«Gstaad wurde musikalisch zu einem globalen Ort»: Wie Daniel Hope das Menuhin Festival in die Zukunft führen willDer berühmte Geiger wuchs quasi im Haus des grossen Humanisten und Virtuosen Yehudi Menuhin auf. Zum 70-Jahre-Jubiläum seines Festivals erinnert Hope an die familiären Anfangsjahre, will aber auch erste eigene Akzente setzen.Corina Kolbe, Gstaad06.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDaniel Hope (links) und Pinchas Zukerman musizieren im Jubiläumskonzert in Gstaad gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester.Raphael Faux / Menuhin Festival GstaadEine lebende Legende kann durchaus Ehrfurcht einflössen. Doch Pinchas Zukerman, der als Solist seit über fünfzig Jahren international gefeiert wird, lässt am Menuhin Festival keine Berührungsängste aufkommen. Vor den eindrucksvollen Fresken in der Dorfkirche von Saanen spielt er auf Augenhöhe mit dem Zürcher Kammerorchester und dessen Musikdirektor Daniel Hope. Souverän interpretiert er Mozarts G-Dur-Violinkonzert und den Bratschenpart in der Sinfonia concertante, nicht ohne zwischendurch mit dem Konzertmeister zu scherzen. Und bei der Zugabe reiht sich Zukerman kurzerhand ins Orchester ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Hope, der in diesem Jahr seine erste Festivalsaison in Gstaad verantwortet, sieht sich in erster Linie als Primus inter Pares. Als Intendant will er das Erbe seines Mentors Menuhin nun in die Zukunft führen und Brücken zwischen den Generationen schlagen. Wie sein Vorgänger Christoph Müller steht er dabei freilich vor der Herausforderung, sich von der starken Festspielkonkurrenz im In- und Ausland abheben zu müssen. Was reizt ihn besonders an dieser Aufgabe?KünstlermagnetDas Saanenland ist eng mit Hopes Lebensgeschichte verbunden. Denn seine Mutter Eleanor Hope war lange Jahre Menuhins Managerin und zeitweise auch künstlerische Leiterin des Festivals. Den berühmten Geiger kannte Hope bereits als kleiner Junge und ging in dessen Londoner Haus ein und aus. Bald assistierte ihm die Mutter auch in Gstaad und durfte die gesamte Familie mitnehmen. «In einem alten Volvo, der fast zusammenbrach, sind meine Eltern Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal von England in die Schweiz gefahren», erzählt Hope. Schon als Dreijähriger, kurz bevor er selbst mit dem Geigenspiel begann, erlebte er Proben in der Kirche von Saanen mit.Fast zwanzig Jahre zuvor hatte Menuhin dort mit seinen Freunden Benjamin Britten, Peter Pears und Maurice Gendron das Festival aus der Taufe gehoben. «Yehudi verfügte über ein riesiges Netzwerk von Künstlern, sie zogen die Menschen förmlich in ihren Bann. Gstaad wurde damit auch musikalisch zu einem globalen Ort», sagt Hope, der dort mit 19 Jahren auf der Bühne debütierte. Die Pianistin Nadia Boulanger wirkte anfangs regelmässig mit, ebenso der Cellist Mstislaw Rostropowitsch oder der Jazz-Violinist Stéphane Grappelli. Als Zehnjähriger traf Hope in Gstaad erstmals Pinchas Zukerman.Dass seine erste Ausgabe unter dem Motto «Family Matters» (Familienangelegenheiten) steht, liegt nicht nur in Hopes eigener Biografie begründet. Denn Menuhin begriff das Musizieren als verbindende Kraft, die Menschen unabhängig von Alter und Herkunft vereinen kann. Künstler und Publikum bilden so idealerweise eine erweiterte Familie.Bei den Auftritten des Zürcher Kammerorchesters, das Hope seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren stets von der Violine aus leitet, ist das tiefe gegenseitige Verständnis deutlich spürbar. «Ich bin kein Dirigent, und ich möchte auch niemandem folgen», bekennt der umtriebige Musiker, der mit seiner Familie seit mehreren Jahren in Zürich lebt. «Für mich ist dies Kammermusik auf einer grösseren Ebene. Deshalb habe ich als Geiger immer Blickkontakt zu den anderen, auch zur Oboe oder zum Horn.»Norwegische Folklore trifft klassische Musik: Die Geigerin Ragnhild Hemsing setzt mit der Hardangerfiedel neue Akzente.Bailey Davidso / Menuhin Festival GstaadKontinuität und neue FormateFast so alt wie das Festival selbst ist die Nachwuchsförderung in Gstaad. 