Der Hype um die humanoiden Roboter ist riesig. Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Februar zum Staatsbesuch nach China reiste, führten dort zwei Robotermenschen des chinesischen Technologieunternehmens Unitree einen Boxkampf für den Gast aus Deutschland auf. Auf der Industriemesse in Hannover im April zählten die von Künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerten menschenähnlichen Roboter zu den Stars.Sie könnten, so die Hoffnung, in einigen Jahren in Scharen Fabriken bevölkern und so für einen Produktivitätsschub in der Industrie sorgen. Längerfristig sollen sie auch in der Kranken- und Altenpflege mit anpacken und in Privathaushalten als Allzweckhelfer zum Beispiel die Spülmaschine ein- und ausräumen.

Führend bei der Entwicklung humanoider Roboter sind bislang Unternehmen aus China und den USA. Europa versucht aufzuholen. Im Juni gab das Start-up Neura Robotics aus dem schwäbischen Metzingen eine Rekordfinanzierungsrunde von bis zu 1,4 Milliarden Dollar bekannt. Zu den Geldgebern von Neura zählten unter anderen die US-Technologiekonzerne Amazon und Qualcomm sowie deutsche Industrieunternehmen wie Bosch und Schaeffler.Im BMW-Werk Leipzig: Ein humanoider Roboter der Firma Hexagon zeigt Anwendungsbeispiele.Christoph Busse/BMW AGEin anderes Unternehmen, das in Europa zu den Vorreitern bei humanoiden Robotern zählt, ist in Deutschland dagegen bislang fast unbekannt. Dabei ist Hexagon Robotics aus der Schweiz eine der spannendsten Adressen der Branche.Vor allem ein wichtiger Punkt unterscheidet Hexagon von vielen Wettbewerbern: Anders als Start-ups wie Neura, das Münchner Unternehmen Agile Robots oder Humanoid aus London kann Hexagon Robotics auf jahrzehntelange Erfahrung aus der industriellen Produktionstechnik zurückgreifen. Denn der Roboterhersteller ist Teil des schwedischen Unternehmens Hexagon AB, das Sensorik, Messtechnik und Software für die Industrieproduktion herstellt und dessen Produkte schon heute in Fabriken auf der ganzen Welt zu finden sind. Auf dieses Know-how und die Kundenbeziehungen kann Hexagon in seinem jungen Geschäft mit humanoiden Robotern aufbauen. Ein strategisch wichtiger Vorteil gegenüber Start-ups.BMW setzt auf die Roboter von HexagonEines der ambitioniertesten Projekte für den Fabrikeinsatz von Robotermenschen läuft derzeit im Leipziger Werk von BMW an – und der Autobauer nutzt dafür humanoide Roboter von Hexagon. In dem sächsischen BMW-Werk sollen sie bei der Herstellung von Batterien und Kunststoffkomponenten mithelfen. BMW hat sich viel vorgenommen: Schon in wenigen Jahren sollen Tausende von menschenähnlichen Robotern in den Fabriken des Autokonzerns im Einsatz sein.BMW nennt die humanoiden Roboter einen „Gamechanger“. Sie sollen einen großen Fortschritt in der Automatisierung der Industrieproduktion bringen – und damit helfen, in schwierigen Zeiten die Zukunft europäischer Fabriken abzusichern. Die humanoiden Roboter sind Teil der sogenannten „physischen KI“. Anders als Chatbots wie ChatGPT und Claude können sie nicht nur denken und Fragen beantworten, sondern auch eigenständig in der realen Welt agieren, Gegenstände bewegen und manuelle Tätigkeiten ausführen.Die Roboter, auf die BMW in Leipzig setzt, stammen nicht von Neura Robotics, Agile Robots oder Humanoid und auch nicht von US-Unternehmen wie Figure und Apptronik oder chinesischen Wettbewerbern wie Ubtech oder Unitree – sondern eben von Hexagon Robotics. Aeon heißt der Robotermensch, ein Kunstwort, abgeleitet von Aión, dem griechischen Wort für Ewigkeit. „Humanoide Roboter nahtlos in die komplexen Produktionsprozesse einer Fabrik zu integrieren, ist schwierig. Hexagon kennt sich damit bestens aus“, sagt Michael Ströbel, Leiter Prozesstechnik und