Vor einer Woche stellte Moritz Wesemann ein herrliches Video auf seine Instagram-Seite, der 56 000 Menschen folgen, was nicht wenige sind im Wasserspringen. Zu den Klängen von „O la la l’amour“ von Julio Iglesias saß Wesemann da im Zug Richtung Paris, er trug eine rote Baskenmütze und einen schwarzen (aufgeklebten) Schnauzbart. Der 24-Jährige breitete ein Gedeck vor sich aus, mit Camembert, Rotwein, Café au Lait, herzhaft biss er in sein Croissant. Dazu schrieb er: „Liberté, égalité, better scores-ité“, Freiheit, Gleichheit – aber bitteschön sollen nun auch die Ergebnisse besser werden. Und sie wurden es.Denn eine Woche später reiste Wesemann als Doppel-Europameister wieder aus Paris nach Berlin zurück. Und das mit der höchsten Punktzahl, die er je bei einem internationalen Wettbewerb erreicht hat. Nach seinem Sieg vom Einmeterbrett am Samstag gewann Wesemann am Mittwoch auch den Wettbewerb vom Dreimeterbrett. Seinen letzten Sprung, einen höchst anspruchsvollen zweieinhalbfachen Vorwärtssalto mit drei Schrauben, zauberte er im Centre Aquatique Olympique fehlerlos ins Wasser. Mit 506,80 Punkten hielt er den Franzosen Jules Bouyer mehr als 22 Zähler auf Abstand. Dritter wurde der Brite Jordan Holden, der lange Zeit in Führung gelegen hatte, dann aber ausgerechnet seinen letzten Sprung verpatzte.Wellbrocks zweites Gold im Freiwasser:„Ich habe keine Erklärung dafür“Florian Wellbrock musste im Saisonverlauf bisweilen mit den Frauen trainieren, „weil ich für die Jungs einfach zu langsam war“, sagt er. Nun gewinnt der 29-Jährige bei der Schwimm-EM in Paris seine zweite Goldmedaille.„Ich bin unfassbar glücklich, das erste Mal über 500 Punkte international, was auch die Schwelle ist, wo es in die Weltspitze geht“, sagte Wesemann: „Das gibt mir super viel mit für die nächsten zwei Jahre Richtung LA 2028.“ Bei den Sommerspielen werden vor allem die alles dominierenden Springer aus China die großen Konkurrenten Wesemanns sein, der als Nachfolger des 2022 zurückgetretenen Weltmeisters und 17-maligen Europameisters Patrick Hausding gilt.Dabei verfolgt er einen für Spitzensportler völlig untypischen Weg als Kosmopolit. Wesemann war zuletzt anderthalb Jahre in Los Angeles, um sein Masterstudium in Computerwissenschaften zu beenden. Er schloss es dann online ab, weil er die meiste Zeit in Montreal verbrachte, bei seiner Freundin, der kanadischen Wasserspringerin Katelyn Fung.„Ich bin ein komischer Sportler, weil meine Beweglichkeit sehr schlecht ist. Man fragt sich, wie kann der Wasserspringer sein?“In Montreal hat sich Wesemann einer kanadischen Trainingsgruppe von Brettspringern angeschlossen, die von einem ehemaligen Jugendcoach trainiert wird. „Er ist sehr, sehr technisch, hat ein sehr gutes Auge fürs Detail“, sagt Wesemann. Und er versucht, Wesemann noch beweglicher zu machen. Denn das ist vielleicht seine größte Schwäche. „Ich bin ein komischer Sportler, weil meine Beweglichkeit sehr schlecht ist. Sie wird besser, ich arbeite sehr daran, aber von außen guckt man sich das schon an und fragt sich, wie kann der Wasserspringer sein?“Wesemann ist aber nicht nur in Montreal zu Hause, sondern er pendelt eigentlich andauernd nach Berlin. Ein paar Wochen hier, ein paar Wochen dort, es ist ein Nomadenleben. In Berlin war er beispielsweise in den vergangenen beiden Monaten, um sich auf die EM vorzubereiten. Am dortigen Olympiastützpunkt, der einen hervorragenden Ruf genießt, arbeitet Bundestrainer Christoph Bohm mit Wesemann zusammen. So versucht der Sportler des SV Halle, das Beste aus zwei Welten zu vereinen. Und offenbar gelingt ihm das sehr gut. „Ich glaube, dass mir die verschiedenen Trainingsumfelder, die verschiedenen Techniken, die mir die Trainer beibringen, sehr geholfen haben. Ich konnte das rausnehmen, was individuell bei mir funktioniert.“Mit der Musik ist es ähnlich, mal hört Wesemann zur Einstimmung auf seine Sprünge Deutsch-Rap, mal Ariana Grande, mal K-Pop, mal Klassik. „Jetzt waren es Girl-Pop-Hits“, sagte Wesemann nach seinem Goldwettkampf am Mittwoch.Am Donnerstag fuhr er bereits wieder zurück in die eine Heimat, also nach Berlin, mit allerdings schmerzhaften Aussichten. Am Freitag stand eine Weisheitszahn-Operation bei ihm auf dem Programm, danach immerhin eine Woche Erholung bei seiner Familie. Und dann wieder Montreal, in diesem rastlosen Leben.
Gold-Wasserspringer Moritz Wesemann: Der Pendler zwischen den Welten
Moritz Wesemann gewinnt sein zweites EM-Gold, das gibt Selbstvertrauen Richtung Olympia. Dabei verfolgt der Wasserspringer einen für Spitzensportler völlig untypischen Weg.










