Şeyda Kurts Debütroman «Zeit der Monster»: ein Völkchen schräger Vögel und eine deutsche Kanzlerin mit der Frisur von Alice WeidelDie Autorin will die nahe Zukunft in einen literarischen Fiebertraum verwandeln. Darin ist bekanntermassen alles möglich.Paul Jandl06.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenŞeyda Kurt macht Köln-Kalk zur Fantasy-Kulisse.Harriet MeyerGoogle Street View ist ein gutes Instrument, um uns vor falschen Erwartungen zu schützen. Hier?, fragt man sich, wenn durch digitale Evidenz bewiesen ist, dass angeblich beste Wohngegenden doch nur Industriebrachen sind. Hier?, fragt man sich auch, wenn man den Hauptschauplatz aus Şeyda Kurts Debütroman «Zeit der Monster» googelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er ist klar benannt. Sieversstrasse 20, Köln-Kalk. Ein schlichtes Mehrfamilienhaus mit Glotzfenstern, rundum Neubauten. Die nüchterne Strasse will zum ekstatischen Ton des literarischen Erstlingswerks nicht passen. Zu einer Ode aus Revolution und Pop, zu einem Metaphern- und Symbolgewitter, das wirkt, als wäre es auf Autopilot geschaltet. Der Roman ist Street View wie auf Drogen.Unerlöste HeiligeKlar: Man darf die Literatur nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Doch was, wenn die Literatur so offensichtlich auf die Wirklichkeit pfeift, dass von Köln-Kalk nur frei flottierende Fantasy übrigbleibt? «Zeit der Monster» führt in eine vage bestimmte Zukunft. Es gibt eine deutsche Kanzlerin, deren Frisur der von Alice Weidel ähnelt. Im rechtsrheinischen Kölner Stadtbezirk Kalk, bekannt für seine bunte ethnische Zusammensetzung, lebt ein Völkchen schräger Vögel. Die junge Sanya ist die Hauptfigur. Am Anfang des Romans schreckt sie nachts hoch, weil sie geträumt hat, sich an den eigenen Namen nicht mehr erinnern zu können. «Wimmernd und entschlossen zugleich» schreibt sie ihn drei Mal auf ein Blatt Papier.«Zeit der Monster» hat eine hohe Aufladungsintensität. Ein Raunen, das nicht nur die Sprache erfasst, sondern auch die Figuren mit etwas Quasireligiösem überwölbt. Wie eine unerlöste Heilige stolpert Sanya durch die Handlung. Sie sucht Nabû, ihre Geliebte, die nach einem Streit mit der Mutter Shamiram, genannt Mira, verschwunden ist. Mira sitzt im Rollstuhl. Ihr gehört ein Fitnessstudio namens «Muskelpalast McBurn», in dem Khady arbeitet. Khady hat ein Verhältnis mit Angelo, dem Pfarrer von St. Joseph, der mit dem Umstand hadert, dass sich in seiner Kirche immer wieder Bedürftige sammeln. Fiebernd und in «hässlichen Trainingsanzügen» zieht Angelo durch ein Viertel, dessen Bürgermeister Köbes dauerbetrunken ist und im kölschen Dialekt daherredet. Er giesst die öffentlichen Pflanzen und gibt ihnen auch Namen.«Zeit der Monster» ist ein Fantasy-Roman, bei dem sich im Hinblick auf Handlung und Figuren die pedantische Frage nach dem Warum eigentlich verbieten müsste. Allerdings hat Şeyda Kurt, die bisher als Sachbuchautorin und höchst eloquente Talkshow-Teilnehmerin bekannt war, ihrem Buch auch Leseanleitungen beigegeben. Der Romantitel nimmt ein zugespitztes Zitat aus dem 1930 entstandenen «Gefängnisheft» des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci auf: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.» Ausserdem hat Şeyda Kurt in einem Interview gesagt, dass sie mit ihrem Buch den «Fiebertraum» unserer Gegenwart habe abbilden wollen. Leider gehen die angeblichen politischen Implikationen von «Zeit der Monster» in der Beliebigkeit des Romangeschehens vollkommen verloren. Auch der Fiebertraum scheint keine gute Referenz. In ihm ist bekanntermassen alles möglich.Weil es bei «McBurn» gerade nicht so läuft, hat Mira, Sanyas Ziehmutter und Nabûs leibliche Mutter, eines Tages den Einfall, via Tiktok eine Prophezeiung öffentlich zu machen. Die Welt stehe vor einer