Automatisierung bei BMW.Schweizer wollen mit Industrieerfahrung punktenDie Industrieerfahrung hebt im Gespräch mit der F.A.S. auch Arnaud Robert, der Chef von Hexagon Robotics, hervor. „40.000 Industrieunternehmen nutzen die Technologie unseres Mutterunternehmens Hexagon, das ist für uns sehr gut“, sagt er. Das Geschäft der schwedischen Muttergesellschaft mit Sensorik und Messtechnik diene nicht nur bei BMW als Türöffner für die humanoiden Roboter, an denen die Tochterfirma aus Zürich arbeitet.Ein weiterer Partner von Hexagon ist der fränkische Familienkonzern Schaeffler, einer der führenden europäischen Autozulieferer. Schaeffler hat in Europa, Asien und den USA eine ganze Reihe von Bündnissen mit Herstellern humanoider Roboter geschlossen, darunter auch Neura Robotics. An Hexagon findet Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld, ähnlich wie der BMW-Manager Ströbel, das Industrie-Know-how interessant. „Hexagon kommt aus der Anwendung in der Fabrik und hat viel Erfahrung mit der Automatisierung von Produktionsprozessen. Das ist sehr hilfreich“, sagt Rosenfeld.Auch Autozulieferer Schaeffler ist Kunde – und Lieferant von HexagonSchaeffler hat im April mit Hexagon vereinbart, in den kommenden sieben Jahren rund 1000 humanoide Roboter in seinem globalen Produktionsnetzwerk einzusetzen. Rosenfeld hofft auf eine „Win-win-Situation“. Denn Schaeffler ist nicht nur Kunde von Hexagon Robotics, sondern auch Lieferant von Bauteilen für die Roboter.Ein großer Anteil der Wertschöpfung bei humanoiden Robotern entfällt nach einer Studie des Fraunhofer-IPA-Instituts nämlich nicht auf die KI, sondern auf ihre komplexe Hardware wie Antriebe und Gelenke. Das macht sie für den Industriehersteller Schaeffler, dessen Kerngeschäft in der Autobranche stark unter Druck steht, zu einem Hoffnungsträger für die Zukunft.Bislang stehen die humanoiden Roboter allerdings noch ganz am Anfang. Hexagon Robotics habe vor knapp drei Jahren mit der Entwicklung begonnen, berichtet Arnaud Robert. Vorgestellt wurde der Aeon-Robotermensch im Juni 2025. Mittlerweile wurden nach Angaben von Robert 50 Vorserienmodelle hergestellt. Nächstes Jahr wolle sein Unternehmen eine mittlere dreistellige Zahl produzieren, sagt er.Auffällig ist, dass Hexagon mit einem relativ kleinen Budget agiert, damit im Branchenvergleich aber schon recht weit gekommen ist. Von Milliardeninvestitionen wie beim schwäbischen Wettbewerber Neura Robotics ist in der Schweiz bislang nicht die Rede. Auf einem Kapitalmarkttag im Frühjahr kündigte Hexagon für 2026 Investitionen von 50 Millionen Euro in die Robotersparte an. Bis Jahresende will Robert die Mitarbeiterzahl von Hexagon Robotics von 130 auf rund 200 ausbauen. Auch das sind im Vergleich zur Konkurrenz überschaubare Zahlen.Zwei Besonderheiten unterscheiden Hexagons Aeon-Roboter von den meisten anderen humanoiden Robotern: Er bewegt sich nicht auf menschenähnlichen Beinen, sondern auf Rollen. Damit sei er voraussichtlich schneller und benötige vor allem weniger Strom, was längere Einsatzzeiten ermögliche, sagt BMW-Mann Ströbel. Der zweite Unterschied zur Konkurrenz: Der Aeon kann seinen Akku selbsttätig austauschen, wenn er leer ist. Lange Standzeiten für das Nachladen, wie bei anderen humanoiden Robotern, entfallen. Auch das sieht BMW als wichtigen Vorteil.In der Fabrik des Autoherstellers in Leipzig kommt zunächst nur eine Handvoll Aeon-Roboter zum Einsatz. Im Werk und im Labor von Hexagon Robotics in Zürich müssen Menschen der Roboter-KI Zug um Zug die nötigen Handgriffe beibringen. Nächstes Jahr will BMW das Werk in Leipzig bereits mit mehreren Dutzend Aeon-Robotern bestücken. „Danach soll ihr Einsatz exponentiell wachsen, das ist unser Ziel“, sagt der Automatisierungsexperte Ströbel.