Götz Aly hat als Historiker und Publizist die Erforschung und Vermittlung des Nationalsozialismus auch außerhalb des akademischen Betriebs nachhaltig geprägt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch intensive Quellenarbeit und eigenständige Fragestellungen aus. Mit dem Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ (F.A.Z. vom 21. August 2025) veröffentlichte er 2025 nach eigener Aussage die Summe seiner Forschungen zum Themenkomplex.Die begleitenden Interviews kreisten naturgemäß um die Frage, welche Lehren sich aus der Geschichte für die Gegenwart ziehen lassen. Insbesondere ging es um den Aufstieg der AfD und mögliche Parallelen zur NSDAP. Von Historikern erwartet man keine politischen Prognosen. Wohl aber darf man annehmen, dass historische Forschung den Blick für langfristige Entwicklungen, Kontinuitäten und Eskalationsdynamiken schärft. Friedrich Schiller beschrieb den Erkenntnisgewinn der Geschichte als Erweiterung des Blicks über die „dumpfe Geschäftigkeit des Augenblicks“ hinaus.Die Vorgeschichte muss vergleichbar bleibenIm „Spiegel“ vom 22. August 2025 warnte Aly jedoch vor überzogenen Analogien: „Wir stehen hier nicht kurz vor 1933. Derartigen Alarmismus halte ich für falsch.“ Diese Aussage verweist auf ein grundsätzliches Problem historischer Vergleiche. Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Er dient dazu, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar zu machen. Die Singularität des Holocaust steht einer solchen Methode nicht entgegen; sie verbietet lediglich vereinfachende Analogien. Gerade die Vorgeschichte totalitärer Entwicklungen muss vergleichbar bleiben, wenn historische Erkenntnis einen Beitrag zur politischen Urteilsbildung leisten soll.Niemand behauptet ernsthaft, Deutschland stehe unmittelbar vor einer Wiedererrichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Plausibler erscheint die schrittweise Erosion rechtsstaatlicher Strukturen: eine Schwächung der Gewaltenteilung, politischer Druck auf Justiz und Medien sowie eine zunehmende Konzentration staatlicher Macht. Solche Entwicklungen vollziehen sich selten abrupt, sondern in Etappen. Gerade diese Prozesshaftigkeit gehört zu den klassischen Erkenntnissen der historischen Forschung.„Heute fordert die AfD nicht nur phantastische Rentenerhöhungen. In Sachsen-Anhalt verspricht sie, dass das Schulessen kostenlos sein wird, ebenso der Kindergarten. Wer soll das alles bezahlen?“ Als Historiker von „Hitlers Volksstaat“ bestreitet Götz Aly die Ähnlichkeiten nicht.Sophie KirchnerVor diesem Hintergrund erklärte Aly im August 2025 mit moralischem Unterton gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Ich finde es nicht in Ordnung, die AfD in die Nähe der NSDAP zu rücken.“ Zwar sehe er völkische und rechtsradikale Strömungen innerhalb der Partei, Begriffe wie „Nazis“ oder „Faschisten“ hielten einer historischen Prüfung jedoch nicht stand. Ein Parteiverbot lehnte er ab und plädierte dafür, mit Wählern und Mitgliedern der AfD „so lange reden, wie es einigermaßen sinnvoll ist“. Der „taz“ erzählte er im Januar 2026, dass er 2024 im Kontext einer Lesung in Pirna das Gespräch mit dem als Kandidat der AfD gewählten Oberbürgermeister Tim Lochner gesucht habe. „Einer muss doch versuchen, das Eis zu brechen.“ Im selben Interview sagte er: „Frau Weidel und Herr Chrupalla sind keine Nachfolger Hitlers.“ Dem „Focus“ hatte er einen Monat zuvor dasselbe gesagt: „Die AfD ist keine Nachfolgepartei der NSDAP.“Das Wachkitzeln von MordphantasienInzwischen hat Aly seine Position revidiert. Es ist für ihn jetzt doch in Ordnung oder sogar geboten, ein Näheverhältnis von AfD und NSDAP festzustellen. Der Auslöser war die AfD-Wahlveranstaltung am 14. Juli in Dessau-Roßlau, auf der der Kabarettist Uwe Steimle über Bundeskanzler Merz redete und den Namen Stauffenberg fallen ließ. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S. vom 26. Juli) erklärte Aly, das Wechselspiel zwischen Redner und Publikum, die verächtliche Herabwürdigung politischer Gegner sowie das „Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien“ erinnerten ihn an die rhetorischen Techniken von Hitler und Goebbels. Er fügte hinzu: „Bisher habe ich ein AfD-Verbot abgelehnt. Seit dieser Wahlveranstaltung beginnt sich meine Meinung merklich zu ändern.“Ein Kippmoment in der zeithistorischen Urteilsbildung Götz Alys: die AfD-Wahlveranstaltung mit Tino Chrupalla und Uwe Steimle am 14. Juli 2026 in Dessau-RoßlaudpaDiese Neubewertung verdient Aufmerksamkeit. Ein Parteiverbotsverfahren ist zwar in erster Linie eine verfassungsrechtliche Frage, setzt politisch jedoch die Bereitschaft voraus, einen solchen Schritt überhaupt einzuleiten. Dabei spielen Einschätzungen ausgewiesener Fachleute eine erhebliche Rolle. Wenn einer der bekanntesten deutschen Nationalsozialismus-Forscher seine Position korrigiert, bleibt dies für die politische Debatte nicht folgenlos.Gerade deshalb drängt sich die Frage auf, worauf der Meinungswandel beruht. Die umfangreichen Dokumentationen des Verfassungsschutzes, die auch die ideologischen Bezüge führender AfD-Vertreter zum Nationalsozialismus erfassen, lagen seit Jahren vor. Bereits 2017 strengte die AfD selbst ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke mit dem Hinweis auf dessen „übergroße Nähe zum Nationalsozialismus“ an. Neu ist weniger das verfügbare Material als dessen Bewertung.Sollte Aly seine neue Einschätzung dauerhaft vertreten, wäre zu erwarten, dass er sie ebenso öffentlich erläutert wie zuvor seine skeptische Haltung gegenüber einem Parteiverbot. Denn gerade Stimmen seines wissenschaftlichen Gewichts prägen die politische Debatte. Wer lange vor historischen Analogien gewarnt hat und nun selbst einen Vergleich für geboten hält, schuldet der Öffentlichkeit eine Begründung, die über den Anlass einer einzelnen Veranstaltung hinausreicht.