Katastrophe und werde bald untergehen. Im Gasthaus zum Roten Löwen bricht ein Feuer aus. Die Besitzerin mit Namen Gul kann knapp gerettet werden. Es gibt seltsame Spontanerkrankungen. Die Panik im Viertel hält sich in Grenzen, doch wird Köln-Kalk plötzlich seinem Ruf gerecht. Immer schon als «Drogensumpf», «Elendssumpf» und «Krawallsumpf» beschimpft, gibt es in der Gegend um die Sieversstrasse, wo Mira mit ihrer Familie lebt, immer wieder rätselhafte Überschwemmungen.Sind sie herbeigeführt von türkischen Rechtsradikalen, den «Grauen Wölfen»? Von Nabûs linker Guerilla namens «Brigade Karl Küpper»? Oder schwappt hier etwas Mythisches in einen Roman, der der Figur Shamiram nicht umsonst den Namen einer assyrischen Königin gegeben hat? Bei Şeyda Kurt ist man dann ganz unversehens in den Sümpfen von Euphrat und Tigris, im alten Mesopotamien. Ziemlich freihändig wird von dort eine Gedankenlinie nach Köln-Kalk gezogen. Einen Flüssigkeitsmetaphern-Boost gibt es allerdings auch auf banalerer Ebene. Sanya hat sich eine Blasenentzündung eingefangen.Vergangene Epochen werden im Roman herbeizitiert, wie zum Beispiel das Jahr 1917. Man weiss nicht, warum. Undefinierbare Gruppen und Einzelfiguren geistern durch Kurts «Zeit der Monster», ohne dass jemals die Gefahr wirklicher Monstrosität entstünde. In den Kellerruinen der alten Chemiefabrik sitzen seit Jahrzehnten jene Menschen, die gegen ihre Schliessung protestiert haben. Junge Männer im Bro-Modus marodieren durch das Gelände. Es gibt einen Silberbecher mit aramäischer Aufschrift, «ein mindestens fast schon lebendiger Gegenstand, der in die Vergangenheit weist und die Gegenwart verändert». Und dann ist da noch eine rätselhafte Gestalt im grauen Overall. Vorerst namenlos und schweigsam, ist sie auf unheimliche Weise im Roman präsent. Wofür steht sie? Wo kommt sie her, wo will sie hin?Träumende Kartoffeln, bebende SalateDieser Mensch mit den «Holzbienenaugen» scheint so etwas wie das symbolhafte Maskottchen eines Debüts zu sein, in dem der einzelne Einfall mehr gilt als die Stringenz. Was am Anfang der Lektüre noch als Feuerwerk der Ideen wirkt, hat bald die gleichen Folgen wie herkömmliche Pyrotechnik. Ein Zuviel nervt. Was auf alle Fälle über weite Strecken zu viel ist, ist die Sprache in «Zeit der Monster». Ein raunendes Ding, das offensichtlich unter dem Missverständnis zustande gekommen ist, dass das Poetische die literarische Sprache schlechthin ist.Wenn es besonders poetisch wird, ist der Text wie bei Gedichten in linksbündigem Flattersatz gesetzt, und man erlebt epiphanische Augenblicke: «Tomaten flammen, flammen, flammen / Salate beben, der Kohl platzt / Kartoffeln unter der Erde träumen tief / Lauchzwiebeln: Stellungskrieg / Hanf schiesst, Kräuter duften wild / duften irre.» Auf den Stellungskrieg der Lauchzwiebeln folgen noch viele unglücklich ambitionierte Bilder. «Er war eine Uhr ohne Zeiger in der Seele», heisst es da. Oder: «Der Fröstelnde trat ungeduldig von einem Fuss auf den anderen, die glatten, gespannten Unterschenkel unter den dunklen Shorts wie antike Säulen im Dunst.»Eine Spezialität von «Zeit der Monster» sind nebelhafte Andeutungen: «Die schweren Körper köcheln wie der letzte Sommertag. Brennen kann nur, was atmet. Und diese Nacht ist der längste Atem. Sie schliesst den Schmerz ein im Dazwischen. Dem einzigen Ort, der nie vergeht.» Hat «Zeit der Monster», dieses «Ereignis von einem Roman», wie der Verlag sagt, wirklich die Mittel, um die dystopische Gegenwart zu erfassen? Eine oft verunglückte Sprache und das Unglück der Gegenwart scheinen sich hier jedenfalls die Hände zu reichen: «Verzweifelt warfen die Menschen ihre Gesichter in den staubigen Boden. Oh Aloho!» Aber hallo!Şeyda Kurt: Zeit der Monster. Roman. Hanser-Verlag, München 2026. 288 S., Fr. 33.90.Passend zum Artikel