1977 entstand die Internationale Menuhin-Musik-Akademie, deren erster Direktor Alberto Lysy ein Kammerensemble aus Studenten, die Camerata Lysy, gründete. In verschiedenen Akademien werden inzwischen nicht nur junge Streicher, sondern auch Pianisten, Sänger und Dirigenten ausgebildet. In der Reihe «Next Generation» stellen sich aufstrebende Talente vor, in diesem Jahr überzeugten etwa die bulgarische Geigerin Lora Markova und der amerikanische Pianist Maxim Lando.Unterschiedliche Generationen von Musikern trafen sich auch bei Hopes «Fiddlefest», wo die Violine in all ihren Facetten im Fokus stand. Grenzen zwischen Klassik, Folklore, Klezmer und Jazz wurden im Nu überwunden – ganz im Sinne Menuhins, der jegliches Schubladendenken ablehnte und unter anderem mit dem indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar musizierte. Ragnhild Hemsing präsentierte die norwegische Hardangerfiedel und die Schweizerin Helen Maier keltischen Folk, während der Augsburger Sandro Roy, der aus einer Sinti-Musikerfamilie stammt, temperamentvoll Jazz spielte. Die Energie der Musiker sprang sogleich auf das Publikum über.«Menuhin hat mir Originalität und Mut zum Risiko mit auf den Weg gegeben», sagt Hope. «Und er hat mir eingeschärft, immer Fragen zu stellen. Denn in der Musik geht es um mehr als nur um Richtig oder Falsch.» Der Festivalchef führt bewährte Formate weiter, setzt aber auch eigene Akzente. Ein neues Forum mit Podiumsgästen aus aller Welt lud beispielsweise im ehemaligen Chalet des Malers Balthus zu Diskussionen über die «Kultur von morgen» und den Einfluss künstlicher Intelligenz ein, während das Vermittlungsprogramm «Discovery» nun auch musikalische Wanderungen bietet. Und Hope, der sich als Ehrenmitglied von Menuhins humanitärer Initiative «Live Music Now» für Konzerte in Krankenhäusern und Gefängnissen engagiert, plant mit dem Festival demnächst ein Inklusionsprojekt für Menschen mit Hörbehinderungen.In dem grossen Zelt, in dem das Festivalorchester auftritt, wird dieses Jahr auch mit Lichtinstallationen und KI-Projektionen experimentiert. Läuft alles nach Plan, so wird das Zelt nach der Sommersaison 2027 abgebaut. Am selben Ort soll nämlich ein von den Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfener Konzertsaal mit 1200 Plätzen entstehen, dessen charakteristische Form an Toblerone-Schoggi erinnert. Die endgültige Entscheidung steht allerdings noch aus. Ungeklärt ist ausserdem die Frage, wo während der Bauzeit die Konzerte und Opernaufführungen des Festivals stattfinden könnten. Daniel Hope, der die künstlerischen Herausforderungen liebt, muss hier als neuer Intendant sogleich auch sein Organisationstalent beweisen.Eine Art Symbiose zwischen Elbphilharmonie und Matterhorn: Entwurf der Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron für einen Konzertsaal in Gstaad.Rendering Herzog & de MeuronPassend zum Artikel
70 Jahre Menuhin Festival in Gstaad: Daniel Hope blickt als neuer Intendant zurück und voraus
Der berühmte Geiger wuchs quasi im Haus des grossen Humanisten und Virtuosen Yehudi Menuhin auf. Zum 70-Jahre-Jubiläum seines Festivals erinnert Hope an die familiären Anfangsjahre, will aber auch erste eigene Akzente setzen.









