Bayreuth mit KI: Rasch wechselnde Bilder, manche klarer, andere abstrakter, manche von grosser Schönheit – und alles ohne Sinn und DeutungDer mit künstlicher Intelligenz inszenierte Bayreuther «Ring» von Marcus Lobbes zelebriert die Sinnlosigkeit. Und weckt einmal mehr das Verlangen nach Bedeutung eines historisch belasteten Musikfestivals.James W. Davis06.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFrank Castorfs Mount Rushmore mit Marx, Lenin, Stalin und Mao: Bildzitate aus früheren «Ring»-Inszenierungen fliessen in die KI-generierten Projektionen ein.Enrico NawrathNatürlich mussten sie buhen. Und buhen taten sie: jeden Abend, wenn sich der Vorhang senkte. Und dann mit aller Gewalt, als Marcus Lobbes und sein Team nach der «Götterdämmerung» am Samstagabend vor den Vorhang traten. Warum? Weil dem Publikum von Wagners monumentalem viertägigem «Ring des Nibelungen» verwehrt blieb, was es zu erwarten gelernt hatte: eine Deutung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Suche nach Sinn war in diesem Jahr allgegenwärtig auf dem Grünen Hügel. Schliesslich ist es das 150-Jahr-Jubiläum der Bayreuther Festspiele. Und jeder schien nach der Bedeutung dieses Festivals zu fragen: nach jener seines Gründers Richard Wagner, seiner Musik, seinen philosophischen, politischen und sozialen Ideen, seiner Familie. Und nicht zuletzt nach der Verwicklung all dessen mit Adolf Hitler, der NS-Diktatur und ihren Hinterlassenschaften für das heutige Deutschland.Die Palette der Deutungsangebote reichte von der Charakterisierung deutscher Musikfestivals durch den Bundeskanzler als «nationale Lagerfeuer» über die Bemühungen der Festrednerin und Wagner-Urenkelin Nike Wagner, einen Ehrenplatz für die Familie zu bewahren, bis hin zur Rede des Publizisten Michel Friedman. Dieser sprach über die Verantwortung, die aus dem Antisemiten Wagner und Bayreuths antisemitischer Vergangenheit erwächst: dies insbesondere in einer Zeit, in der die Welt erneut einer irrationalen Fixierung auf die Präsenz von Juden unter uns und die realen oder eingebildeten Verbrechen des Staates Israels verfallen ist.Im «Rheingold» erzeugt die KI aus dem Material von 150 Jahren Bayreuther Festspielen fortlaufend neue Bildwelten.Bilder Enrico Nawrath150 Jahre MaterialEs wäre naheliegend gewesen, dass die künstlerische Leiterin Katharina Wagner, eine Cousine Nike Wagners und ebenfalls Urenkelin des Meisters, für dieses Jubiläumsjahr eine vollständige Neuinszenierung des «Rings des Nibelungen» in Auftrag gegeben hätte. Mit der eher unbeliebten «Ring»-Inszenierung von Valentin Schwarz (2022–2025) hätte sie Schwierigkeiten gehabt, das Haus zu füllen.Ob sie aber für eine Neuproduktion überhaupt Interessenten gefunden hätte, ist eine interessante Frage. Denn dieser Saga eine Deutung abzuringen, ist eine gewaltige Aufgabe. Es geht darin um die Torheit allzu menschlicher Götter, um die Machenschaften habgieriger Emporkömmlinge, um die Magie des deutschen Waldes und um die Hoffnung auf Erlösung durch einen furchtlosen Helden.Umso glücklicher, dass Katharina Wagner sich aus finanzieller Not für ein Inszenierungskonzept entschied, dem gelang, woran eine Neuproduktion vermutlich gescheitert wäre: einen «Ring» zu inszenieren, der sowohl das historische Erbe anspricht als auch einen Zugang schafft, der angesichts des heutigen