mai kommt Wolodymyr Selenskyj nach Belgrad.“ Das war die Nachricht, die in der vergangenen Woche in einem kleinen Kreis in Serbiens Hauptstadt kursierte – und deren Sprengkraft niemandem verborgen blieb, der davon erfuhr. Der Besuch ist nun kurzfristig aufgeschoben worden, wie am Montag in Belgrad inoffiziell zu erfahren war. Er soll aber, so die inoffiziellen Angaben, baldmöglichst nachgeholt werden. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite lag zunächst nicht vor.Fest steht, dass Serbien und die Ukraine nach jahrelangen Verhandlungen kurz vor der Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens stehen. Der stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Taras Katschka wird am Mittwoch in Belgrad für abschließende Gespräche über das Abkommen erwartet. Es handelt sich bei der Annäherung zwischen Belgrad und Kiew also nicht nur um Symbolpolitik.Ein Staatsbesuch des ukrainischen Präsidenten in Serbien wäre auf vielfache Weise bedeutsam. Serbien gehört zu den wenigen Ländern in Europa, die sich den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen haben. Das lässt sich unter anderem am Belgrader Flughafen beobachten, von dem aus es tägliche Verbindungen nach Moskau und in andere russische Städte gibt.Politische Risiken für Serbiens PräsidentenZugleich ist die Stimmung eines Großteils der Bevölkerung gegenüber dem größten Nachfolgestaat der Sowjetunion nirgends so freundlich wie in dem größten Nachfolgestaat Jugoslawiens. Putin genießt in Serbien hohe Zustimmungswerte – höher womöglich als in Russland selbst. Wenn Wolodymyr Selenskyj zu einem Staatsbesuch nach Serbien kommt, dürfte das in Moskau so empfunden werden, als dringe der Ukrainer in Putins balkanischen Hinterhof ein. In Belgrad wiederum will man zeigen: Wir sind niemandes Hinterhof, auch nicht Russlands. Bilder von einem Empfang Selenskyjs ausgerechnet in Serbien wären eine PR-Niederlage für den Kreml.Für Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić wäre ein Staatsbesuch Selenskyjs, einschließlich einer zu Ehren des Gastes mit blau-gelben Flaggen geschmückten Hauptstadt, innenpolitisch durchaus ein Wagnis. Nicht zuletzt deshalb, weil die „regierungsfreundlichen“ Medien in Serbien seit Jahren prorussische sowie antiukrainische Narrative verbreiten und damit eine entsprechende Stimmung in der Bevölkerung zwar nicht geschürt, aber doch verstärkt haben. Antiukrainische und gegen Selenskyj persönlich gerichtete Hetzartikel gab es in jüngster Zeit jedoch weniger – womöglich schon in Vorwegnahme des geplanten Besuchs.Vučić bei Putins PropagandaparadeNicht kontrollieren kann Serbiens Präsident dagegen die Reaktion Russlands. Manche beschuldigen Vučić, ein enger Verbündeter Putins zu sein, was in dieser Verkürzung nicht zutrifft. Andere bezichtigen ihn, nach alter jugoslawischer Manier eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West zu betreiben, um aus beiden Welten das Beste herauszuholen, was eher den Tatsachen entspricht. Allerdings stieß diese Politik schon in der Vergangenheit mitunter an ihre Grenzen.In der EU nahm man Vučić übel, dass er im vergangenen Jahr als einer der ganz wenigen europäischen Politiker (neben dem slowakischen Regierungschef Robert Fico und dem bosnisch-serbischen Separatistenführer Milorad Dodik) an Putins Propagandaparade zum 9. Mai teilnahm. Die EU-Kommission nannte Vučićs Verhalten inakzeptabel: „Der angemessene Ort, um am 9. Mai Unterstützung für den Frieden zu zeigen, ist Kiew, nicht Moskau.“ EU-Außenpolitikchefin Kaja Kallas ergänzte, wer wirklich Frieden in der Ukraine wolle, könne nicht an Putins Seite stehen.Angriffe des russischen GeheimdienstesDoch Vučićs Ansehen im Kreml nutzte der Abstecher nach Moskau offenkundig wenig. Nur wenige Wochen später, Ende Mai und dann ein weiteres Mal im Juni 2025, griff der russische Auslandsgeheimdienst SWR Vučić in zwei öffentlichen Mitteilungen scharf an. In der ersten dieser Aussendungen rügten Putins Agenten „antirussische Handlungen“ der serbischen Führung und einen „Stoß in den Rücken“ Russlands. Serbien, so hieß es, liefere über „Zwischenhändlerstaaten“ Munition an die Ukraine. Belgrad wies das mit einem halben Dementi zurück: Man habe weder der Ukraine noch