Wenn am Samstagnachmittag die ersten Takte in der Klosterruine Chorin erklingen, geht es geografisch weit nach Nordosten: nach Polen und nach Finnland. Das zweite EuropaKonzert dieses Sommers bestreitet das Sinfonieorchester der Stettiner Philharmonie unter seinem Generaldirektor und künstlerischen Leiter Przemysław Neumann – für die Stettiner bereits das neunte Gastspiel in Chorin.Im Mittelpunkt steht ein Komponist, den hierzulande kaum jemand kennt und der in Polen zum Kanon gehört: Mieczysław Karłowicz, einer der wichtigsten Vertreter der frühen polnischen Moderne, Namenspatron der Stettiner Philharmonie und mit 32 Jahren bei einem Lawinenabgang in der Hohen Tatra ums Leben gekommen. Seine Musik trägt spätromantische Züge, hörbar geprägt von Wagner, Richard Strauss und Tschaikowsky.Den Auftakt macht die Serenade C-Dur op. 2 für Streichorchester, ein Frühwerk in vier Sätzen – Marsch, Romanze, Walzer, Finale. Die Anlage erinnert an die damals beliebten Serenaden von Mozart, Volkmann, Tschaikowsky oder Dvořák, doch schon hier ist jene weiträumige Lyrik zu hören, die Karłowicz' Handschrift ausmacht.

Deutlich persönlicher wird es mit der dreiteiligen Symphonischen Dichtung „Ewige Lieder“ op. 10, dem wohl intimsten Werk des Komponisten. Nach der Pause folgt Jean Sibelius' 2. Symphonie D-Dur op. 43, die populärste seiner sieben Sinfonien. Sibelius nannte sie sein aufrichtigstes musikalisches Bekenntnis und widmete sie seiner Heimat.Dass ausgerechnet ein polnisches Orchester diese Werke in einer märkischen Klosterruine spielt, ist Programm. Seit 2013 gehören die Stettiner zu den festen Gästen des Festivals, seit 2019 kommen sie jährlich. Die Oder soll dabei nicht als Grenze erscheinen, sondern als Verbindung – und im Gepäck haben die polnischen Ensembles neben dem klassischen Kernrepertoire stets Werke polnischer Komponisten. Verstehen durch Kennenlernen, so lautet die Idee, die im Konzertprogramm des Choriner Musiksommers seit dessen Anfängen verankert ist.Der reicht bis 1964 zurück, als in den Ruinen der ehemaligen Zisterzienserabtei die ersten Konzerte stattfanden. Erhalten geblieben ist die Kulisse den Bemühungen Karl Friedrich Schinkels zu verdanken.2. Choriner EuropaKonzert, Samstag, 8. August 2026, 15 Uhr, Kloster Chorin. Karten über die Festival-Website choriner-musiksommer.de.