Das legendäre Berliner Luxushotel Adlon soll verkauft werdenDer deutsche Kaiser Wilhelm II. liebte das «Adlon», später übernachteten dort Charlie Chaplin und Barack Obama. Rückblick auf einen geschichtsträchtigen Ort.06.08.2026, 06.43 Uhr4 LeseminutenDas Hotel Adlon beim Brandenburger Tor soll verkauft werden.Mario Hommes / GettyWenige Orte sind so sehr mit Luxus und Prominenz verknüpft wie das Hotel Adlon am Pariser Platz in Berlin. Vor dem Ersten Weltkrieg übernachteten hier Könige, in der Weimarer Republik wurden die Logen von amerikanischen Filmstars gebucht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis heute gilt das «Adlon» als Treffpunkt der internationalen Oberschicht. In unmittelbarer Nachbarschaft liegen das Brandenburger Tor, das Reichstagsgebäude, Botschaften und Ministerien. Ein Zimmer in der Royal Suite kostet laut der «Bild»-Zeitung 26 000 Euro pro Nacht, sie gilt als eines der teuersten Hotelzimmer Deutschlands. Den Gästen stehen dafür ein Marmorbad, eine Sauna und rund um die Uhr ein Butler zur Verfügung. Das Teppichmuster im Ballsaal des «Adlon» ist dem Parkett von Schloss Versailles nachempfunden, die Currywurst wird mit Blattgoldstreuseln serviert.Nun steht das «Adlon» seit einigen Tagen in den Schlagzeilen. Die Verwaltung des Eigentümerfonds strebt einen Verkauf des Luxushotels zum Mindestpreis von 280 Millionen Euro an, wie am Dienstag, dem 4. August, über Medienberichte bekannt wurde. Die Immobilie gehört einem von der Jagdfeld-Gruppe verwalteten Fonds mit rund 4000 Anlegern. Viele von ihnen seien «in einem Lebensalter, in dem sie sich von ihren Anteilen trennen wollen», sagte Christian Plöger, Sprecher der Jagdfeld-Gruppe, dem «Handelsblatt».Dass das «Adlon» wegen seiner alternden Eigentümerschaft zum Verkauf steht, passt in die Zeit. Jede fünfte Person in der Bundesrepublik ist älter als 66 Jahre. Dass selbst der mögliche Besitzerwechsel etwas über das Land erzählt, ist nur konsequent. In kaum einem anderen Ort spiegelt sich die deutsche Geschichte so klar wider wie im «Adlon».Das Hotel Adlon in Berlin war während der Weimarer Republik auf beiden Seiten des Atlantiks für die kosmopolitische Atmosphäre bekannt.BettmannEin Festbankett am 4. Mai 1914 in Anwesenheit des amerikanischen Botschafters.Paul Thompson / FPG / GettyWarmwasser-SensationDas «Adlon» wurde 1907 in Betrieb genommen. Das Deutsche Reich befand sich im Aufbruch. Seit der Reichsgründung 1871 hatte sich die industrielle Produktion verfünffacht, um die Jahrhundertwende überholte Deutschland punkto Wirtschaftskraft Grossbritannien. Berlin erlebte ein explosives Bevölkerungswachstum: Im Jahr 1900 lebten 1,9 Millionen Menschen in der Stadt, fast die Hälfte war zugewandert.Für Aufsteiger wie Lorenz Adlon handelte es sich um eine Zeit voller Möglichkeiten. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, wurde als Sohn eines Schuhmachers und einer Hebamme in Mainz geboren. Das Hotel Adlon errichtete er, nachdem er sich in Berlin zuvor einen Namen als Betreiber von luxuriösen Restaurants gemacht hatte.Das «Adlon» galt bei der Eröffnung als modernstes Hotel der Stadt. Die Sensation: In den Gästezimmern gab es fliessendes warmes Wasser. Kaiser Wilhelm II. zeigte sich von dieser Innovation so begeistert, dass er persönlich die Wassertemperaturen testete, wie in einer Dokumentation des WDR erzählt wird. Internationalen Gästen riet der Kaiser, im «Adlon» statt in den kaiserlichen Gästezimmern zu übernachten. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg empfing das Hotel den britischen König und den russischen Zaren als Gast.Lorenz Adlon selbst war treuer Royalist, er nahm den Reichsapfel sogar in sein Familienwappen auf. Dass der Kaiser um 1918 nach der Kriegsniederlage abdanken musste, konnte er nicht akzeptieren. Die psychische Gesundheit des fast 70-Jährigen verschlechterte sich massiv. In geistiger Umnachtung wartete er jeden Tag vor dem Brandenburger Tor – das bis 1918 nur vom Kaiser befahren werden durfte – auf die Rückkehr von Wilhelm II. Kurz nach dem Krieg wurde er dort von einem Auto überfahren.Die Schauspieler Marlene Dietrich und Charlie Chaplin bei einem Gespräch im «Adlon» im Jahr 1931.APRussische Soldaten zerstörten im Siegestaumel von 1945 grosse Teile des «Adlon».Hulton Archive / GettyFeuer und EnteignungDas Hotel ging 1921 von Lorenz in die Hände seines Sohns Louis Adlon über – und florierte. Die Kundschaft hatte sich nach dem Weltkrieg verändert. Statt Könige und deutsche Grossbürger besuchten in den Goldenen Zwanzigern nun Künstler und reiche Amerikaner das Hotel. Schon an den Nachmittagen wurden Bälle veranstaltet, im Gästebuch finden sich die Namen von Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Albert Einstein.Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten änderte sich der Charakter des Hotels. Die Besitzer versuchten vergebens die Lebensfreude und den internationalen Glanz des Weimarer Berlins in die Nazizeit zu retten – die Anzahl ausländischer Gäste ging zurück, das Hotel verlor zunehmend an Bedeutung. Die Nazis quartierten zeitweise das Aussenpolitische Parteiamt im Gebäude ein. Anfang der 1940er Jahre traten das Besitzerehepaar Louis und Hedda Adlon in die NSDAP ein.Im Zweiten Weltkrieg wurde das «Adlon» als Lazarett genutzt, unter dem Gebäude wurden Bunker errichtet. Das Hotel überstand den Krieg und die Bombardements der Alliierten unbeschädigt. Erst nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 setzten russische Soldaten das Etablissement beim Feiern und Plündern in Flammen. Der Brand soll durch eine weggeworfene Zigarette entstanden sein.Vom «Adlon» stand nach dem Krieg nur noch ein Seitenflügel. Der Pariser Platz samt dem Hotel fiel in die sowjetische Besatzungszone. Die Adlons wurden enteignet, in der DDR quartierte sich im verbliebenen Seitenflügel ein Hotel einer staatlichen Handelsorganisation ein. Das Gebäude diente dann als Internat für Berufsschüler, bis es 1984 abgerissen wurde.Bis heute ein Begegnungsort für die Weltprominenz: Angela Merkel und Barack Obama nutzten die Räumlichkeiten des «Adlon» 2016 für Gespräche.ImagoMichael Jackson übernachtete 2002 in der Royal Suite.Jockel Finck / APNeuanfangBis zum Mauerfall schien die Geschichte des «Adlon» endgültig vorbei zu sein. Umso grösser war die Aufmerksamkeit in der Bundesrepublik, als das Fünfsternhotel nach dem Vorbild des alten Etablissements an exakt dem gleichen Ort wieder erbaut und im August 1997 eröffnet wurde.Betrieben wird das Hotel heute von der Luxushotelgruppe Kempinski. Eine exakte Kopie des alten «Adlon» ist es nicht, Architektur und Ausstattung sollen an das Erbe aber anknüpfen. Berühmte Gäste kommen immer noch: In der Royal Suite übernachteten etwa Michael Jackson oder Barack Obama. Der Vertrag mit den Betreibern läuft bis 2032. Ob sich mit dem jetzigen Verkauf des Hotels – qua Überalterung der Besitzer – im Anschluss grössere Veränderungen ergeben, ist derzeit unklar.Es wäre nicht das erste Mal, dass sich das «Adlon» neu erfindet. Und verjüngt.Heute wird das Hotel Adlon von der Luxushotelgruppe Kempinski betrieben.Jeremy Moeller / GettyPassend zum Artikel
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