Russland Waffen geliefert.Im Juni legte der russische Geheimdienst nach: Vor allem über die Tschechische Republik und Bulgarien liefere Serbien Waffen und Munition. „Dabei ist den Herstellern in Serbien gut bekannt, wer die tatsächlichen Abnehmer ihrer Produkte sind und dass ihre Raketen und Geschosse russische Soldaten sowie Bewohner von Orten in Russland töten werden“, hieß es in der Mitteilung des Dienstes.Hervorgehoben wurde darin auch, dass Serben und Russen „über viele Jahrhunderte hinweg“ gemeinsam gegen äußere Feinde gekämpft hätten, bevor die Botschaft mit einer scharfen Kritik an Vučić abschloss: „Es ist bedauerlich, dass diese Traditionen von Freundschaft und gegenseitiger Hilfe nun durch Gewinnsucht und eine feige Mehrgleisigkeit zunichtegemacht werden.“„Gute“ Gespräche zwischen Vučić und SelenskyjDass Vučić Selenskyj wohl bald empfangen wird, ist zumindest indirekt auch eine Belgrader Botschaft an Putin zum Verlauf von dessen Krieg in der Ukraine. Stünde die russische Armee vor einem Durchmarsch nach Kiew, würde der außenpolitisch stets vorsichtig (seine Gegner würden sagen: unaufrichtig) agierende Vučić solch einen Schritt sicher nicht wagen. So aber signalisiert auch Belgrad dem Kreml: Für uns bleiben Selenskyj und die Ukraine ein Faktor.Das ist allerdings auch kein ganz neues Signal aus Serbien. Es gab schon mehrere öffentliche Begegnungen und Gespräche zwischen Vučić und Selenskyj sowie dem Vernehmen nach auch einige weitere, von denen die Öffentlichkeit nichts erfuhr. Bekannt ist, dass die beiden Präsidenten sich im August 2023 bei einem informellen Regionalgipfel in Athen zu einem Gespräch unter vier Augen trafen. Sie berichteten später gleichlautend von „guten“ und „offenen“ Gesprächen. Vučić hob zudem hervor, dass die Ukraine das Kosovo nicht anerkennt.Tatsächlich gehörte die Ukraine schon vor dem Verlust der Krim im Jahr 2014 zur Minderheit europäischer Staaten, für die das Kosovo weiterhin eine Provinz Serbiens ist. Die Tatsache, dass Kiew die kosovarische Unabhängigkeitserklärung von 2008 nie anerkannt hat, ist in Serbien allerdings kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Sie hat auch deshalb nicht das gleiche Gewicht wie die russische Nichtanerkennung, weil sie nicht wie im Falle Russlands durch ein Veto im UN-Sicherheitsrat gedeckt ist.Im vergangenen Jahr kam es zu mehreren Gesprächen zwischen Vučić und Selenskyj: Zunächst im Januar beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, dann im Juni, als Vučićs erster Besuch als Präsident in der Ukraine folgte – nicht nur der erste seit Kriegsbeginn, sondern überhaupt. Anlass war der Ukraine-Südosteuropa-Gipfel in Odessa. In der Schwarzmeerstadt dankte Vučić zunächst den Gastgebern, dass sie keine Repräsentanten des Kosovos eingeladen hatten, was „eine große Geste“ Kiews sei, für die Serbien dankbar sein müsse. Zudem bot Vučić serbische Unterstützung beim Wiederaufbau ukrainischer Städte an.Allerdings weigerte er sich, eine Gipfelerklärung zu unterschreiben, die nicht nur Russlands Angriffskrieg verdammte, sondern auch den vollständigen Rückzug russischer Truppen aus der Ukraine zu einer unverhandelbaren Bedingung für einen Friedensschluss erklärte und einen ukrainischen NATO-Beitritt forderte. Zu dem erwähnten zweiten Angriff durch den russischen Geheimdienst kam es wenige Tage später dennoch.Im November teilten die beiden Präsidenten nach einem Telefonat mit, sie hätten sich auf „gegenseitige Unterstützung“ und „offene Kommunikationskanäle“ geeinigt. Selenskyj teilte zudem mit, man habe auch darüber gesprochen, wie die beiden Länder sich bei der Annäherung an die EU unterstützen könnten.Zumindest auf serbischer Seite existiert dazu eine Idee, für die Vučić Ende Februar bereits in einem gemeinsamen Gastbeitrag in der F.A.Z. mit dem albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama warb: Darin plädierten die beiden Politiker für eine beschleunigte Integration von EU-Kandidatenländern, die die nötigen Reformen abgeschlossen haben, in den europäischen Binnenmarkt sowie den Schengenraum. Allerdings hat Selenskyj bisher nicht erkennen lassen, dass er diesem Vorschlag, der einen späteren EU-Beitritt nicht ausschließt, etwas abgewinnen kann.