Es gibt Hotels. Und es gibt das Adlon. Während sich Anwälte und Investoren gerade um 280 Millionen Euro streiten, mit denen Berlins berühmtestes Haus den Besitzer wechseln soll, lohnt sich der Blick zurück – denn kaum eine Adresse der Welt hat so viel nacktes Genie, nackten Wahnsinn und, ja, auch mal einen nackten Pelzmantel gesehen wie das Adlon am Pariser Platz.

Wer heute durch die Lobby des Adlon geht, läuft buchstäblich durch ein Jahrhundert deutscher Eitelkeiten, Skandale und Sehnsüchte. Ein Kaiser, der sein eigenes Schloss mied. Ein Mordfall, ein vereiteltes Attentat, ein fallen gelassener Pelzmantel. Eine Diva, die in Männerhosen provozierte und ihr Rührei lieber mit viel Butter aß, als Kalorien zu zählen. Ein Weltstar, der sein Baby über einen Balkon hielt – und damit einen Weltskandal auslöste.

Ein Verkauf mag über Fondsanteile und Renditen entscheiden. Über den Mythos entscheidet er nicht. Der bleibt – und der ist, mit Verlaub, herrlich schamlos.

Der Kaiser, der lieber im Hotel schlief als im Schloss

Die Geschichte beginnt 1907, mit einem Mann, der es sich eigentlich hätte leisten können, überall zu übernachten: Kaiser Wilhelm II. Der Monarch war so vernarrt in den Neubau von Hotelier Lorenz Adlon direkt am Brandenburger Tor, dass er Staatsgäste künftig lieber dort logieren ließ als in seinem eigenen Palast nebenan. 20 Millionen Goldmark, umgerechnet auf heute rund 350 Millionen Euro, hatte Adlon verbaut. Der Kaiser persönlich soll bei der Eröffnung durch die Marmorhallen spaziert sein wie ein stolzer Vater. Berlin hatte damit nicht einfach ein Luxushotel. Es hatte einen Palast für alle, die keiner waren – Hauptsache, das Bankkonto stimmte.