Weltzustands Sinn ergibt.So bekam Lobbes, seit 2019 Direktor der Akademie für Theater und Digitalität am Theater Dortmund, den Auftrag, den bildlichen Hintergrund für eine rein konzertante Aufführung zu liefern. Doch anstatt einer historischen Diashow mit der Gefahr des Klischees oder einer zwar modernen, aber inzwischen ermüdenden Videoeinspielung wandten sich Lobbes und sein Team der künstlichen Intelligenz zu.Die Projektionen entstehen in Echtzeit und überlagern sich mit den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne.Bilder Enrico NawrathMit Zugang zu 150 Jahren Material aus den Bayreuther Festspielen, den Wagner-Archiven, Libretto, Partitur und kuratierten ikonischen Bildern für jedes Jahr von 1876 bis 2026 trainierte das Team einen Algorithmus. Dieser erzeugte schliesslich aus seinem Gedächtnis heraus in Echtzeit eine Szene, sobald er der Live-Aufführung ausgesetzt wurde. Was auf der Bühne entsteht, ist keine Diashow, kein Video, sondern eine originäre Schöpfung im Moment selbst. Durch strategisch platzierte Vorhänge aus Theater-Tüll und lichtreaktive Kostümstoffe entsteht eine dreidimensionale Bühne, die man leicht mit einem Hologramm verwechseln könnte.Dabei war die KI nicht völlig frei: Der Kurator, wie Lobbes sich selbst nennt, setzte Parameter. Jede Szene ging von einer Reminiszenz an den allerersten «Ring» im August 1876 aus, inszeniert von Wagner selbst. Im Verlauf der vier Abende vermischte sich die kuratierte Ikonografie der vergangenen 150 Jahre – Kaiser Wilhelm II., Thomas Mann, Hitler, Kennedy, Astronauten auf dem Mond – mit den KI-generierten Bildwelten, um den Gang der Zeit zu dokumentieren.Ihre Premiere hatte die KI mit dem «Rheingold». Der Abend war geprägt von rasch wechselnden Szenen. Kaum hatte man ein Bild erfasst, verblasste es und wurde von einem anderen ersetzt. Manche waren gegenständlich, manche abstrakt, Figuren tauchten auf, öfter nur als Andeutung. Das Tempo liess wenig Raum zur Reflexion und wirkte zeitweise desorientierend, verärgernd, beunruhigend, ja lästig. Wo befinden sich die Darsteller? Wo befinden wir uns? Man wusste es schlicht nicht.In der «Götterdämmerung» treten die KI-Projektionen zeitweise hinter die Musik zurück.Bilder Enrico NawrathIm matten BilderflussGewöhnt man sich an die wechselnden, oft schönen Bilder, verlieren sie zunehmend ihren Wert als Anker – zumal für jene, die mit den historischen Bayreuther Inszenierungen nicht vertraut sind. Wer nie Frank Castorfs «Ring» (2013–2017) erlebt hatte, konnte mit den wiederkehrenden Verweisen auf dessen sozialistischen Mount Rushmore mit Marx, Lenin, Stalin und Mao wenig anfangen – ein Bild, in das sich die KI, wie Lobbes zugab, regelrecht verliebt zu haben schien.Auch für die Inszenierungen von Harry Kupfer (1988–1992) und Patrice Chéreau (1976–1980) schien die KI offensichtliche Zuneigung zu hegen. Solche Charakterisierungen sind freilich anthropomorphische Fehlschlüsse: Eine KI empfindet nichts, sie betreibt statistisches Schliessen, um ein passendes Bild zu ermitteln. Bisweilen gelingt ihr das vortrefflich, doch gerade dort, wo das Libretto Emotion beschwört – sei es metaphorisch, wenn Sieglinde, lange an Haus und Herd gekettet, Siegmund als «den Lenz, nach dem ich verlangte in frostigen Winters Frist» begrüsst, oder gewaltsam, wenn Hunding Siegfried ersticht –, wirkten