Am Flughafen Leipzig ist es nur wegen glücklicher Fügungen nicht zu einem Anschlag durch eine Bombendrohne gekommen – aber welche Personen oder staatlichen Akteure haben die Fähigkeiten, so einen potentiell verheerenden Anschlag unentdeckt vorzubereiten? Und könnten sie es wieder versuchen?Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) äußerte sich in seinem ersten Statement nach der Tat am Mittwochabend zurückhaltend und abstrakt. Einige Sicherheitspolitiker werden wesentlich deutlicher und machen klar, wen sie hinter dem versuchten Anschlag vermuten.„Es ist vollkommen naheliegend, dass Russland hinter dem Angriff auf den Leipziger Flughafen steckt“, sagt der Grünen-Politiker Konstantin von Notz der F.A.Z. Die Drohne sei schließlich ganz in der Nähe von ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, war eine Maschine mit Munition beladen. Insgesamt passe das Muster des Angriffs zu Moskau, argumentiert von Notz – eine oder mehrere Drohnen, ein Angriff auf kritische Infrastruktur, mit Sprengstoffarten, die eher staatlichen Akteuren zur Verfügung stehen dürften. Der stellvertretende Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums kritisiert den Innenminister scharf dafür, dass er während der Pressekonferenz am Leipziger Flughafen am Mittwochabend so unscharf blieb. „Es ist ein Fehler, dass Dobrindt das nicht klar benennt. So ermutigt man die Russen nur.“Gibt es eindeutige Hinweise?Warum hat sich Dobrindt so zurückgehalten? Schließlich ist er auch sonst nicht zimperlich, wenn es um die Beschreibung der Bedrohungslage in Deutschland geht. Erst vor gut einem halben Jahr warnte Dobrindt im Interview mit der Deutschen Welle wieder einmal davor, dass Russland Deutschland destabilisieren wolle. „Ich gehe davon aus, dass wir auch in den nächsten Monaten mit vermehrten Attacken im Bereich der Cyberangriffe, aber beispielsweise auch im Bereich der Drohnensicherung und Sichtungen der hybriden Bedrohungen insgesamt rechnen müssen.“Konstantin von Notz (Grüne)dpaNun kam es zu genau so einer Attacke – aber von Russland oder Putin sprach Dobrindt nicht. Das liegt daran, dass die bislang öffentlichen Hinweise noch nicht eindeutig Russland zugeordnet werden können. Außerdem muss Dobrindt seine Worte gut abwägen. Das dürfte der Grund sein für sein vorsichtiges Statement vom Mittwochabend, in dem aber einige Hinweise steckten.So sprach der Innenminister von einem „hybriden Anschlagsszenario“. Diese Kategorie an Angriffen auf Deutschland gibt es im Grunde erst seit der Vollinvasion der Ukraine durch Russland im Jahr 2022. Inzwischen ist etwa auch Iran mit hybriden Aktionen, also solchen, die noch unter der Schwelle von Kriegshandlungen liegen, in Deutschland aktiv, aber in den allermeisten Fällen beschreiben Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste damit Aktionen Russlands. Dobrindt hatte nicht zuletzt wegen der vielen hybriden Angriffe kürzlich die Sicherheitslage in Deutschland hochgestuft – von abstrakt zu hoch. Am Mittwoch sprach er in Bezug auf den Vorfall in Leipzig von einer „neuen Gefahrenqualität“.Als Dobrindt nach den Tätern gefragt wurde, sprach er außerdem von „fremden Mächten“, die professionell vorgegangen seien. Das deutet auf einen staatlichen Akteur hin, nicht auf eine Extremistengruppe. Nun liegt es in der Natur hybrider Angriffe, dass sie meist nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit einem Täter oder einem Staat zugeordnet werden können. Das liegt auch daran, dass Russland etwa bei seinen hybriden Angriffen nachgewiesenermaßen mit sogenannten Wegwerfagenten arbeitet. Das sind Personen, die zum Teil gar nicht wissen, dass Putins Regime hinter einem Plan steckt; sie führen den Auftrag gegen Bezahlung schlicht aus.De Maizières prägender SatzNachrichtendienste nähern sich in der Regel also nur über Hinweise, Indizien und Wahrscheinlichkeiten dem Verursacher hybrider Angriffe. Gerade die deutschen Dienste sind vorsichtig bei der sogenannten Attribuierung, oft wird erst Monate oder Jahre später öffentlich bekannt gegeben, wem sie eine Aktion zurechnen.Konkret wird es derzeit in Litauen, wo mehreren Personen der Prozess gemacht wird. Sie sollen vor zwei Jahren am Flughafen Leipzig ein Paket mit einer Sprengvorrichtung aufgegeben haben. Nur wegen einer Verspätung des Flugzeugs ging das Paket schon am Boden in Flammen auf. Die Ermittler in Litauen gehen davon aus, dass die angeklagten Personen Verbindungen zum russischen Geheimdienst haben. Gleichwohl bleibt die Beweisführung schwierig. Wie etwa auch bei einem Transportcontainer von DHL, der auf dem Vorfeld des Leipziger Flughafens vor einiger Zeit in Brand geraten ist. Oder bei etlichen Drohnen, die zu Spionagezwecken über anderen Flughäfen und Kraftwerken in den vergangenen Monaten unterwegs waren.Im politischen Berlin meinen manche, in Dobrindts Zurückhaltung weniger den Innenminister zu erkennen, sondern eine Strategie seines Hauses. Im Innenministerium herrsche eine Einstellung vor, die der frühere Minister Thomas de Maizière im Zusammenhang mit einem geplanten Anschlag mal so zusammengefasst hatte: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Das aber muss immer wieder abgewogen werden, mit dem Willen der Bundesregierung, die Bevölkerung vor der Gefahr vor allem durch Russland zu warnen.Ein Angriff auf Deutschland?Am Donnerstag um 13 Uhr wurden die Obleute des Innen- und Verteidigungsausschusses des Bundestags von den Sicherheitsbehörden über den Stand der Ermittlungen informiert. Die Grünen wollten vom Minister wissen, warum es seit Jahren immer wieder Vorfälle gibt – auch wenn sie in der Regel harmloser sind als der nun in Leipzig – und kaum etwas dagegen getan werden kann. So versuchen etwa immer wieder Agenten, die sich zum Beispiel als Mitarbeiter einer Prüfstelle ausgeben, unbefugt Zutritt zu kritischer Infrastruktur zu erlangen, etwa zu Kraftwerken. „Wir Grüne werden den Druck auf die Bundesregierung erhöhen, den massiven und zunehmenden hybriden Angriffen gegen Deutschland endlich etwas entgegenzusetzen“, sagt von Notz der F.A.Z.Auch stellt sich die Frage, ob der Nationale Sicherheitsrat schon mit dem Vorfall befasst worden ist. Die Treffen des geheimen Gremiums werden erst im Nachhinein vom Kanzleramt bekannt gemacht.Dobrindt und sein Haus müssen bei ihrer Kommunikation auch abwägen, welche Folgen diese hat. Angenommen, Dobrindt würde die Bombendrohnen-Attacke Russland klar zuordnen, dann stellte sich sofort die Frage, ob das nicht ein Angriff auf Deutschland wäre, der die Schwelle eines hybriden Angriffs überschreiten würde, gar ein NATO-Bündnisfall nach Artikel 5. Das wäre nochmal eine ganz neue Gefahrenqualität.