die Bilder seltsam matt.Man kann die Handlung kaum kritisieren, denn eine solche gibt es schlicht nicht. Stattdessen wird uns ein Bewusstseinsstrom präsentiert, während die KI der Musik lauscht und ihr Gedächtnis konsultiert, um für jede Szene ein passendes Bild zu konstruieren. Obwohl von den meisten kritisiert, hat das Fehlen von Handlung den positiven Effekt, dass Sängern wie Publikum ermöglicht wird, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren.Zwar wurden die Sänger im Verlauf des Zyklus zunehmend aktiver; angesichts des knappen Budgets, das nur eine einzige Generalprobe erlaubte, hatte man den Eindruck, dass auch sie sich erst an das Medium gewöhnen mussten. Dennoch: Befreit von der Notwendigkeit, elaborierter Regie zu folgen, war es die Musik, die Sänger wie Publikum gefangen nahm und trug. Musikalisch war dies einer der besten «Ringe» der jüngeren Bayreuther Geschichte.Die KI verwandelt die «Siegfried»-Szene in eine glühende, abstrakte Bildlandschaft.Bilder Enrico NawrathSuche nach BedeutungDoch zurück zur vermeintlich fehlenden Deutung. Ist Deutung gleichbedeutend mit Regie? Und war nicht einer der grössten «Ringe» des 20. Jahrhunderts Wieland Wagners Inszenierung von 1951? Sie war gerade für ihre radikale Abstraktion bemerkenswert, eine Mise-en-scène ohne viel Szene. Es klingt wie eine Binsenweisheit, doch es gibt keine einzige, endgültige Bedeutung eines grossen Kunstwerks. Wer mehr als eine «Ring»-Inszenierung gesehen hat, weiss, dass der Stoff Inspiration für jede erdenkliche Deutung des Menschseins bietet.Die Suche nach letzter Bedeutung mag fortdauern, sie bleibt jedoch so vergeblich wie eh und je. Doch indem sie dem Zuschauer einen mehrdeutigen roten Faden verweigert, sagt Lobbes’ Kuratierung eigentlich etwas Tiefgründiges über unsere gegenwärtige Lage. Wo befinden wir uns? Angesichts des Zusammenbruchs des Post-Kalter-Krieg-Optimismus, der Massenmigration, des Klimawandels, der Rückkehr des populistischen Nationalismus – würde ich wagen, zu antworten: Wir wissen es schlicht nicht.Was ist die Bedeutung eines historisch belasteten Musikfestivals heute? Kann irgendjemand dies in eine kohärente Erzählung fassen? Rasch wechselnde Bilder, manche klarer, andere abstrakter, manche verstörend, andere von grosser Schönheit: Ist dies nicht genau die Verfassung, in der wir uns befinden? Wie sollen wir Bildern und Berichten Sinn zuschreiben, wenn die grössten Verkünder von Unwahrheiten alles Fake nennen, während sie selbst KI-generierte Fakes verbreiten?Natürlich sind wir desorientiert, verärgert, beunruhigt. Buhrufe scheinen angemessen. Doch wenn unsere Demokratie überleben soll, wäre es dann nicht fruchtbarer, das zutiefst menschliche Verlangen nach Ordnung – oder schlimmer, nach jemandem, der sie stiftet – beiseitezulegen und sich stattdessen einer transzendentaleren Orientierung zuzuwenden?Marcus Lobbes’ Jubiläums-«Ring» von 2026 überzeugt trotz – nein, ich glaube, wegen – des Verzichts auf auferlegte Ordnung, getragen von herausragenden Leistungen der Besetzung und des Festspielorchesters unter der einzigartig fühlsamen Leitung Christian Thielemanns. Sowie der Orientierung, die die Musik Richard Wagners bietet.James W. Davis ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. GallenPassend zum Artikel
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